NSU-Prozess Zschäpes Machtspiele im Gerichtssaal

Keine Begrüßung, kein Lächeln, nur ablehnende Körpersprache: Beate Zschäpe scheint entschlossen, mit Machtspielen gegen ihre Verteidiger den NSU-Prozess zu torpedieren. Sie bringt das Gericht in eine schwierige Situation.

Beate Zschäpe im OLG München (Archiv):  Konflikt mit den eigenen Anwälten
DPA

Beate Zschäpe im OLG München (Archiv): Konflikt mit den eigenen Anwälten


Wie soll das weitergehen? Am ersten Verhandlungstag nach ihrem zweiten Misstrauensantrag, diesmal gerichtet gegen ihre Verteidigerin Anja Sturm, betritt eine blasse, angestrengt wirkende Beate Zschäpe den Gerichtssaal. Ihre Verteidiger würdigt sie keines Blickes. Keine Begrüßung, selbstverständlich kein Händedruck, kein Lächeln, keine Verbindlichkeit. Wie immer, wenn es in ihr brodelt, setzt sie sich nicht, sondern bleibt an ihrem Platz hinter der Anklagebank stehen, bis der Senat einzieht. Kein Blick auch zu den Richtern.

Wie soll man die Haltung nennen? Verstockt? Eine Angeklagte voller unterdrückter Wut und Abwehr? Den ganzen Vormittag über öffnet sie nicht ein einziges Mal den Mund. Ihre Lippen bleiben aufeinandergepresst. Sie blickt nicht auf Bilder, die an die Wand geworfen werden, als ein Zeuge vom Bundeskriminalamt die Überwachungsaufnahmen aus der Sparkasse von Zwickau-Auerbach interpretiert, die Zschäpes Gefährten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt am 25. September 2002 überfallen haben sollen. Nicht einmal die Gummibärchen, die Verteidiger Wolfgang Heer ihr zuschiebt, rührt sie an.

Zschäpe starrt, auf ihre Hände gestützt, auf den geschlossenen Laptop. Sie starrt auf die gegenüberliegende Wand. Sie starrt ins Leere. Sie starrt in sich hinein. Ihre Züge zeigen kein Zeichen einer Regung. Ihre Körpersprache signalisiert Ablehnung, Unzugänglichkeit, Kompromisslosigkeit. Sie scheint entschlossen, mit ihren Machtspielchen das Verfahren zu torpedieren. Denn wohin dieses steuert, kann ihr kaum verborgen geblieben sein.

Indem sie ihre drei Anwälte gegeneinander ausspielt und zum wiederholten Mal mit substanzlosen Vorwürfen überzieht, erweckt sie den Eindruck, eine hilflose Frau ohne Beistand auf der Anklagebank, ängstlich besorgt, den Anstrengungen des Prozesses bald nicht mehr gewachsen zu sein.

Tatsächlich aber hat sie die Anwälte - augenscheinlich grundlos - öffentlich bloßgestellt und deren Ruf beschädigt. Alle Kritik, die den Verteidigern insgesamt in der letzten Zeit entgegenschlug, erscheint mittlerweile in einem anderen Licht. Was können sie mehr tun, als das Gesicht zu wahren?

Die Verteidiger halten nichts von Zschäpes Antrag

Dem Senat beschert Zschäpe eine auf längere Sicht unerfreuliche Situation. Was, wenn die Angeklagte in Abständen wieder und wieder ihren Verteidigern das Vertrauen entzieht? Wie steht der Senat dann da, wenn er wieder und wieder Vertrauen verordnen muss? Nach mehr als 200 Verhandlungstagen kann er das Verfahren nicht mehr platzen lassen. Gleichzeitig muss er jeden Fehler vermeiden, der eines Tages zu einer Revision des Urteils führen könnte. Er hat dafür zu sorgen, dass die Angeklagten ordnungsgemäß verteidigt werden. Und wenn die Hauptangeklagte ausgerechnet dies hintertreibt?

Mittlerweile weiß sie, was alle drei Verteidiger von ihrem Antrag halten: nichts.

Wolfgang Heer und Wolfgang Stahl weisen sämtliche Vorwürfe gegen die Kollegin Anja Sturm in knappen Stellungnahmen zurück. Stahl schrieb an den Senat: "Die Behauptungen von Frau Zschäpe sind für mich nicht nachvollziehbar." Heer ist etwas deutlicher. Beiden Anwälten sind die von Zschäpe angeführten angeblichen Differenzen mit Sturm offenbar nicht aufgefallen, trotz ständiger interner Kommunikation bezüglich der Verteidigung, wie sie beteuern. Es würde nicht verwundern, wenn Zschäpe nun auch sie erneut zu entpflichten versuchte.

Sturm selbst weist - "soweit hierzu Veranlassung besteht" - Zschäpes Vorhaltungen zurück. So schreibt die Anwältin etwa an den Senat: "Die Behauptung, ich würde unvorbereitet an der Hauptverhandlung teilnehmen, ist unzutreffend." Das klingt nicht kämpferisch, sondern "nur" professionell, ebenso die Stellungnahmen der Mitverteidiger. Mehr ist zu dem Antrag nicht zu sagen.

Sturm, Stahl und Heer sind Pflichtverteidiger, nicht Büttel der Angeklagten. Sie haben in erster Linie das Verfahren zu sichern. Sie dürfen eine eigene Meinung haben und müssen nicht springen, wenn die Angeklagte mit den Fingern schnipst. Zschäpe versucht, sie zu Agenten eines Staatspopanzes zu degradieren, von denen sie, die unter der Anwaltsstrategie angeblich Leidende, sich nicht vertreten fühlt.

Die Verteidiger arbeiteten wie gewohnt weiter: Sturm schrieb eifrig mit, ebenso Heer zeitweise. Stahl verteidigte tapfer. Es schien aber wie vergebliche Liebesmüh auf Zschäpe zu wirken. Wort- und grußlos verließ sie am Ende des Sitzungstages ihre Anwälte. Sie hat nun bis Mittwoch, 15 Uhr, Zeit, auf Sturms Äußerung zu dem Entpflichtungsantrag zu reagieren, den sie "nicht nachvollziehen" könne. Dabei wird sie von einem Anwalt beraten werden.

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.