NSU-Prozess Zschäpe tritt noch einmal nach

Sie hat eine neue Sitzordnung durchgesetzt und geht erneut gegen einen ihrer Altverteidiger vor: Beate Zschäpe gibt im NSU-Prozess keine Ruhe. Die Angeklagte will bestimmen, was vor Gericht geschieht.

Von , München

Beate Zschäpe: Die Angeklagte will Verteidiger Heer loswerden
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Beate Zschäpe: Die Angeklagte will Verteidiger Heer loswerden


Beate Zschäpe hat Oberwasser. Sie ist zurzeit der Mittelpunkt. Zumindest glaubt sie das wahrscheinlich. Strahlend begrüßt sie den Mann ihres Vertrauens, den Münchner Junganwalt Mathias Grasel. Er nimmt jetzt auf ihren Wunsch hin den ersten Platz auf der Verteidigerbank ein.

Sie selbst sitzt auf Platz zwei. Sie hat auch durchgesetzt, dass die bewährten Verteidiger ihre Stühle geräumt haben und - in der Reihenfolge Stahl, Heer, Sturm - gleichsam unter "ferner liefen" folgen. Anja Sturm sitzt am weitesten von Zschäpe entfernt. So wollte diese es haben.

Kindergarten? Wenn es so einfach wäre. Die Komplikationen enden nicht. Zschäpe gibt noch immer keine Ruhe. Nach ihrer Attacke gegen Sturm folgt nun das gleiche Spiel, gerichtet gegen den Verteidiger, der sie am längsten, seit ihrer Festnahme vor bald vier Jahren, begleitet: Wolfgang Heer.

Außerhalb der Hauptverhandlung beantragte sie am 220. Verhandlungstag, wie Heer selbst mitteilt, nun seine Entlassung aus dem Pflichtverteidigermandat. Hätte er geschwiegen, man wüsste nicht davon. Aussicht auf Erfolg wird dieser neuerliche Antrag ebenso wenig haben wie jener, den sie im Juni gegen Anja Sturm richtete. Aber eine weitere Geste des Widerwillens gegen ihre bisherigen Anwälte ist er gleichwohl. Ein nochmaliges Nachtreten, nachdem Sturm, Stahl und Heer am vorigen Verhandlungstag erfolglos vorgebracht hatten, diese Mandantin nicht länger verteidigen zu können. Die Basis, auf der ordnungsgemäß verteidigt werden könnte, sei nachhaltig zerstört.

Da Grasel so gut wie keinen Beitrag zur Verteidigung leisten kann, da er erst am 216. Verhandlungstag auf Wunsch Zschäpes ins Verfahren gekommen ist, scheint nun Olaf Klemke, der Verteidiger des Mitangeklagten Ralf Wohlleben, in die Bresche zu springen. Zschäpe hatte schon öfter erkennen lassen, dass sie dessen Agieren vor Gericht goutiert.

Stahl reißt die Befragung wieder an sich

Nun kann Klemke nicht zwei Angeklagte zugleich verteidigen. Aber Fragen allgemeiner Art können er und seine Mitverteidiger Nicole Schneiders und Wolfram Narath natürlich an Zeugen stellen. Sie können beanstanden und dazwischengehen, wenn es ihnen nicht gefällt, dass zum Beispiel eine Mitarbeiterin des Bundeskriminalamts als Zeugin monoton auflistet, was ihre Kollegen an Asservaten unter bestimmten Nummern zusammengetragen haben. Das lässt Stahl nicht auf sich sitzen. Er reißt die Befragung wieder an sich. Und Grasel blickt stumm auf seinen aufgeklappten Laptop. Sturm und Heer protokollieren fleißig. Es ist - fast - wie immer. Wenn nicht die Situation eine so außergewöhnliche wäre, wie sie in anderen Großverfahren nicht zu erleben ist.

Eine Angeklagte, die sich nicht nach den Regeln der Kunst verteidigen lassen will. Die bestimmen will, was vor Gericht geschieht. Die meint, es besser zu wissen als ihre Anwälte.

Klemke fragt nach den DVDs mit dem NSU-Bekennervideo, von denen 16 Exemplare nach dem Tod der mutmaßlichen NSU-Haupttäter Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt verschickt worden waren, zum Beispiel an die ehemalige PDS-Geschäftsstelle in Halle oder die der Linken in Weimar oder an einen türkischen Kulturverein in München-Pasing, wo der Empfänger sie wegwarf.

Sechs DVDs wurden in dem ausgebrannten Wohnmobil der beiden Uwes in einem Rucksack gefunden sowie 35 in versandfertigen und adressierten Umschlägen in der Wohnung in der Zwickauer Frühlingsstraße, wo Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe bis zuletzt gewohnt hatten. Auf einem an die "Lippische Landeszeitung" versandten Umschlag befanden sich ebenfalls Fingerabdrücke von Zschäpe. Mit alledem haben Wohlleben und seine rührigen Verteidiger unmittelbar nichts zu tun.

Video: SPIEGEL-Gerichtsreporterin Friedrichsen über den Entpflichtungsantrag der Zschäpe-Verteidiger

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