NSU-Prozess Zschäpe erwägt Gespräch mit Psychiater

Lässt sich Beate Zschäpe nun doch von einem Psychiater befragen? Die Angeklagte im NSU-Prozess hatte ein Gespräch mit dem vom Gericht beauftragten Gutachter Saß verweigert - will jetzt aber offenbar mit einem anderen Experten reden.

Beate Zschäpe
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Zwei Briefe von Beate Zschäpes Pflichtverteidiger Mathias Grasel haben am Donnerstag für eine Überraschung bei Beteiligten des NSU-Prozesses gesorgt: Die Hauptangeklagte ist nun offenbar bereit, mit einem Psychiater zu sprechen und sich möglicherweise von diesem explorieren zu lassen.

Zschäpe wolle "ein vertrauliches ärztliches Gespräch" mit dem Freiburger Psychiater Joachim Bauer führen, heißt es in einem der Briefe, die dem SPIEGEL vorliegen und über die zuerst die "Süddeutsche Zeitung" berichtet hatte.

Da nach dem Erstgespräch möglicherweise weitere Gespräche geführt würden, beantragte Grasel im Namen seiner Mandantin die Erteilung eines Dauersprechscheins für den Freiburger Psychiater. Zschäpe, so führt es Grasel aus, wolle sich eine "zweite, wissenschaftlich fundierte Meinung einholen" und sich gegebenenfalls auch von Bauer explorieren lassen. Der Psychiater habe telefonisch sein Einverständnis erklärt. Für eine Anfrage war er am Donnerstag nicht erreichbar.

Der Vorstoß Grasels ist deshalb überraschend, weil sich Zschäpe bisher geweigert hatte, mit dem vom Gericht beauftragten psychiatrischen Gutachter Henning Saß zu reden.

Der angesehene Psychiater hatte zuletzt sein mündliches Gutachten erstattet und der mutmaßlichen Terroristin dabei volle Schuldfähigkeit attestiert. Zudem hatte er eine Sicherungsverwahrung für Zschäpe nahegelegt. Saß hatte in seinen Ausführungen deutlich gemacht, dass er Zschäpes Einlassung vor Gericht, sie habe sich in emotionaler und finanzieller Abhängigkeit von ihren früheren Weggefährten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt befunden,nicht für glaubhaft hält.

Die Saß-Expertise fiel für Zschäpe damit ausgesprochen ungünstig aus. Bereits im Vorfeld der mündlichen Gutachtenerstattung hatten ihre Verteidiger versucht, das Vorgehen von Saß infrage zu stellen. Seine Expertise genüge nicht den wissenschaftlichen Standards,lautete etwa die Argumentation der Verteidiger Anja Sturm, Wolfgang Heer und Wolfgang Stahl. Weil Zschäpe nicht bereit war, mit Saß zu sprechen, war er unter anderem auf seine Beobachtungen und Wahrnehmungen in der Hauptverhandlung angewiesen.

Auch Grasel signalisierte jetzt Zweifel an der Aussagekraft des Saß-Gutachtens. In seinen Augen sei die Expertise wenig belastbar, schrieb Grasel. Für die beantragte Dauerbesuchserlaubnis wies er auf Gerichtsentscheidungen hin, wonach in solchen Fällen eine großzügige Besuchsregelung "ohne optische oder akustische Überwachung zu gewähren" sei.

Mitarbeit: Thomas Hauzenberger



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