NSU-Prozess Begegnung an der Kasse

Am 9. Juni 2005 starb Ismail Yasar in Nürnberg, mutmaßlich ermordet von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. War Beate Zschäpe damals auch in der Stadt? Ein Beweis ihrer Anwesenheit würde die Anklage im NSU-Prozess auf Mittäterschaft stützen. Die Aussage einer Zeugin deutet zumindest darauf hin.

Von , München

Angeklagte Zschäpe, Schauspielerin Gilbert: Ähnlichkeit blieb in Erinnerung
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Angeklagte Zschäpe, Schauspielerin Gilbert: Ähnlichkeit blieb in Erinnerung


Ist Andrea C., heute 35 und Altenpflegerin, eine Zeugin, die für Beate Zschäpe gefährlich werden kann? Die Frau spielt im NSU-Verfahren eine Rolle im Mordfall Ismail Yasar. Der Betreiber eines Döner-Imbisses im Nürnberger Stadtteil St. Peter war am 9. Juni 2005 gegen 9.55 Uhr hinter dem Tresen erschossen worden. Mehrere Zeugen erinnern sich heute noch an zwei junge Männer mit Fahrrädern, die sich bereits eine halbe Stunde zuvor in der Nähe des späteren Tatorts aufhielten. Eine davon ist Frau C.

Sie sah jedoch nicht nur zwei junge Männer mit Fahrrädern, die sie wegen ihrer kurzgeschorenen Haare für Russen hielt, wie sie auf der Bank eines Spielplatzes saßen, Blickrichtung Döner-Imbiss. Ihr sei damals auch eine Frau vor der Kasse eines Edeka-Supermarktes aufgefallen, die sie, wie sie sagt, an die Schauspielerin Sara Gilbert erinnert habe.

Als Vierzehn-, Fünfzehnjährige habe sie die Fernseh-Serie "Roseanne" oft gesehen, darin spielte Gilbert die Tochter namens Darlene Conner. Sie habe natürlich gewusst, dass die Frau im Supermarkt nicht wirklich die Schauspielerin gewesen sei ("Ich bin schließlich kein Freak!"). Es sei nur die Ähnlichkeit gewesen, die sie habe aufmerken lassen. Dieses Bild sei in ihrem Kopf geblieben.

"Die war hübscher und gepflegter"

Erst später, als Bilder von Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt durch die Medien gingen und die Polizei in den umliegenden Wohnungen geklingelt habe, um nach Beobachtungen zu fragen, seien ihr die beiden Männer auf dem Spielplatz und die Frau im Supermarkt wieder eingefallen - eine Frau Anfang 20 vielleicht, mit langen dunklen, leicht gelockten Haaren, wie Frau Zschäpe eben. Sie sei damals nicht von sich aus zur Polizei gegangen, sagt die Zeugin, sondern habe sich erst im Rahmen der Polizei-Umfragen dazu geäußert.

Fotos werden gezeigt: von Sara Gilbert in Jeans, mit hochgesteckten Haaren, und mit lockiger, offen getragener Mähne. Die Ähnlichkeit mit Zschäpe ist nicht aus der Luft gegriffen. Dann Fotos von Zschäpe. Die Zeugin sagt: "So sah die Dame im Supermarkt nicht aus. Die war hübscher und gepflegter." Wie sah Zschäpe 2005 aus? Hübscher und gepflegter als 2012 bei der Festnahme? 2005 war sie 30, heute ist sie 38.

Die Zeugin weiß vieles nicht mehr. Vor Gericht beruft sie sich immer wieder auf die vergangenen acht Jahre, dass sie zum Beispiel nicht mehr wisse, ob sie damals Brötchen gekauft habe oder eine Brezel für ihren zweijährigen Sohn, der beim Einkaufen dabei gewesen sei. Hat sie nur den Kleinen dabei gehabt oder auch ihre beiden älteren Kinder? Sie erinnert sich nur noch an den Zweijährigen.

Sie sagt auch, als der Vorsitzende Manfred Götzl ihr Aussagen aus Vernehmungen bei der Polizei vorhält: "Das ist ja, als ob das gar nicht meine Aussage ist! Ich kann mich daran überhaupt nicht mehr erinnern. Das ist, als ob sie mir etwas über eine andere Person erzählen!" Aber die Unterschriften unter den Protokollen - ja, das seien schon die ihren.

