Zeugenvernehmung im NSU-Prozess Im Angesicht des Verbrechens

Zur Aufklärung der Mordserie des "Nationalsozialistischen Untergrunds" werden im Prozess Zeugen befragt - und Bilder gezeigt. Der Vorsitzende Richter erspart den Anwesenden die erschütterndsten Aufnahmen. Bei ganz bestimmten jedoch schaut die Hauptangeklagte ganz genau hin.

Von , München

Angeklagte Beate Zschäpe: Keine Blicke auf Fotos der Opfer
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Angeklagte Beate Zschäpe: Keine Blicke auf Fotos der Opfer


Halit Yozgat war stolz auf sein Internetcafé in einem Mehrfamilienhaus im Holländischen Viertel. Gemeinsam mit seinem Vater hatte er sich erst wenige Monate zuvor Geld geliehen, um den Laden im Norden Kassels zu eröffnen. Sieben Computerplätze und mehrere abgetrennte Telefonzellen hatten sie installiert. Am 6. April 2006, einem warmen Frühlingstag, wartete der 21-Jährige auf seinen Vater, der ihn ablösen sollte, sich aber verspätete. Halit Yozgat musste zur Abendschule, er wollte sein Abitur nachholen.

Im hinteren Teil des Cafés surften unter anderem zwei Jugendliche im Internet, eine schwangere Frau telefonierte in einer der Kabinen, einen Kinderwagen mit ihrem Kleinkind hatte sie davor abgestellt. Ein Mann besetzte eine weitere Telefonzelle. Halit Yozgat saß auf einem Stuhl hinter der Theke und vertrieb sich die Zeit.

Ein oder zwei Unbekannte stürmten das Café, schossen Halit Yozgat zweimal in den Kopf, die Projektile blieben stecken, Halit Yozgat sackte tot vom Stuhl. Seine Mörder verschwanden. Die Jugendlichen, die Frau, der Mann - sie alle hörten die Knallgeräusche, identifizierten sie jedoch nicht als Schüsse. "Wie Luftballons, die zerplatzt sind", gab der Mann später zu Protokoll. Er hatte sein Telefonat fortgeführt, ebenso die Frau, auch die Jugendlichen blieben vor den Computern sitzen.

Zu Unrecht verdächtigt

Halit Yozgat gilt als das neunte Opfer des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) - und das jüngste. Er starb wie acht weitere Männer durch die tschechische Pistole des Typs Ceska 83, Kaliber 7,65 Millimeter - und durch die gleiche kaltblütige Brutalität.

Der oder die Täter scheinen Augenzeugen nicht gefürchtet zu haben. Zur Tatzeit stand der Mann in der ersten Telefonzelle des Internetcafés, direkt am Eingang. Was, wenn er, aufgeschreckt durch die Schüsse, seine Kabinentür geöffnet hätte? Was, wenn die schwangere Mutter in dieser Sekunde aufgelegt und nach ihrem Kind geschaut hätte?

Der Mord an Yozgat habe ihn in seiner Annahme bestätigt, dass der Schütze kein Einzeltäter sei, sagte der damals ermittelnde Kommissar Karl-Heinz G. am Mittwoch vor dem Oberlandesgericht München (OLG). Mindestens ein zweiter Mann habe mögliche Zeugen abhalten oder ablenken müssen.

Ansonsten scheint sich der Ermittler ähnlich wie viele seiner Kollegen, die sich um die Aufklärung der bundesweiten Mordserie bemühten, damals nicht allzu viele Gedanken bei der Arbeit gemacht zu haben: Auch er konzentrierte sich auf alle möglichen Motive, nicht aber auf ein fremdenfeindliches.

So muss es auch die Familie Yozgat empfunden haben: Sie fühlten sich zu Unrecht verdächtigt. Halit Yozgats Vater vertraute sich schließlich einem türkischen Polizisten an, unter Tränen gab er an, dass es bei der Verbrechensserie kein anderes Motiv geben könne als ein ausländerfeindliches. So schilderte es am Mittwoch Thomas Bliwier, Anwalt der Familie, als ihm die Beteuerungen des Kommissars im Zeugenstand zur angeblich guten Zusammenarbeit zwischen Ermittlern und Familie offensichtlich zu viel wurden.

Erschütternde Aufnahmen

Mehrere Zeugen hatten zuvor berichtet, wie der Münchner Geschäftsinhaber Theodoros Boulgarides - das einzige griechische Todesopfer - sterben musste: Da war der Rettungssanitäter, der mit als Erster am Tatort eintraf; der Beamte des Kriminaldauerdienstes, der den Tatortbefundbericht anfertigte; der Rechtsmediziner, der noch in der Nacht die Leiche des 41-Jährigen obduzierte; der LKA-Beamte, der den Ablauf der drei Schüsse rekonstruierte.

Sie alle schilderten erschütternde Details - teilweise unterlegt mit ebenso erschütternden Aufnahmen vom Tatort. Theodoros Boulgarides, wie er - das Gesicht mit drei Schüssen in Nase, Mund und Kinn komplett zerschossen, den Kopf in einer riesigen Blutlache - auf den Fliesen seines kleinen Ladens liegt. Nahaufnahmen seiner rechten, blutverschmierten Hand. Nahaufnahmen seiner linken, blau verfärbten Hand. Überall Blut.

Immer wieder intervenierte der Vorsitzende Richter Manfred Götzl: "Das nächste Bild überspringen wir", "nähere Aufnahmen von der Leiche zeigen wir jetzt nicht". Und doch schonte das die Zuschauer nicht. Auch die an die Wand projizierten Fotos und die sachlich-nüchternen Ausführungen der Zeugen transportierten die Brutalität der Taten ebenso wie die fassungslose Sinnlosigkeit.

Die angeklagte Beate Zschäpe, einzige Überlebende des NSU-Trios, rückte ihre Brille zurecht, starrte interessiert auf die Aufnahmen von den Tatorten. So wie sie es bislang jedes Mal tat, wenn Bilder aus ihrem einstigen Zuhause an der Wand flimmerten. Nie konnte sie ihren Blick abwenden.

Doch wenn Bilder der Leichen oder der Gegenstände, an denen deren Blut haftet, erscheinen, wendet sie sich prompt ab, stiert auf den Bildschirm ihres Laptops. Man könnte meinen, der Anblick setze auch ihr zu.

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