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NSU-Prozess: Das Geheimnis des Angestellten Carsten Sz.

Von , München

Propagandamaterial von "Blood and Honour" (Archivbild):   Misstrauen unter Kameraden    Zur Großansicht
AP/ LKA Baden-Württemberg

Propagandamaterial von "Blood and Honour" (Archivbild): Misstrauen unter Kameraden

Michael P. betrieb einen Neonazi-Laden und hatte eine Ehefrau, deren Freunde engen Kontakt zu den mutmaßlichen NSU-Terroristen pflegten. Im Münchener Prozess sprach er über Misstrauen im rechten Milieu.

Immer wieder mal springt der NSU-Prozess innerhalb einer Verhandlungswoche von einem Tatkomplex zum nächsten, nicht so in diesen Tagen: Am Mittwoch wird Carsten Sz. Zeuge sein, ehemaliger Informant des brandenburgischen Verfassungsschutzes mit dem Decknamen "Piatto". Der Dienstag diente gewissermaßen als Vorbereitung für die Befragung des Ex-Spitzels.

Teil dieser Vorbereitung war die Vernehmung von Michael P., 43 Jahre alt, gelernter Schweißer, ehemaliger Neonazi - und einst Arbeitgeber "Piattos". Michael P. leitete den Szeneladen "Sonnentanz" im sächsischen Limbach nahe Chemnitz - gemeinsam mit seiner damaligen Ehefrau Antje B., die bereits im NSU-Prozess ausgesagt hat. Antje B. soll bereit gewesen sein, der flüchtigen Beate Zschäpe ihren Reisepass zur Verfügung zu stellen.

Das Ehepaar hatte Carsten Sz. Mitte der Neunzigerjahre in der Justizvollzugsanstalt Brandenburg besucht und ihm versprochen: "Wenn du rauskommst, helfen wir dir." So schildert es Michael P. am Dienstag vor dem Oberlandesgericht München. Carsten Sz. habe damals behauptet, er sitze unschuldig in Haft. "Ich habe ihm geglaubt", sagt Michael P. Der Grund, warum Carsten Sz. inhaftiert war, sei eine "Kneipenschlägerei" gewesen. "Politisch motiviert", schiebt Michael P. nach. Es klingt so, als halte er das für übertrieben.

"Der konnte einem nie in die Augen gucken"

Tatsächlich wurde Carsten Sz. wegen versuchten Totschlags zu acht Jahren Haft verurteilt, weil er im Mai 1992 als Rädelsführer eine Horde Neonazis auf Steve E. hetzte. Der nigerianische Lehrer kam fast zu Tode.

Das Ehepaar hatte Mitleid mit dem Rechtsextremisten und bot ihm eine Festanstellung in seinem Szeneladen an. Thematisch wohl das Richtige für einen Neonazi: Über die Theke im "Sonnentanz" gingen NS-Devotionalien und angeblich allerhand Informationen aus dem inzwischen verbotenen Neonazi-Musiknetzwerk "Blood and Honour", dessen sächsische Sektion Antje B. mitgegründet hat und von dessen Unterstützungsleistungen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe im Untergrund profitiert haben sollen.

"Blood and Honour" habe er nicht "getraut", beteuert Michael P. vor Gericht. Ebenso wenig wie seinem Angestellten Carsten Sz., der in Brandenburg eine Filiale aufbauen sollte, aber de facto kein ganzes Jahr bei ihm gearbeitet habe.

"Menschenkenntnis habe ich sowieso nicht, aber dem habe ich misstraut", sagt Michael P. "Der konnte einem nie in die Augen gucken, als hätte er ein Geheimnis." Hatte Carsten Sz. auch: Im Juni 2000 wurde er als V-Mann enttarnt.

Bis dahin sei er ihm immer "wie ferngesteuert" vorgekommen, sagt Michael P. "Ich hatte den Eindruck, dass er nicht aus freien Stücken handelt." Wie er das genau meine, will der Vorsitzende Richter Manfred Götzl wissen. Carsten Sz. sei nach seiner Inhaftierung "plötzlich extrem umtriebig" gewesen, beschreibt es Michael P. "Er hat Sachen gemacht, die ich als politischen Selbstmord bezeichnen würde." Zum Beispiel habe Carsten Sz. die Ortsgruppe einer neuen Partei gründen wollen und sinnlos die Stadt vollplakatiert.

"Mit martialisch auftretenden Personen hatte ich nichts zu tun"

Von einem Tag auf den anderen war Carsten Sz. verschwunden. "Ich habe den nie wieder gesehen", sagt Michael P. Carsten Sz. habe sich mit Ware, die er ihm damals geschuldet habe, aus dem Staub gemacht. "Tja, dann war er im Zeugenschutzprogramm - und ich kam nicht mehr an ihn ran."

Carsten Sz. gilt als wichtiger Zeuge im NSU-Prozess. Er soll bereits am 9. September 1998 seinem V-Mann-Führer gemeldet haben, dass der in der Neonaziszene bekannte Jan W. Kontakt zu den untergetauchten Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe habe - und ihnen Waffen besorgen solle. Er war nicht der einzige, den Michael P.s Ex-Frau zu ihrem Freundeskreis zählte, der engen Kontakt zu den drei Untergetauchten pflegte. Auch deshalb muss Antje B. in der kommenden Woche noch einmal vor Gericht erscheinen.

Michael P. will das Trio nicht kennen. "Mit martialisch auftretenden Personen hatte ich nichts zu tun." Aber Jan W. kennt er gut. Dieser sei ein Klassenkamerad seiner Ex-Frau Antje. Drei Jahre lang habe man Wand an Wand gelebt, Jan W. habe das älteste der vier Kinder der P.s gehütet. Als die Familie aufs Dorf zog, habe man Jan W. alle zwei Wochen "auf ein Bierchen" getroffen.

Wie eng war die Bande zwischen dem Ehepaar und Jan W. wirklich? Was wussten die beiden, was auch V-Mann "Piatto" wusste? Der Senat des Oberlandesgerichts München hat viele Fragen.

Michael P. zögert, windet sich. Er wolle weder sich noch seine Ex-Frau belasten. "Es könnte sein, dass sie damit etwas zu tun hat", sagt er schließlich. Der Vorsitzende Richter Götzl lädt ihn ein weiteres Mal: Am 16. Dezember soll er wieder erscheinen - dann mit einem Rechtsanwalt als Zeugenbeistand an seiner Seite.

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Die Angeklagten im NSU-Prozess
Foto Beate Zsch¿pe
Foto Ralf Wohlleben
Foto Holger G.
Foto Carsten S.
Foto Andr¿ E.

Fotos: BKA/DER SPIEGEL


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