Nebenklage will Vereidigung der Zeugin

Der Zeuge gilt im Strafprozess generell als das schlechteste Beweismittel. Seine Erinnerungen können getrübt, beeinflusst oder verändert sein. Er erinnert sich häufig besser an die Fragen, die ihm bei der Polizei gestellt wurden, als an seine tatsächlichen Beobachtungen. Wenn diese Fragen überdies nicht wortgetreu protokolliert sind, wie im Fall Yasar, dann ist die Genese einer Zeugenaussage oft nicht mehr zu rekonstruieren. Die Erinnerungen können auch gefärbt sein von Bildern, die im Fernsehen gezeigt wurden, oder von Fahndungsplakaten.

Frau C. werden Fotos mehrerer Männer gezeigt, einen davon meint sie zu erkennen. Sie sagt aber nicht: "Ja, das war einer der Männer." Sondern sie sagt: "Der sah dem einen ähnlich." Sie verhält sich korrekt. Sie übertreibt nicht. Ihre Aussage ist gerade wegen ihrer Mängel nachvollziehbar. Aber heißt das auch, dass Zschäpe wirklich in der Nähe des Tatorts war?

Die Zschäpe-Verteidiger versuchen, die Zeugin in Bedrängnis zu bringen. Es gelingt nicht. Sie bitten um eine Pause zur Beratung. Anja Sturm und Wolfgang Heer diskutieren miteinander. Zschäpe steht auf und flüstert Stahl etwas ins Ohr. Sie lächelt. Dann lacht sie auf. Warum nur erweckt sie immer wieder den Eindruck von Koketterie? Es sind ihre geschmeidigen Bewegungen, ihre Augenaufschläge, die so gar nicht zur Situation passen.

Im Fall Yozgat soll nachermittelt werden

Einer der Nebenklagevertreter beantragt die Vereidigung der Zeugin. Die Bundesanwaltschaft ist dagegen. Bundesanwalt Herbert Diemer: "Die Aussage ist weder von ausschlaggebender Bedeutung noch liegen sonstige Gründe dafür vor." Das klang in der Anklage aber anders.

Zschäpe redet auf Anja Sturm ein, lacht immer wieder, gibt sich betont frohgemut. Die Zeugin wird nicht vereidigt. Die drei Verteidiger Zschäpes "erwägen" eine Erklärung zu ihrer Aussage - aber nicht sofort, sondern erst am nächsten Tag, wie so oft.

Dann kurz vor der Mittagspause, wieder eine Überraschung: Alexander Kienzle, Nebenklagevertreter im Kasseler Fall Yozgat, beantragt Nachermittlungen zur Aussage eines Kripo-Mannes, wonach mögliche Tatorte in Kassel auf Asservaten markiert waren, die im Schutt der mutmaßlich von Zschäpe in Brand gesetzten Wohnung in Zwickau gefunden wurden. Die Orte lagen offenbar bis auf eine Ausnahme alle an Wegen, die der etwas undurchsichtige ehemalige Beschuldigte Andreas T. zwischen seiner Wohnung und seinem Arbeitsplatz - dem Landesamt für Verfassungsschutz - regelmäßig zurücklegte. Oder an Straßen, auf denen er dienstlich unterwegs war. Oder auf dem Weg zur Kasseler Hauptpost, wo T. ein Postfach unterhielt.

Andreas T. war im Internetcafé, als Halit Yozgat erschossen wurde. Er verließ den Laden wohl kurz nach dem Mord, gab aber an, die Schüsse und den Toten nicht bemerkt zu haben. Gibt es so viel Zufall? Ist es vorstellbar, dass der NSU rein zufällig nur dort mögliche Tatorte ausspähte (oder ausspähen ließ?), wo T. täglich entlangfuhr? Zu den potentiellen Tatorten gehörte auch die Holländische Straße, an der das Internetcafé Yozgats lag, der am 4. April 2006 dort umgebracht wurde. T. sagte als Zeuge vor Gericht, er habe das Café nur aus "Bequemlichkeit" auf dem Nachhauseweg besucht. Fragen über Fragen.

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