NSU-Prozess: Der Streit über den Kronzeugen G.

Von , München

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Angeklagter Holger G. im NSU-Prozess: Was sind seine Aussagen wert?

Die Aussagen des mutmaßlichen NSU-Helfers Holger G. sind für das Verständnis von Beate Zschäpes Rolle entscheidend. Doch vor Gericht lässt sich der Angeklagte nicht befragen. Und seine Vernehmungen bei der Polizei wurden offenbar nicht nach allen Regeln der Kunst geführt.

Es ist das eine zu erfahren, jemand sei erschossen worden. Doch wie der Nürnberger Blumenhändler Enver Simsek 2000 zu Tode kam - das läßt das Blut in den Adern gefrieren. Erfährt man die Einzelheiten, dann zeigt die Tat plötzlich ihre schrecklichste Fratze.

Die tödliche Verletzung, sagt der Rechtmediziner Stefan Seidel von der Universität Erlangen als Sachverständiger im NSU-Prozess, sei ein "Schädelsteckschuss" gewesen, der im Bereich der Oberlippe in den Kopf des Getöteten eindrang. Und dann, fährt Seidel fort: ein "Schädelweichteildurchschuss", der den oberen linken Schneidezahn Simseks absprengte und den linken Augapfel durchdrang; noch ein Steckschuss und noch einer; eine weitere Kugel, die von der linken Wange bis in die Schulter vordrang; ein Rumpf-Steckschuss; ein Armdurchschuss. Insgesamt gaben die Täter offenbar acht Schüsse auf ihr Opfer ab. Sechs davon in den Kopf.

Die Täter - vermutlich waren es zwei, nämlich Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos - gingen noch nicht so routiniert vor wie später, als sie ihre Opfer mit wenigen Treffern gezielt hingerichtet haben sollen. Bei Simsek müssen die Täter vor dem Verkaufswagen des Blumenhändlers gestanden haben, als dieser im Innern Blumen sortierte oder zu Sträußen band. Nach dem ersten Schuss ging Simsek zu Boden, dabei traf ihn ein weiteres Geschoss. Als er schon wehrlos auf dem Boden lag, feuerten die Täter weiter.

Anhand der Schusskanäle versuchten sich die Ermittler an der Rekonstruktion des Geschehens. Feuerte nur ein Täter oder zwei? Es wurden zwei Waffen verwendet, und angesichts der räumlichen Enge in dem Sprinter sei davon auszugehen, erläuterte ein Waffenexperte vom bayerischen Landeskriminalamt, dass die Täter möglicherweise nacheinander in den Wagen stiegen, um aus einer Entfernung von 60 bis 80 Zentimeter ihr tödliches Werk zu verrichten. "Mit einem Schalldämpfer kann auch ein ungeübter Schütze auf diese kurze Distanz treffgenau schießen", sagt der Experte. Die Täter brauchten 10 bis 15 Sekunden dafür.

Zschäpes Verteidiger kritisieren Vernehmung von Holger G.

Die Angeklagten hören mehr oder minder interessiert zu. Die nüchterne Sprache der Sachverständigen lässt ein Weghören nicht zu. Da sollten Menschen offenbar nicht nur getötet, sondern in Fleischfetzen und Knochentrümmer zerlegt werden. Was geht in Beate Zschäpe vor, wenn ihr die mutmaßlichen Verbrechen ihrer Gefährten auf diese Weise präsentiert werden? Und was ist im Vergleich dazu das mühsame Aufspalten der Aussagen ihrer Mitangeklagten in Wahres, Geschöntes oder Schutzbehauptungen?

Die vielfältigen Angaben des Angeklagten Holger G., der dem Trio bei der Legendierung des Lebens im Untergrund geholfen haben soll, lösen immer wieder Kritik aus, nicht nur bei den Anwälten der Opfer. G. hatte zwar eine Prozesserklärung zu seiner Rolle und seinen Aktivitäten im Zusammenhang mit Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe abgegeben, sich aber vor Gericht nicht befragen lassen. Was kann man damit anfangen?

