NSU-Prozess in München "Er hat mich richtig fixiert"

Die Sommerpause im NSU-Prozess ist vorbei, das Gericht widmet sich dem Mord in Nürnberg an Ismail Yasar im Jahr 2005. Eine Zeugin hat einen Verdächtigen womöglich kurz vor der Tat gesehen.

Von , München

Tatort in Nürnberg (Juni 2005): Hier wurde Ismail Yasar ermordet
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Tatort in Nürnberg (Juni 2005): Hier wurde Ismail Yasar ermordet


Vier Wochen Sommerpause sind vorbei. Der Münchner Himmel tut so, als habe er davon noch nichts gehört. Vor dem Gerichtsgebäude in der Nymphenburger Straße halten Jugendliche rote Transparente hoch mit der Aufschrift "Rassistische Mörder genießen Freiheiten" und skandieren Parolen. Wen und was meinen sie? Beate Zschäpe, die Hauptangeklagte im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München, die Mittäterin gewesen sein soll bei zehn Morden, sitzt nach wie vor in U-Haft. Freiheiten genießt sie nicht. Außerdem: Ob sie eine rassistische Mörderin ist, darüber werden am Ende des Prozesses Richter befinden, nicht jetzt schon Demonstranten.

Die sitzungsfreie Zeit haben vor allem die Vertreter der Nebenklage genutzt, um noch einmal ihre Anliegen zu artikulieren. In einer Stellungnahme zum Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses des Bundestags kritisieren sie "institutionellen Rassismus": "Unabhängig von der persönlichen Einstellung und den Absichten der Beamten folgen die Ermittlungsbehörden einer inneren Logik, Normen und Werten, deren rassistische Konsequenzen sich unter anderem in den Ermittlungen zur Mord- und Anschlagsserie des NSU wiederfinden."

Noch schärfere Kritik, auch an der Bundesanwaltschaft, äußerte ein "Bündnis gegen Naziterror und Rassismus", das eine "ernüchternde Zwischenbilanz im NSU-Prozess" zieht: "Hintergründe der völlig desolaten Ermittlungen werden kaum beleuchtet und die fatalen Fehler werden von den Behörden als Versäumnisse abgetan."

"Ich hätt nicht aussteigen mögen"

Dabei ignorieren die Kritiker allerdings, dass in mehreren Fällen der sich über zehn Jahre hinziehenden Mordserie eine ganze Reihe von Hinweisen gerade aus dem Umfeld der Opfer, ja sogar vereinzelt aus deren Familien, kamen. Da sprachen Nachbarn vom Verdacht auf organisierte Kriminalität, es wurde über Motive spekuliert. Hätte die Polizei dem nicht nachgehen sollen oder dürfen? Von den falschen Fährten, die manche Leute legten, um sich offenbar einen bösen Jux zu machen, ganz zu schweigen.

Der erste Fall, mit dem sich das Münchner Gericht in der nächsten Zeit ausführlich befassen wird, ist der Mord an dem 50 Jahre alten türkischen Staatsangehörigen Ismail Yasar in seinem Döner-Imbiss an der Velburger Straße 3 in Nürnberg am 9. Juni 2005. Auch Yasar wurde mit jener Ceska 83 erschossen, die der oder die Täter wie ein Markenzeichen benutzten. Der erste Schuss streifte den hinter dem Tresen stehenden Mann am rechten Ohrläppchen, worauf er sich wegduckte. Dabei erlitt er einen Kopfdurchschuss im Bereich der rechten Wange. Den schon am Boden Liegenden trafen dann noch drei Kugeln in die Brust. Yasar starb am Tatort an einem dieser Rumpfsteckschüsse, der die Schlagader traf.

