Mandy S. im NSU-Prozess Fräulein Harmlos

In der Szene hieß sie "White-Power-Mandy", Beate Zschäpe nutzte jahrelang ihre Identität für das Leben im Untergrund. Im NSU-Prozess spielt die Friseurin ihre Rolle herunter: Sie sei eigentlich nicht politisch gewesen.

Zschäpe mit Verteidigern: Mandy S. lieh ihr ihre Identität
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Zschäpe mit Verteidigern: Mandy S. lieh ihr ihre Identität

Von , München


Einmal schrieb Mandy S. einen Aufsatz, der "Landser" druckte ihn ab. Es muss ein ziemlich unbeholfener Beitrag gewesen sein, sie sei nicht sehr wortgewandt, sagt die gelernte Friseurin aus Sachsen am Donnerstag vor dem Oberlandesgericht München. Eine besonders widerwärtige Passage des Textes will S. deswegen irgendwo abgeschrieben haben: "Der nationale Widerstand soll in unserer Nation alle umfassen, die reinen Blutes sind."

"Was war damit gemeint?", fragt die Rechtsanwältin Edith Lunnebach, die Opfer des Kölner Bombenanschlags von 2001 in dem Prozess gegen den "Nationalsozialistischen Untergrund" vertritt. Eine Mandantin, im Geschäft der Familie durch den Sprengsatz schwer verletzt, leidet noch immer unter den Folgen der fremdenfeindlichen Attacke.

"Was haben Sie sich bei dem Satz gedacht?", fragt also Lunnebach.

"Klingt gut", sagt Mandy S., 38, und zuckt mit den Schultern.

Doch damit gibt sich Lunnebach nicht zufrieden. Als die Rechtsanwältin nachsetzt, windet sich S. schließlich heraus. Der Satz sei doch gar nicht von ihr gewesen, den hätte ein Kamerad in ihren Beitrag hineingeschrieben, sie hätte das doch auch nicht gut gefunden. "Das klingt ja so, als würden wir nur diese eine Rasse akzeptieren." Entsetzen in der Stimme, ist das gespielt?

"Gemütlich ein Bierschen gedrunken"

Mandy S. trug damals nach der Jahrtausendwende ein Abzeichen an der Bomberjacke, eine geballte Faust, das ihr den Spitznamen "White-Power-Mandy" einbrachte. Sie ging zu Konzerten, sie grölte die dumpfen Parolen mit, ihr Autokennzeichen lautete BH 88 - was für das Neonazi-Netzwerk "Blood & Honour" und "Heil Hitler" hätte stehen können. S. hingegen erklärt es mit großem Ernst zu einer Abkürzung für "Bike Halterin Honda Hornet", weil sie eine solche Maschine besitze. Der Saal lacht. Und die Neonazi-Kameradschaft der "88er" in Chemnitz sei bloß ein lustiger Haufen gewesen, der regelmäßig zusammen "gemütlich ein Bierschen gedrunken" habe, sächselt S.

Es ist unglaublich - und wie so oft, wenn vermeintlich "aufrechte Deutsche" vor Gericht stehen und dort alles andere als "aufrecht" sind. Man wünschte sich, die Extremisten hätten wenigstens die Größe, sich zu ihren abstrusen politischen Überzeugungen öffentlich zu bekennen. Oder - falls sie inzwischen zu Sinnen gekommen sind - einzuräumen, dass sie schrecklich geirrt haben. Stattdessen kriechen sie zu Kreuze, versuchen sich durchzumogeln, zu lavieren, zu tricksen und sich generell den Anschein tiefster Harmlosigkeit zu geben. So wie Mandy S.

Dabei ist klar, dass die Friseurin aus dem Erzgebirge die mutmaßlichen Rechtsterroristen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe bei deren Untertauchen "aktiv unterstützt" hat, wie es in einem vertraulichen Vermerk des Bundeskriminalamts heißt. Demnach ermöglichte S. dem Trio zu Beginn des Jahres 1998, für einige Monate in die Wohnung ihres Freundes Max-Florian B. zu ziehen. Ihrem Liebhaber wiederum sagte sie nach dessen Erinnerung, die Kameraden hätten "Mist gebaut" und bräuchten Hilfe. Die drei Neonazis waren gemeinsam aus Jena geflohen, als die Polizei Sprengstoff in einer von Zschäpe angemieteten Garage entdeckt hatte. Zwei Jahre später begannen die Morde.

Persönliche Worte zur Tochter

"Kameradschaftshilfe" sei das seinerzeit gewesen, so Mandy S. in ihrer ersten Vernehmung vor dem Oberlandesgericht. "Ich wusste nicht, wer es ist, ich wusste nicht, um was es geht." Doch die Unterstützung von Mandy S. reichte weiter. So habe sie der Frau, die sie als "klein, niedlich", mit Lockenkopf und "piepsiger Stimme" in Erinnerung hat, einmal ihre AOK-Krankenversichertenkarte geliehen. Später nutzte Zschäpe ihre Identität dauerhaft für das Leben im Untergrund. Sie könne das "Mädchen" von damals nicht zweifelsfrei in der Hauptangeklagten wiedererkennen, behauptet S. inzwischen.

Über Stunden setzen die Nebenkläger am Donnerstag der Zeugin zu: Kennen Sie den, kennen Sie jenen? Mit wem waren Sie auf diesem Konzert, mit wem auf jenem Liederabend? Welche Musik wurde dort gespielt? Wie sind Sie zu der Demonstration gekommen, mit dem Auto, der Bahn, dem Bus? Wer hat das Fußballturnier organisiert? Standen Möbel in der Wohnung Ihres Ex-Freundes, als er Schluss gemacht hat?

Es ist nicht immer ganz klar, was die Fragen sollen, mit den angeklagten Taten haben sie jedenfalls nicht unmittelbar zu tun. Und Antworten hat Mandy S. zumeist ohnehin keine, ihre Erinnerung versagt allzu oft. "Keine Ahnung", sagt sie dann.

Ziemlich zum Ende der Vernehmung, auf eine Frage des Vorsitzenden hin, wird Mandy S. dann doch noch persönlich: Sie wolle ihrer Tochter "ein ganz, ganz großes Vorbild" sein, sagt sie, und sie politisch nicht beeinflussen, "weder in die eine Richtung noch in die andere". Sie habe sich geändert, sei "verantwortungsbewusster" geworden und habe einen anderen Umgang mit Menschen gelernt, also "so mit allen". Sie klingt ganz treuherzig.

Ihr Ex-Freund hat ausgesagt, das sei bloß Fassade.

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