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Zschäpe-Nachbarin beim NSU-Prozess: Liebeserklärung an Paulchen Panther

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Beate Zschäpe vor Gericht (im Februar 2013): "Sie war eine sehr gute Zuhörerin" Zur Großansicht
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Beate Zschäpe vor Gericht (im Februar 2013): "Sie war eine sehr gute Zuhörerin"

Eher unspektakulär begann beim Münchner NSU-Prozess die Befragung der ehemaligen Zschäpe-Nachbarin Sindy P. Dann aber brachte ein Nebenklage-Anwalt die Zeugin gehörig in Bedrängnis - mit dem Hinweis auf das Facebook-Profil ihres Mannes.

"Normal" und "man" - das waren die Wörter, die besonders oft fielen beim Auftritt der Zeugin Sindy P. im Münchner NSU-Prozess. Vor Gericht sollte die Verkäuferin aus Zwickau über ihre Kontakte zur Hauptangeklagten Beate Zschäpe berichten. Das ging dann so: Man habe im gleichen Haus gewohnt, in der Zwickauer Polenzstraße, wo Zschäpe als "Lisa" bekannt war. Man habe sich normal unterhalten. Man habe oft abends im Hof zusammengesessen. Man habe gegrillt, mit den Kindern gespielt und über Alltägliches gesprochen. Normal halt. Wäsche aufgehängt, Kaffee getrunken. Geredet, dass sie oft Urlaub machten, "Sonne tanken und so".

"Wen meinen Sie mit 'sie'?" fragt der Senatsvorsitzende Manfred Götzl. "Ich habe hauptsächlich die Lisa gesehen, die beiden anderen Herren eher selten", antwortet die Zeugin. Die beiden Herren kenne sie mittlerweile aus dem Fernsehen. "Ich kann die Namen aber nicht auseinanderhalten." Zweimal nur im Lauf mehrerer Jahre sei sie dem einen begegnet, offenbar Uwe Böhnhardt - einmal an der Tür und einmal beim Auszug Lisas, als der Kellerschlüssel übergeben wurde. "Sie hat einmal erzählt, sie studiere, und ihr Freund sei selbständig in der Elektrobranche tätig. Aber wir haben sonst mehr über unsere Seite gesprochen, nie groß über Lisa", sagt P.

Ihrem Eindruck nach sei Zschäpe alias "Lisa" viel mit dem Fahrrad unterwegs gewesen und habe viel gelesen. Weil sie so oft Bücher gekauft habe. "Ja, ich geh shoppen", habe "Lisa" gesagt. "Sie war eine sehr gute Zuhörerin", erinnert sich die Zeugin. "Man hat Lisa nicht viel gefragt. Von sich erzählt hat sie nicht viel."

Geschockt "von dem allen"

Im Schutt des Hauses in der Zwickauer Frühlingsstraße, das Zschäpe nach dem Suizid ihrer Gefährten Böhnhardt und Mundlos in Brand gesetzt haben soll, fanden sich Dokumente für eine "Lisa P." - ausgestellt auf den Nachnamen der Zeugin. "Haben Sie ihr mal Ihren Ausweis geliehen? Gaben Sie oder Ihr Mann mal Unterlagen weiter?" fragt der Vorsitzende. Nein. Wirklich nicht? Man sei geschockt gewesen, sagt die Zeugin, als man "von dem allen" hörte; man habe es nicht wahrhaben wollen. "Wir haben nicht negativ über Lisa gedacht, weil wir sie anders kennengelernt haben."

Nebenklage-Anwalt Yavuz Narin interessiert sich für Sindy P.s politische Überzeugung. "Normal", antwortet sie. "Und die Ihres Ehemanns?" Auch "normal". Oberstaatsanwalt Jochen Weingarten will solche Fragen schon beanstanden, da macht Narin das Gericht auf die Facebook-Seite von Torsten P. aufmerksam, dem Ehemann der Zeugin. Der stellt sich dort als überzeugter Ultra-Rechter dar. "Da finden Sie Hetzgedichte, da wird über Ausländer hergezogen, das Dritte Reich verherrlicht und Paulchen Panther eine Liebeserklärung gemacht", trägt Narin vor. Es sei denkbar, dass die Zeugin die Angeklagte nicht belasten wolle aufgrund ihrer politischen Gesinnung.

Paulchen Panther ist die zentrale Comicfigur in jenem Bekenner-Video des "Nationalsozialistischen Untergrunds", in dem die Morde an neun Personen mit ausländischen Wurzeln und der Polizistin Michèle Kiesewetter menschenverachtend kommentiert werden. Sie teile die politische Einstellung ihres Mannes nicht, sagt Sindy P. Ihre eigene Facebook-Seite allerdings spricht eine andere Sprache. Das "Paulchen-Panther-Video" kenne sie nur aus dem Fernsehen, sagt die Zeugin.

Götzl ist verärgert. Sindy P. verwickelt sich in Widersprüche, erinnert sich plötzlich an Dinge, die sie eben angeblich nicht mehr wusste. Mit der Glaubhaftigkeit ihrer Aussage scheint es nicht weit her zu sein.

Mehr Fragen als Antworten brachten bislang auch die Aussagen des Zeugen Andreas T.: Im Dienst des hessischen Verfassungsschutzes soll der Mann im Mordfall Yozgat zur Tatzeit am Tatort gewesen sein, angeblich ohne etwas von dem Angriff mitbekommen zu haben. Ende vergangener Woche lud der Senat nun drei zusätzliche Zeugen zum Prozess: allesamt Verfassungsschützer, darunter den ehemaligen Direktor des hessischen Landesamtes, Lutz Irrgang.

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Die Angeklagten im NSU-Prozess
Foto Beate Zsch¿pe
Foto Ralf Wohlleben
Foto Holger G.
Foto Carsten S.
Foto Andr¿ E.

Fotos: BKA/DER SPIEGEL


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