NSU-Prozess Wie definiert sich die Opferrolle?

Ist eine Frau, die während des Kölner Nagelbombenattentats in ihrer Wohnung war, ein Opfer des NSU? Die Verteidiger von Beate Zschäpe bezweifeln das und verlangen, die Nebenklägerin und ihren Anwalt aus dem Prozess auszuschließen.

Beate Zschäpe (M.) zwischen ihren Anwälten Anja Sturm und Wolfgang Heer: "Sonst wäre der Kreis der Verletzten grenzenlos"
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Beate Zschäpe (M.) zwischen ihren Anwälten Anja Sturm und Wolfgang Heer: "Sonst wäre der Kreis der Verletzten grenzenlos"


Seit vergangener Woche wurde im NSU-Prozess auf den Antrag der Verteidiger von Beate Zschäpe gewartet. Erst an diesem 183. Verhandlungstag vor dem Oberlandesgericht München trug Wolfgang Heer die Forderung vor: die Aufhebung eines Senatsbeschlusses vom 25. Januar 2013, wonach eine Anwohnerin der Kölner Keupstraße als Nebenklägerin zugelassen und Rechtsanwalt Alexander Hoffmann aus Kiel als ihr rechtlicher Vertreter beigeordnet worden war.

Nach Auffassung der Verteidigung seien die rechtlichen Voraussetzungen dafür schon damals fraglich gewesen; nach der Befragung dieser Zeugin in der vergangenen Woche lägen sie nicht mehr vor.

Der Generalbundesanwalt hatte schon seinerzeit in diesem Fall eine Berechtigung zur Nebenklage nicht erkennen können. Der Senat aber entschied, die Frau komme als Opfer einer gefährlichen Körperverletzung in Betracht.

Es geht um die damals hochschwangere Zeugin Sermin S., die durch den Nagelbombenanschlag am 9. Juni 2004 nicht verletzt worden war, weil sie sich zur Tatzeit in ihrem nach hinten gelegenen Wohnzimmer im ersten Stock des Hauses Nr. 58 schräg gegenüber des Tatorts aufgehalten hatte.

Schock nach der Explosion in der Keupstraße

Sie hatte einen Knall gehört und angenommen, der Gasboiler in der Küche sei explodiert. Durch die Fenster des Schlafzimmers zur Straße konnte sie nichts erkennen, da sich die heruntergelassenen Jalousien nicht öffnen ließen. Also ging sie etwa eine halbe Stunde nach der Explosion der Nagelbombe auf die Straße - und war vom Anblick der in Panik herumlaufenden, blutüberströmten Menschen sowie den angerichteten Zerstörungen schockiert.

Sanitäter brachten sie vorsorglich sofort ins Krankenhaus, wo sie jedoch alsbald entlassen wurde, da sie keine Verletzungen erlitten hatte. Am 30. Juni 2004, 18 Tage vor dem errechneten Termin, brachte sie einen gesunden Jungen von 3060 Gramm zur Welt.

Als Zeugin in der Hauptverhandlung sprach sie von Ängsten vor größeren Menschenmengen, sie fürchte sich vor Bus- und Straßenbahnfahrten und vor Flugreisen und berichtete von einer Panikattacke, die sie 2011 im Kino erlitten hatte, wo ein von Lärm begleiteter Kriegsfilm gezeigt wurde.

Heer: "Sonst wäre der Kreis der Verletzten grenzenlos"

Ihren Ärzten, die sie in der letzten Zeit wegen dieser Beschwerden aufgesucht hatte, sagte sie nichts vom Anschlag in der Keupstraße, sondern erzählte von ihrer schweren Kindheit und vor allem vom Krebstod ihrer Mutter im Jahr 2012, der ihre Angstzustände vergrößert habe. Erst als sie auf ihren Wohnort Keupstraße angesprochen wurde, erwähnte sie das Attentat. Atteste, die auf einen Zusammenhang der psychischen Beschwerden mit dem Anschlag hätten schließen lassen, legte die Frau nie vor.

