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Zeugin im NSU-Prozess über Zschäpe: "Sie hatte allgemein ein krasses Auftreten"

Von , München

Angeklagte Zschäpe: Zeugin schildert Angriff Zur Großansicht
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Angeklagte Zschäpe: Zeugin schildert Angriff

In Jena wurde 1996 eine junge Frau angegriffen und verletzt - angeblich von Beate Zschäpe. Die Angeklagte sei gefürchtet gewesen, schilderten das Opfer und eine Zeugin nun im NSU-Prozess. Aber war sie damals wirklich die Täterin?

Was ist von dieser Zeugin zu halten, die sich im NSU-Prozess erinnert, im Herbst 1996 als damals 16-Jährige nach dem Besuch eines Volksfests in Jena auf dem Heimweg von einer jungen Frau gefragt worden zu sein, warum sie sie "beleidigt" habe? Eine Zeugin, die sagt, die Frau habe sie sodann "geschubst", sodass sie stürzte, bäuchlings hinfiel und sich den Fuß brach? Die sich erinnert, dass sich die Angreiferin auf ihren Rücken setzte und von ihr verlangte zu sagen: Ich bin eine Potte?

Dass sie die Schmerzen von damals nicht vergessen hat und auch nicht den Gips, mit dem sie wochenlang herumhumpeln musste, ist glaubhaft. Sie wird wohl auch im Gedächtnis behalten haben, dass sie mit dem Wort "Potte" nichts anfangen konnte. Aber dass es sich bei der Angreiferin um die Angeklagte Beate Zschäpe handelte - kann die Zeugin das mit letzter Sicherheit heute noch behaupten? Sie habe damals zeitnah Anzeige erstattet, sagt die Zeugin.

Die einstige Begleiterin dieser Frau, auch sie ist nun im NSU-Prozess vorgeladen, schildert einen etwas anderen Ablauf: Zschäpe sei schnellen Schrittes hinter ihnen hergegangen und habe ihre Freundin "mit zwei, drei geübten Griffen, wie beim Kampfsport trainiert" zu Boden gebracht. "Das fand ich ungewöhnlich", sagt sie. Sie wisse noch, dass Zschäpe ihrer Freundin vorgeworfen habe, sie auf dem Volksfest "Schlampe" genannt zu haben. Und sie erinnere sich, sagt diese zweite Zeugin, dass Zschäpe die Jacke ihrer Freundin hätte haben wollen. "Wenn ich etwas unternähme, sei ich dran", soll Zschäpe zu ihr gesagt haben.

Beide Zeuginnen gehörten damals der linken Punker-Szene Jenas an, in der man sich mit bunten Haaren oder mit einem Irokesenschnitt profilierte, zerrissene Klamotten trug und gern auch eine Ratte mit sich führte. "Ich war damit konfrontiert", sagt Zeugin Nummer zwei, "von Nazis und Hooligans gejagt zu werden."983717 Von Zschäpe hätten "Leute" erzählt, sie führe immer ein Messer mit sich und habe keine Skrupel, andere anzugreifen. Zschäpe habe im Ruf gestanden, "unberechenbar und gewalttätig zu sein, sie hatte allgemein ein krasses Auftreten". Welche Leute sagten dies? Wo? Wann? Fragen des Vorsitzenden Manfred Götzl nach Namen und konkreten Erlebnissen bleiben unbeantwortet. Also nichts als Gerede?

"Beachtlich und furchteinflößend"

Vom "Sehen" habe sie auch Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gekannt, sagt diese Zeugin weiter. Beide seien Personen gewesen, von denen es geheißen habe: aufpassen! Dass Zschäpe zu den beiden Männern gehört habe, wisse sie erst seit dem Auffliegen des NSU, also seit 2011. Auf der Straße in Jena habe man sich in den Neunzigerjahren erzählt, Zschäpe sei "eindeutig aggressiv gegenüber Männern" geworden. "Das fand ich beachtlich. Und furchteinflößend", sagt die Zeugin. Es habe eine "gefühlte Stimmung der Angst" geherrscht. Einzelne Vorkommnisse könne sie nicht nennen. Haben diese beiden Frauen vielleicht heute noch Angst und halten sich deswegen auffällig zurück mit konkreten Angaben?

Zeugin Nummer eins sagt, sie habe den Namen Zschäpe damals nicht gekannt. Sie habe gedacht, vielleicht habe die Angreiferin sie mit einem ihr ähnlich sehenden Szene-Mädchen verwechselt, das auf dem Volksfest eine freche Bemerkung gemacht habe. Erst als sie nach dem Auffliegen des NSU von einem "freien Journalisten", an dessen Namen sie sich nicht erinnere, aus dem Umfeld des linksgerichteten Jenaer Jugendpfarrers Lothar König auf Zschäpe angesprochen worden sei, sei ihr klar geworden: Die Angreiferin war Beate Zschäpe. Der Journalist habe ihr auch Internetfotos gezeigt. "Ohne Brille sieht sie aus wie damals."

