Zeugin im NSU-Prozess "Wie aus einem Kriegsfilm"

Jana J. bewegte sich in den neunziger Jahren in denselben Kreisen wie Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Dem OLG München gab die Zeugin einen Einblick in das Innenleben der Szene, einer geradezu unheimlich heilen rechten Welt.

Von , München

Angeklagte Beate Zschäpe: "Sehr selbstbewusste Person"
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Angeklagte Beate Zschäpe: "Sehr selbstbewusste Person"


Die zarte, fast zerbrechlich wirkende junge Frau mit modisch zerzausten Haaren, Jana J., gilt als Zeugin aus dem einstigen Umfeld der Anklagten im Münchner NSU-Prozess. Denn sie war in den Jahren 1998 bis 2000 mit André K. befreundet, neben Tino Brandt Gründer des "Thüringer Heimatschutzes" und verlässlicher Unterstützer von Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Die Zeugin hat eine Stimme, mit der sie bei jedem Radiosender Karriere machen könnte, und verfügt über ein elaboriertes Vokabular.

Ob sie die ganze Wahrheit preisgibt über jene Zeit, als auch sie der rechten Szene Jenas angehörte, mag bezweifelt werden. Das kennt man inzwischen von Zeugen aus dem Umfeld von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt: Sie wollen nicht mehr zu den Rechten gehören und schützen aus offensichtlicher Angst vor Repressalien Erinnerungslücken vor. Doch worüber die junge Frau vor Gericht aussagt, wirft ein Licht auf Facetten einer Lebenswelt in den neuen Bundesländern nach der Wende, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Eine Welt, in der Jugendliche oft aus der "häuslichen Hölle" flüchteten, wie die Zeugin sagt, und sich mangels Alternativen in der rechten Szene zusammenfanden. "Ich wollte einfach meinen Frieden haben."

"Es sah auch lächerlich aus"

Da ist zum Beispiel der Vorfall an einer Straßenbahnhaltestelle im Jahr 1996, wo sie mit Zschäpe und zwei weiteren jungen Frauen zusammengetroffen sein soll. Auf einem Rummelplatz soll es zuvor eine Szene gegeben haben, bei der eine der Frauen Zschäpe das Wort "Schlampe" hinterhergerufen haben soll. Was Zschäpe wohl nicht hinnahm, sondern die zwei jungen Frauen verfolgte und die eine an der Endstation schmerzhaft zu Boden brachte sowie deren Jacke einforderte. Beinbruch. Und zu deren Begleiterin soll sie gesagt haben: "Du bist auch dran, wenn du was machst!"

Jana J. erinnert sich an diese einprägsame Szene nicht: "Ich habe keinerlei Erinnerung, nicht mal im Ansatz!", beteuert sie.

Ihre Erinnerungen an das Trio: Beide Uwes seien "enge Vertraute" von Zschäpe gewesen. Das sei allgemein in Jena bekannt gewesen. Sie selbst aber habe die drei nie zusammen wahrgenommen. Und politische Bekundungen Zschäpes auch nicht. "Wenn die Uwes in ihren braunen Uniformen auftraten, da sah man schon, welche Attitüde sie an den Tag legten", sagt sie und beschreibt ein "schräges Bild" vor dem Winzerclub in Jena, als die beiden so gewandet einen Hügel herabgekommen seien. "Einerseits sah das bedrohlich aus, aber - ich trau mich kaum, das auszusprechen - auch lächerlich. Wie aus einem Kriegsfilm. So sollen die ja auch durch Buchenwald gelaufen sein. Derlei Provokationen waren damals nicht üblich!"

"Mir sträuben sich die Haare"

Andererseits zeichnet die Zeugin ein Bild bürgerlicher Nächstenhilfe, einer geradezu unheimlich und unglaublich heilen rechten Welt, in der man sich angeblich gegenseitig vertraute und bedingungslos unterstützte. Was Oberstaatsanwalt Jochen Weingarten zu scharfen Fragen nach dem geistig-politischen Hintergrund der Szene veranlasste. Die Zeugin, die schon einmal vor Gericht angehört wurde, hatte 1998 an einer "Geburtstagszeitung" für ihren Freund André K. mitgewirkt, deren "Subton" angeblich auf dem "staatlichen Verfolgungsdruck damals" basiert habe. In dieser "Zeitung", so Weingarten, sei von einer "Gas-Tankstelle" auf dem Ettersberg - also dem KZ Buchenwald - die Rede und weiteren Unsäglichkeiten. Was sei damit gemeint gewesen?

Die Zeugin wird unsicher, will erst einmal die Frage nicht verstehen und spricht dann von einer "satirischen Zuspitzung". Sie sei damals schließlich erst 16 gewesen. Weingarten lässt sie mit einer solchen Erklärung nicht davonkommen, er zitiert weiter aus jenem menschenverachtenden Geschenkblatt. Bis die Zeugin schließlich kleinlaut sagt: "Mir sträuben sich die Haare, wenn ich das heute höre."

In der Szene gebe es eben Holocaust-Leugner und solche, die die Zahlen der ermordeten Juden bezweifelten. Weingarten: "Aus dem Text geht aber gerade nicht hervor, dass er von einem Leugner des Holocaust stammt! Haben Sie sich damals mit der Geschichte des KZ Buchenwald befasst? Wissen Sie, wie viele Menschen dort ums Leben kamen? Ob es ein Vernichtungslager war? Oder ein Arbeitslager?" "Das war für mich ein abstraktes Thema", stottert sie, "mit dem ich wenig anfangen konnte."

Zeugin beneidete Zschäpe

Dank einer Nachfrage von Nebenklage-Anwalt Peter Stolle wird die Zeugin an einen Film erinnert, den die BBC 1998 unter dem Titel "Europa von rechts außen" ausstrahlte. Sie ist darin zu sehen, gibt aber keine Statements ab wie ihre milchbärtigen Kollegen: "Adolf Hitler war ein großer Deutscher wie Friedrich II." Oder: "Im Thüringer Heimatschutz formieren sich die Führungskräfte von Thüringen für Aktionen gegen den Staat." Oder: "Deutscher ist man von Geburt - oder man ist keiner." Die ländlichen Gegenden, "die Provinzen", die seien noch "rein" in Deutschland im Gegensatz zu den von Ausländern durchsetzten Großstädten wie Frankfurt am Main und Berlin.

"Da ist viel kokettiert worden mit diesem Dreck", sagt die Zeugin. "Wenn man selbst drinsteckt, nimmt man es aber nicht so radikal wahr." An das Interview jedenfalls erinnere sich sich nur "dunkel". Das Spiel "Pogromly", das damals dem Interviewer übergeben wurde, kenne sie nur aus der Presse. Wieder eine Erinnerungslücke?

Auf Nachfrage des Zschäpe-Verteidigers Wolfgang Stahl beschreibt die Zeugin eine Szene während einer Autofahrt mit Zschäpe, bei der diese eine Waffe samt Holster dabei gehabt und beides dem Fahrer gezeigt habe. "Ganz offen also und nicht heimlich wie etwas Verbotenes", versucht Stahl die Situation zu retten.

An Zschäpe erinnert sich die Zeugin als eine "sehr selbstbewusste Person". Sie habe sie um ihr Selbstvertrauen beneidet. Sie sei sehr selbstverständlich auf andere zugegangen und habe sich ausdrücken können.

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