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Zschäpe-Nachbarinnen im NSU-Prozess: Wiedersehen mit Lisa

Von , München

Beate Zschäpe vor Gericht (Archiv): Sie soll eine angenehme Nachbarin gewesen sein Zur Großansicht
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Beate Zschäpe vor Gericht (Archiv): Sie soll eine angenehme Nachbarin gewesen sein

Sie lebten in der Nähe von Beate Zschäpe - und kannten die Frau nur unter ihrem Tarnnamen: Im NSU-Prozess haben zwei frühere Nachbarinnen der mutmaßlichen Terroristin ausgesagt. Ihre Schilderungen bestätigten Teile der Anklage.

Es war einst eine freundliche Stimmung unter den Nachbarn in der Zwickauer Polenzstraße 2: Man redete miteinander, lud sich gegenseitig in den Garten ein, sprach sich mit dem Vornamen an. Für Sindy H., die zwischen 2006 und 2008 in einer der Dachgeschosswohnungen lebte, war die Frau, die ganz unten rechts wohnte, deshalb "die Lisa".

So sagt es die 30-Jährige jetzt als Zeugin im NSU-Prozess. Lisa Dienelt, so hatte sich Beate Zschäpe der Anklage zufolge in der Polenzstraße genannt. Es war demnach einer ihrer Tarnnamen.

Das Erstaunliche an Sindy H.: Für die Selbstständige, die im Reinigungsbereich tätig ist, scheint sich an ihrem Blick auf das damalige Leben in der Polenzstraße nichts Wesentliches geändert zu haben - trotz der inzwischen bekannten Fakten über die drei mutmaßlichen Terroristen Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Sie spricht im Gericht weiter von "Lisa", den Namen Zschäpe nennt sie nie. Sie erzählt auch von "Lisas" Freund und dessen angeblichem Bruder, die sie hin und wieder in der Polenzstraße gesehen habe - und meint damit ganz offenbar Mundlos und Böhnhardt. "Lisa" hatte ihr die beiden Männer als Freund und Bruder vorgestellt, Namen fielen jedoch nicht.

Neun von zehn Morden geschahen in dieser Zeit

"Lisa" sei eine angenehme Nachbarin gewesen, sagt Sindy H.: "Sie war immer freundlich und aufgeschlossen." Die Zeugin erinnert sich noch heute daran, wie sie einst beim Bäcker ein Foto von "Lisa" in der Zeitung sah - dazu eine Schlagzeile, in der "irgendetwas von einer Terrorzelle" gestanden habe. Dass Beate Zschäpe alias Lisa Dienelt zu einer Terrorzelle gehört haben soll, kann sich die Zeugin bis heute nicht vorstellen: "Ich bin auch nach wie vor der Meinung, dass Lisa mit all dem nichts zu tun hatte - und dass er der Drahtzieher war." Sie meint damit den Mann, den ihr "Lisa" als Freund vorgestellt hatte und den Sindy H. auf Fotos als Uwe Mundlos identifizierte.

Die Aussage der Zeugin ist von Bedeutung für den Prozess, weil die Polenzstraße der Anklage zufolge eine wichtige Rolle für den "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) spielte: Demnach nutzten Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos von Mai 2001 bis März 2008 die dortige Wohnung als konspirative Unterkunft - in dieser Zeit soll die mutmaßliche Terrorzelle neun der zehn ihr insgesamt zur Last gelegten Morde begangen haben.

Auch wenn sich Sindy H. bis heute nicht vorstellen kann, dass "Lisa" etwas mit der mutmaßlichen Terrorzelle zu tun hatte, sind ihre Aussagen nicht entlastend für die Hauptangeklagte. Vielmehr bestätigen ihre Schilderungen teilweise die Anklage: "Lisa" habe ihr einmal gesagt, dass ihr Freund "so viel auf Montage" verdiene, dass sie selbst zu Hause bleiben könne. Das passt zur Überzeugung des Generalbundesanwalts, wonach Zschäpe dafür verantwortlich war, dem Trio den Anschein eines normalen, bürgerlichen Lebens zu verleihen. Laut Anklage verbreitete die Hauptangeklagte dazu ersonnene Legenden etwa zum Beruf, Einkommen oder zum Arbeitsplatz der Gruppenmitglieder.

Sie habe einmal nach der Telefonnummer von "Lisa" gefragt, gibt Sindy H. zu Protokoll. Die Nachbarin habe sie ihr aber nicht gegeben und darauf verwiesen, dass ihr Freund das nicht wolle. Sindy H. begegnete ihrer ehemaligen Nachbarin damals regelmäßig in der Polenzstraße, viel erfuhr sie dabei von "Lisa" allerdings nicht: "Ihr Privatleben war eigentlich verschlossen."

"Die waren sehr viel weg"

Als weitere Zeugin sagt Isabell S. aus, die zwischen 2005 und 2007 ebenfalls in einem Haus der Polenzstraße wohnte. Auch sie erinnert sich an Zschäpe, die sie als "Lisa" kannte, und an zwei Männer mit kurzen Haaren, bei denen es sich der Zeugin zufolge um "Lisas" Freund und dessen Bruder handelte. "Die waren sehr viel weg", sagt die 28-Jährige über die beiden Männer, sie habe sie nicht oft gesehen.

Die Verteidigung Zschäpes erklärt, es gebe aufgrund der Zeugenaussagen keine Anhaltspunkte dafür, dass in der Polenzstraße 2 zwei oder sogar drei Personen gewohnt hätten. Vielmehr dränge sich der Eindruck auf, dass einst in polizeilichen Vernehmungen der "Wunsch der Ermittler" Eingang in Protokolle gefunden habe. So sei etwa Isabell S. einst gefragt worden, ob sie noch wisse, wann "sie" - gemeint waren die einstigen Nachbarn- ausgezogen seien. Isabell S. habe in ihrer Antwort aber nur von einer Person gesprochen.

Auf Nachfrage der Bundesanwaltschaft sagt die Zeugin nun, sie habe damals gedacht, dass dort auch die beiden Männer gewohnt hätten.

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