Welchen Beweiswert hat die Aussage? Ist sie mehr als ein Mosaikstein, der - vielleicht - ein Bild komplettiert?

Angst vor Zschäpe

Der Zeugenbeweis im Strafprozess gilt allgemein als eines der schlechtesten Indizien im Vergleich etwa zu einem Fingerabdruck oder einer DNA-Spur. Es gibt eine Unzahl von Untersuchungen, wovon sich Zeugen beeinflussen lassen und wodurch ihre Erinnerungen verfälscht werden können. Vor Zschäpe habe man eben Angst gehabt in Jena, sagt die eine Zeugin pauschal. Bei der anderen Zeugin ist nicht auszuschließen, dass der unbekannte Journalist sie in seinem Enthüllungseifer erst auf den Namen Zschäpe brachte.

Die letzte Zeugin an diesem 132. Sitzungstag, eine Beamtin vom Bundeskriminalamt, die 2013 die Ermittlungen in dieser Sache führte, scheint dann alle Unsicherheiten zu beseitigen. Sie tritt äußerst selbstsicher auf und schildert den Tatablauf, als ob daran nicht zu rütteln sei. Götzl fragt mit deutlich kritischem Unterton, warum den Zeuginnen in den Vernehmungen so viele Vorgaben gemacht wurden. "Warum wurde sofort der Name ,Zschäpe' genannt?", wundert er sich zum Beispiel . "Um die Sache einzugrenzen und um sicherzugehen, dass über denselben Vorfall geredet wird", entgegnet die Beamtin. Die Zeuginnen hätten in Telefonaten zuvor bereits sämtliche Details von sich aus angegeben. Vermerke habe sie dazu nicht gemacht. Nur Notizen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1.
Stabhalter 30.07.2014
Zitat von sysopDPAIn Jena wurde 1996 eine junge Frau angegriffen und verletzt - angeblich von Beate Zschäpe. Die Angeklagte sei gefürchtet gewesen, schilderten das Opfer und eine Zeugin nun im NSU-Prozess. Aber war sie damals wirklich die Täterin? http://www.spiegel.de/panorama/justiz/nsu-prozess-zeugin-beschreibt-mutmassliche-attacke-von-zschaepe-a-983676.html
dieser Prozess,verkommt zur Posse und die Zschäpe lacht sich ins Fäustchen.
2. Rechtsstaat
hejasverige 30.07.2014
132. Sitzungstag! Ja, wir sind ein Rechtsstaat, das ist auch gut so. Aber müssen wir hier so übertreiben?
3. So viele Menschen mussten sterben
mischpot 30.07.2014
und der Verfassungsschutz hat dies auch noch finanziell unterstützt, dass man so ein Verfahren überhaupt noch führen muss geht doch langsam an der Realität vorbei. Deutsches Steuergeld wird an Beamte und Anwälte verschwendet und dann muss man so einen Mist auch noch veröffentlichen.
4. krass
tinosaurus 30.07.2014
Krasses Auftreten? Der ganze Prozeß ist krass. Wenn man auch noch bedenkt, was alles passierte und wer da alles stark involviert war, dann ist das genug Stoff für einen fast unglaublichen Krimi. Wer schützt uns vor dem Verfassungsschutz oder BND?
5. Rechtsstaat - Deutsches Steuergeld
ketzer3 30.07.2014
Also, was die beiden Zeuginnen da so vorbringen: kann sein, kann auch nicht sein. Ich bin zuversichtlich, dass der Gerichtsvorsitzende - notabene die Beisitzer - dies richtig EINORDNEN / BEWERTEN können. Rechtsstaat kann manchmal auch TEUER sein, na und? Seien wir froh darum, dass um die Wahrheit - also das, was vorgefallen ist - gerungen, ja gerungen wird. Ich kann verstehen, dass es Mitbürger gibt, die meinen, 132 etc. Prozesstage seien nun einmal genug; natürlich kann man es bei "Brandstiftung etc." belassen. Aber ein bisschen die Hintergründe auszuleuchten, das erscheint mir doch durchaus erstrebenswert; auch wenn vielleicht nicht DAS herauskommt, was etliche Bürger als Ergebnis sich wünschen: dass herauskommt, dass nämlich Geheimdienste / Verfassungsschutz eine Art schützende Hand gewährt haben, weil man ja seine INFORMANTEN aus der Szene habe schützen wollen. Der Verdacht bleibt, auch wenn er vermutlich vom Gericht nicht wird festgestellt werden können. Trotzdem: Ich zahle gerne Steuern, wenn damit Gerichtsprozesse finanziert werden, in denen man VERSUCHT - mehr geht nicht! - der Wahrheit auf den Grund zu kommen. Auch ein unbescholtener Bürger kann leicht in die Mühlen der Justiz geraten - und da wäre ich froh, Richtern gegenüber zu stehen, die sich alle Mühe machen. Etwas mehr Gelassenheit, bitte!
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