Eine Musiklehrerin, die möglicherweise die Täter unmittelbar zuvor beobachtet hatte, sprach am Donnerstag als Zeugin von zwei "schwarz gekleideten jungen Männern" mit Fahrrädern, an denen sie auf dem Weg in ihr Fitnessstudio mit dem Auto langsam vorbeigefahren sei. Einer habe am Straßenrand gestanden, der andere in die Döner-Bude hineingeschaut. "Ich interessierte mich für sie, weil ich mit jungen Leuten arbeite", sagte die Zeugin. Der Mann am Straßenrand habe sich dann umgedreht und für vielleicht zwei Sekunden Blickkontakt mit ihr gehabt. "Da sah ich, dass er doch nicht ganz jung war, etwa Ende 20. Sein Blick - ich hatte den Eindruck, dass der Mann nichts Gutes vorhat. Ich hätt nicht aussteigen mögen. Er hat mich richtig fixiert, ja!"

Als sie weiterfuhr, habe sie "dumpfe Geräusche - bumbum - bumbumbumbum" vernommen, da die hinteren Fenster ihres Wagens einen Spalt geöffnet gewesen seien.

Ob es sich bei den Männern tatsächlich um Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, die beiden Gefährten Zschäpes gehandelt hat, konnte die Frau nicht mit Bestimmtheit sagen. Sie erinnert sich, dass jener Mann, mit dem sie Blickkontakt hatte, auf sie wie ein "südländischer" Typ gewirkt habe mit leicht gebräunter Haut und starkem Bartwuchs. War das schon wieder rassistisch?

Was ist auf dem Video zu sehen?

Zu dem bunten Strauß von Beweismitteln, mit denen Zschäpe und die Mitangeklagten Ralf Wohlleben, André E., Holger G. und Carsten S. überführt werden sollen, gehörten am Donnerstag auch Bilder von der Kölner Keupstraße, die eine Überwachungskamera am 9. Juni 2004 aufgenommen hatte. In der Keupstraße sollen Böhnhardt und Mundlos an jenem Tag ein Nagelbombenattentat verübt haben. Es ist ein Bürgersteig zu sehen, in den Stufen zu einem Gebäude hineinragen. Junge Leute sitzen dort. An einem Geländer lehnen Fahrräder. Passanten kommen, entfernen sich wieder. Darunter zwei junge Männer in langen Hosen und T-Shirts, möglicherweise in Schwarz, die Aufnahme ist schwarzweiß. Sie schieben Räder. Einer trägt einen Rucksack, schaut sich mehrfach um, als fühle er sich beobachtet.

Die Perspektive der abgehackt aufeinanderfolgenden Beobachtungsphasen ändert sich. Jetzt sind die beiden Männer von hinten zu sehen. Einer von ihnen schiebt nun zwei Räder, der andere hält in einer Hand eine Plastiktüte. Ein dritter Mann mit halblanger Hose taucht mehrfach auf. Hat er etwas mit den beiden zu tun? Ist er ein dritter Mann - oder ein harmloser Spaziergänger? Dieses Video wurde unkommentiert abgespielt.

Kein Ermittler lenkte erklärend die Blicke der Zuschauer, die die Aufnahmen zum ersten Mal sahen, auf das Wesentliche. Who is who? Niemand wies auf Bemerkenswertes hin. Man sah, wie mehrere Personen das Gebäude mit den Stufen davor betreten, andere verlassen es. Einer macht sich an den Rädern am Geländer zu schaffen. Zufall? Mehr Fragezeichen als Antworten. Aber von jetzt an gilt der Anklagepunkt Keupstraße als ins Strafverfahren eingeführt.

Dann gab es weitere Fotos zu sehen und eine Videosequenz vom Brand in der Zwickauer Frühlingsstraße, dem mutmaßlich letzten Wohnort der NSU-Zelle. Am erschreckendsten: eine Ansicht von oben auf jenes Haus, in dem Zschäpe nach dem Tod ihrer Gefährten Feuer gelegt und eine Explosion herbeigeführt haben soll - als ob jemand dem Haus die Schädeldecke wegreißen und den Blick freimachen wollte auf eine wüste Wirrnis kranker Gehirne.

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