Zeugin im NSU-Prozess Skingirl im Sumpf

Antje B. hatte Freunde, die wohl in engem Kontakt zu den mutmaßlichen NSU-Terroristen standen. Als Zeugin im Münchener Prozess bestreitet sie erst diese Bekanntschaften - bis der Richter sie in die Enge treibt.

Beate Zschäpe, Anwälte, Polizisten: Half "Blood and Honour" im Untergrund?
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Beate Zschäpe, Anwälte, Polizisten: Half "Blood and Honour" im Untergrund?


Die Zeugin Antje B. nennt als Beruf "Erzieherin". Sie gehörte in den Neunzigern zu den Gründungsmitgliedern des inzwischen verbotenen Neonazi-Musiknetzwerks "Blood and Honour", von dessen Unterstützungsleistungen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe im Untergrund profitiert haben sollen. Frau B. trägt ein schwarzes Stirnband über ihren kurzen Haaren, eine "Reenie-Frisur", bei der das Haar vor den Ohren lang gelassen wird. Die Trägerin gibt sich damit in Skinhead-Kreisen als Szenemitglied, als "Skingirl", zu erkennen.

Das erste, was sie den Senat des Oberlandesgerichts München wissen lässt: Sie habe weder die mutmaßlichen Mörder Böhnhardt oder Mundlos gekannt noch Zschäpe. Sie habe keinerlei Kontakt zu diesen Personen gehabt.

Dann gibt sie sich nach langem Zögern und vielen Pausen zwischen ihren einsilbigen Antworten als Verehrerin des 1993 verstorbenen Musikers Ian Stuart zu erkennen, dessen Erbe sie zu bewahren und fortzuführen trachtete. In Stuarts Liedern geht es um Themen, die vornehmlich bei Rechtsextremen Beifall finden: die Ablehnung anderer "Rassen" und "Untermenschen", es wird zu Gewalt gegen Juden, Schwarze, Asiaten, Türken und sonstige "Zecken" aufgerufen.

"Aber dann ging es nur ums Geld"

"Stuart war ein Idealist!" sagt sie schwärmerisch. Der Vorsitzende gibt sich ratlos: "Was sollte 'Blood and Honour' fortführen?" "Dieses Ehrenvolle, das Stuart verkörperte, diese hohen Werte! Dass wir uns ein Stück weit zurückbesinnen! Dass man ehrlicher wird und erkennt, was Demut ist," antwortet B. Der Vorsitzende will es konkreter. "Dass man treu sich selber ist, ja, moralisch lebt und Recht von Unrecht ein bisschen unterscheidet", fährt sie umständlich fort, "und auch die tolle Musik". "Die lassen wir jetzt mal beiseite", antwortet Götzl kühl.

Antje B. soll im Zusammenhang erzählen. Doch jede Antwort muss der Richter ihr aus der Nase ziehen. Was es mit dem "Ehrenhaften" auf sich gehabt habe? Stockend erklärt die Zeugin, dass es bei den sogenannten Konzerten auch oder hauptsächlich ums Geldverdienen gegangen sei. "Ich hatte mir vorgestellt, man ist befreundet, man hat Familie, man unternimmt mit den Kindern etwas gemeinsam. Aber dann ging es nur ums Geld. Kinder spielten gar keine Rolle." Deshalb habe sie "Blood and Honour" den Rücken gekehrt.

1998 hätten mal 20.000 Mark in der Kasse gefehlt; sie habe Thomas S. in Verdacht gehabt, das Geld in die eigene Tasche gesteckt zu haben. 1998 verschwand das Trio in der Illegalität und hatte zunächst Probleme, seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Thomas S., der mit Zschäpe ein Verhältnis hatte, suchte damals ein Versteck für die Flüchtigen.

"Gab es keine politischen Ziele?", erkundigt sich der Vorsitzende. "Sie beschreiben nämlich hier eine Idylle von Musikliebhabern, die mit ihren Kindern wie in einer Krabbelgruppe zusammenkamen." Sie selbst habe keine politischen Ambitionen gehabt, aber möglicherweise andere Personen, antwortet B. Manchen sei es um eine "weiße Welt" gegangen. "Der Jan zum Beispiel" - gemeint ist Jan W., jener Konzert-Organisator, der versucht haben soll, für das NSU-Trio Waffen zu besorgen - "machte so ein Heftchen, das ,White Supremacy'. Da spielte das eine Rolle." "Was spielte eine Rolle?", fragt der Vorsitzende. "Die weiße Power, dass die erhalten bleibt."

"Ich komme da nicht mehr raus"

Antje B. war laut ihren eigenen Worten mit zahlreichen Personen befreundet, die in engstem Kontakt zu Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe gestanden haben sollen. Mundlos soll an "White Supremacy" mitgearbeitet, ein anderer Sprengstoff für das Trio besorgt haben. B. selbst soll angeboten haben, Zschäpe ihren Reisepass für eine Flucht nach Südafrika zur Verfügung zu stellen. Vor Gericht bestreitet sie dies vehement. "Kennen Sie Ralf Wohlleben?" fragt der Vorsitzende? "Nein." Holger G., Carsten S.? Frau B. will niemanden kennen.

Dann räumt sie ein, dass es bei manchen ihrer Bekannten auch "um ein Stück weit rechtes Gedankengut" gegangen sei. "Ein Stück weit?" Mit unendlicher Geduld fragt sich der Vorsitzende an die Zeugin näherheran. "Das sind einfach plakative Äußerungen, wie sagt man, weiße Rasse, so in dem Sinne." Das seien alles nur Floskeln. "Ich weiß gar nicht", behauptet sie, "ob es je einen Sinn dahinter gab. Es war kurz nach der Wende. Das ist nicht mehr vergleichbar mit heute." Damals sei es "landläufiger" gewesen zu sagen: Deutschland den Deutschen!

"Wieso betonen Sie eigentlich immer die 'weiße Power'?" fragt der Vorsitzende. "Dass man sich nicht mischt", antwortet die Zeugin. "Dass man die weiße Haut erhält." Das sei die Grundaussage gewesen. Sie selbst hat vier Kinder.

Nach der Mittagspause treibt der Vorsitzende die Zeugin in die Enge. Sie bestreitet, den Angeklagten André E. zu kennen. Als Wohnort hatte sie zu Beginn Aue im Erzgebirge angegeben. André E. und sein Bruder Maik, bekannte Szenegrößen, gelten als Gründer der "Weißen Brüderschaft Erzgebirge". Der Vorsitzende hält ihr frühere Vernehmungen vor, in denen sie über die Brüder detailreich ausgesagt hatte. "Egal, was ich jetzt sage", sie stutzt, "ich bin ja total unglaubwürdig, wenn ich sage, das ist mir jetzt wieder eingefallen. Ich komme da nicht mehr raus." Hat sie Angst, zu viel über die damalige Szene auszuplaudern? Oder fürchtet sie um ihren Job als Erzieherin, wenn bekannt würde, wie tief sie damals in dem menschenverachtenden Sumpf steckte - und vielleicht immer noch steckt?

In der nächsten Woche wird sich der Angeklagte Carsten S. erneut äußern und Oberstaatsanwalt Jochen Weingarten zu seiner Vernehmung von Enrico T. aussagen, bei der es etwas lautstark zugegangen sein soll. Frau B. wird am 10. Dezember wieder vor Gericht erscheinen müssen, möglicherweise mit einem Zeugenbeistand.

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