Besonderen Anstoß nehmen Zschäpes Verteidiger. Sie kritisieren die Art der Vernehmung durch den Beamten S. vom Bundeskriminalamt (BKA), der, wie er vor Gericht aussagte, nur jene Formulierungen des Beschuldigten notierte, die den Ermittlungsbehörden wichtig erschienen seien. Im übrigen seien Äußerungen G.s durch Vernehmungsbeamte als "nicht protokollierungswürdig" zusammengefasst geworden.

"Wie sich Herr G. tatsächlich geäußert hat, kann in dieser Hauptverhandlung nicht mehr nachvollzogen werden", trug Rechtsanwalt Wolfgang Heer vor. Der Inhalt der Vernehmungen sei nicht verwertbar. Nachfragen und Antworten seien nicht festgehalten worden, "wenn nichts dabei herausgekommen ist". Auch habe er bestimmte Fragen zu einzelnen Details nicht gestellt, gab der BKA-Beamte zu, wenn dies "für das Verfahren nicht so bedeutsam" gewesen sei.

Welche Rolle spielte Zschäpe?

Wie soll unter solchen Umständen die Glaubhaftigkeit einer Aussage überprüft werden? Laut Anklage kommt G. eine zentrale Rolle in Hinblick auf Zschäpe zu. Als der mutmaßliche NSU-Helfer in den Vernehmungen stets pauschal von "den Dreien" gesprochen habe, so Heer, sei nicht nachgefragt worden, wer nun genau gemeint sei. Eine Differenzierung zwischen den Personen habe nicht stattgefunden. Die Pauschalisierung sei sogar von den Vernehmungsbeamten selbst übernommen worden. In einer früheren Vernehmung hingegen habe G. davon gesprochen, dass "Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos im Prinzip gleichberechtigt am weitesten oben standen. Danach schloss sich dann an die Beate..." Was bedeutete das?

Und was ist mit den "Systemchecks"? Also den regelmäßig stattfindenden Treffen des Trios mit G., bei denen dessen Eignung für eine Fortsetzung der Legendierung überprüft werden sollte. Wer hat dabei das Wort geführt? "Ich nehme an, alle drei", hatte der Mann vom BKA vor Gericht geantwortet. Nachgefragt hat er nicht.

In den insgesamt fünf Vernehmungen, die der Beamte S. mit G. geführt hat, findet sich eine Fülle von Punkten, die er hätte hinterfragen müssen. Nicht verwunderlich, dass Heer zu dem Schluss kommt: "Sämtliche Angaben G.s im Ermittlungsverfahren sind vor dem Hintergrund zu würdigen, dass sie durchweg vom Streben nach Anwendung der sogenannten Kronzeugenregelung erfolgten". Das Bestreben von G., Mitbeschuldigte zu belasten, sei nicht zu ignorieren. So sagte der BKA-Beamte vor Gericht denn auch aus: "Natürlich. Das war der Punkt, von dem wir ausgegangen sind."

Kein Ruhmesblatt für das BKA

Lege artis, also nach den Regeln der Vernehmungskunst, so das Resümee, wurden diese Vernehmungen wohl nicht geführt. Das ist für das BKA kein Ruhmesblatt. Die Bundesanwaltschaft dürfte darüber ebenfalls nicht glücklich sein, enthält sich aber jeder Bewertung. Denn die obliegt natürlich dem 6. Strafsenat des Oberlandesgerichts.

G. stellte sich in seiner Einlassung als Freund des Trios dar, der nichts Böses geahnt haben will - nicht einmal, als er eine scharfe Waffe überbrachte. Sogar Vertretern der Nebenklage, denen G.s Angaben durchaus "glaubhaft" erschienen, fiel auf, dass man ihm beim BKA "die Rolle des ahnungslosen Freundes bereitwillig abnahm". Nebenklagevertreterin Edith Lunnebach: "Sie, Herr G., müssen sich Ihre augenblickliche Rolle im Verfahren - im Zeugenschutz und auf freiem Fuß - erst noch verdienen!"

Fragen, die im Prozess immer wieder an die Vernehmungsbeamten gerichtet werden: Hat G. differenziert zwischen Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe? Ist er danach gefragt worden? Die beiden Männer waren schließlich tot, sie hatten sich am 4. November 2011 erschossen. Die Ermittlungen waren also nur noch gegen Zschäpe zu führen. Aber ihre Rolle, so der Eindruck, stand nicht unbedingt im Fokus der Ermittler.

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