NSU-Prozess Die Frau auf dem Observationsfoto

Hat sich Beate Zschäpe bei einem Berlin-Besuch in der Nähe einer Synagoge aufgehalten, und könnte das ein Anhaltspunkt für ihre Rolle im NSU sein? Im Prozess sagte jetzt eine Zeugin aus, von der man sich Aufklärung erhoffte.

Beate Zschäpe
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Beate Zschäpe

Von , München


Die Zeugin Heike B. schaut im NSU-Prozess auf Farbfotos. Auf ihnen sind zwei Frauen, ein Mann und zwei Kinder zu sehen. "Das ist meine Schwester", sagt sie und deutet auf die Frau mit den dunklen Haaren. "Das bin ich hier", fährt sie fort und tippt mit den Fingern auf die Blondine.

Die Fotos sind Teil eines Observationsberichts des sächsischen Verfassungsschutzes vom 6. Juni 2000. Die Zielperson war damals der Neonazi Jan W., der laut Anklage einst von den mutmaßlichen Terroristen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe damit beauftragt wurde, Schusswaffen für sie zu besorgen. An seiner Seite auf den in Berlin aufgenommenen Fotos: Annett W., damals in der Berliner Neonazi-Szene aktiv, sowie ihre Zwillingsschwester Heike B.

Mal wieder geht es im NSU-Prozess um Berlin. Die Beweisaufnahme ist weitgehend abgeschlossen. Aber seit ein früherer Berliner Wachpolizist vor Gericht aussagte, dass er am 7. Mai 2000 die mutmaßlichen Terroristen Zschäpe und Mundlos sowie weitere Personen, darunter auch Kinder, in der Nähe einer Berliner Synagoge beobachtet habe, beschäftigt sich das Gericht ausführlich mit dem Berlin-Komplex.

Synagoge an der Rykestraße in Berlin
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Synagoge an der Rykestraße in Berlin

Zeugin gibt sich einsilbig

Zschäpe hatte selbst eingeräumt, im Sommer 2000 mit ihren mutmaßlichen Komplizen Mundlos und Böhnhardt in Berlin gewesen zu sein. Zwar hat sie erklären lassen, dass sie in der Hauptstadt keine Synagoge aufgesucht habe. Trotzdem steht nun der Verdacht im Raum, dass die Angeklagte, die einst zusammen mit Mundlos und Böhnhardt das rassistische und antisemitische Spiel "Pogromly" hergestellt hatte, an der Ausspähung möglicher Anschlagsziele des NSU mitwirkte. Es wäre ein wichtiges Indiz für die Mittäterschaft an den Verbrechen des NSU, die ihr die Anklage vorwirft.

Waren Annett W. oder Heike B. mögliche Kontaktpersonen der mutmaßlichen Terroristen in Berlin? Gehörten sie zu der Gruppe samt Kindern, die der Berliner Wachpolizist am 7. Mai 2000 wahrnahm, als er Zschäpe in einem Café nahe der Synagoge gesehen haben will? Nutzte die Gruppe die Kinder, um sich als harmlose Passanten zu tarnen?

Heike B. hatte ihre Schwester einst regelmäßig in Berlin besucht, ehe sie 2001 selbst von Sachsen in die Hauptstadt zog. Im Prozess antwortet die 41-Jährige überwiegend kurz und einsilbig: Sie kenne Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt nicht. Auch zu Jan W., dem Mann auf dem Foto, auf dem sie selbst zu sehen ist, kann Heike B. nichts Erhellendes beitragen: "Sagt mir nichts." Überhaupt habe sie es nicht so mit Namen. So habe sie auch keinerlei Erinnerung an die Namen von Bekannten oder Freunden ihrer Schwester.

Nebenklage-Vertreterin: Zeugin sagt "nicht alles, was sie weiß"

Ob sie Personen aus der rechten Szene kenne, wird die Zeugin gefragt. Lediglich ihre Schwester sowie deren Ex-Freund, der einst Anführer der inzwischen verbotenen Neonazi-Organisation "Blood & Honour" war. Als ihr dann ein weiterer Name vorgehalten wird, reagiert sie mit einem "Ja, stimmt" - um sich dann aber wieder im Ungefähren zu verlieren, als es um die Frage geht, ob sie mit dem Begriff "Hammerskins" etwas anfangen könne: "Nicht unbedingt."

Nach der Zeugenaussage äußerten sich Vertreter der Nebenklage kritisch vor Gericht. Heike B. sage offenbar "nicht alles, was sie weiß", sagte die Anwältin Antonia von der Behrens. Es sei unklar, ob Heike B. eine der Personen gewesen sei, die der damalige Berliner Wachpolizist in der Nähe der Synagoge ausgemacht habe.

Laut einem Vermerk des sächsischen Verfassungsschutzes kontaktierte Jan W. - also der Mann, der auf den Observationsfotos zusammen mit Heike B. und deren Zwillingsschwester Annett W. zu sehen ist - am 7. Mai 2000 mehrfach per Telefon eine Berliner Bekannte aus der "einschlägigen Szene". Handelte es sich um Annett W.? Der Verfassungsschutz habe bisher keine näheren Angaben dazu gemacht, mit wem Jan W. telefonierte, so von der Behrens. Warum, will die Anwältin wissen.

Anwalt Yavuz Narin kritisierte die Bundesanwaltschaft. Diese habe zu der Zeugin, die im Vorfeld nicht polizeilich vernommen worden war, keine sonst üblichen Erkenntnisse geliefert. Narin sagte: "Diese Vorgehensweise ist nicht in Ordnung."

Mitarbeit: Thomas Hauzenberger

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