Verteidiger Heer: "Als Opfer kommt diese Zeugin unter keinen rechtlichen Umständen in Betracht. Sie war durch mehrere Mauern geschützt und wurde weder von Glassplittern noch von Nägeln verletzt. Hypothetische Erwägungen, was gewesen wäre, hätte sie sich an anderer Stelle aufgehalten, greifen nicht durch. Sonst wäre der Kreis der Verletzten grenzenlos."

Im übrigen sei, sollte der Tatbestand einer versuchten gefährlichen Körperverletzung angenommen werden, dieser inzwischen verjährt. "Und die Verjährung schließt den Anschluss eines Zeugen als Nebenkläger aus", so Heer. Es fehle an der Verletzteneigenschaft sowohl bezüglich eines versuchten Mordes als auch der gefährlichen oder der einfachen Körperverletzung. "Daher ist die Bestellung von Rechtsanwalt Hoffmann als Nebenklagevertreter zurückzunehmen."

Protest von Nebenklage-Anwalt Hoffmann

Dagegen protestierte Hoffmann, der sich seit Prozessbeginn als Anführer der gesamten Nebenklage zu verstehen scheint, umgehend. Er warf der Verteidigung vor, ihr Antrag sei "offensichtlich nicht darauf gerichtet, eine sachliche Auseinandersetzung zu führen, sondern um einen unbequemen Rechtsanwalt rauszuschießen. Und um die Opfer noch einmal herunterzumachen."

Es ist tatsächlich eine der Kernfragen dieses Prozesses, deren Beantwortung auf Großverfahren dieser Art abstrahlt: Wie definiert sich künftig die Opferrolle? Ist nur der Verletzte zur Nebenklage berechtigt, der seine Beeinträchtigungen mit Brief und Siegel nachweisen kann? Hat nur er Anspruch auf einen Anwalt, dessen Honorar vom Staat bezahlt wird, egal, wie lange der Strafprozess dauert? Oder hat diesen Anspruch auch jener, der sich bisweilen noch Jahre nach einem Schock etwa schlecht fühlt und dies - subjektiv - darauf zurückführt?

Die Verteidiger des Angeklagten Ralf Wohlleben schlossen sich der Zschäpe-Verteidigung an. In der kommenden Woche will sich die Bundesanwaltschaft dazu äußern.

Nur selten ein Komplex zusammenhängender Themen

Für diesen Verhandlungstag war außerdem der psychiatrische Sachverständige Norbert Leygraf geladen, der den geständigen Angeklagten Carsten S. begutachtet hat. Ebenso ein Mitarbeiter der Düsseldorfer Jugendgerichtshilfe, der das referierte, was Carsten S. - seinen Worten nach "ein zurückhaltender, scheuer junger Mann" - ihm 2013 zur Biografie und zu den Anklagevorwürfen gesagt hatte. Etwas Neues ergab sich dabei nicht.

So setzt sich fort, was den NSU-Prozess von Anfang an kennzeichnet: Nur selten wird ein Themenkomplex zusammenhängend behandelt.

Auf Leygraf und die Ausführungen der Jugendgerichtshilfe folgte als Zeuge ein Extremist aus der rechtsradikalen Musikszene Sachsens: Andreas G., genannt Mucke.

Er war auf Antrag des Angeklagten Wohlleben geladen worden. Folgt man diesem Zeugen, hat es Wohlleben in Chemnitz anscheinend so gut wie nicht gegeben. Auch nicht Böhnhardt oder Mundlos.

Die "88er", der militante Zweig von "Blood and Honour" - ein Emblem auf Jacken. NSU? Für den Zeugen G. "eine Automarke". Waffen? Davon wisse er nichts. "Wie kommt es zu Ihrem Spitznamen?", fragt Nebenklage-Anwältin Edith Lunnebach. "Das ist ein Begriff aus der Musik", antwortet der Zeuge. Wenig später musste er zugeben, das "Mucke" von "Muckefuck" stamme und Resultat einer Diskussion über "Rassenreinheit" gewesen sei. Reines Blut eben, nicht Muckefuck.

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