NSU-Prozess Verteidiger auf Bewährung

Sie bohren nach, wehren sich gegen Fragen der Nebenklage: So energisch sind die Verteidiger von Beate Zschäpe zuletzt selten im NSU-Prozess aufgetreten. Der Vertrauensentzug durch ihre Mandantin hat offenbar Wirkung gezeigt.

Beate Zschäpe zwischen ihren Verteidigern: Vertrauen entzogen
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Beate Zschäpe zwischen ihren Verteidigern: Vertrauen entzogen

Von , München


Beate Zschäpe lehnt sich auf ihrem Platz weit nach vorn, damit die links und rechts neben ihr sitzenden Verteidiger Blickkontakt aufnehmen und miteinander reden können. Wolfgang Heer, Anja Sturm und Wolfgang Stahl stecken ihre Köpfe zusammen, drücken ihre Mikrofone zur Seite, damit ihre vertraulichen Worte nicht im Saal des Münchner Oberlandesgerichts zu hören sind.

Solche Momente sind an diesem Tag im NSU-Prozess häufiger zu beobachten. Ausführlich befragen Zschäpes Verteidiger später den Beamten des Thüringer Landeskriminalamts, der an diesem Tag über die Ermittlungen Ende der Neunzigerjahre gegen Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt berichtet - und entschieden melden sich die Anwälte der Hauptangeklagten zu Wort, wenn sie Fragen von Vertretern der Nebenklage für unzulässig halten. "Ich beanstande das", so lautet einer der häufigsten Sätze von Wolfgang Stahl am 136. Prozesstag. Er sagt ihn mindestens fünf- oder sechsmal.

Es ist der erste Prozesstag nach einer mehrwöchigen Sommerpause, und es scheint sich etwas verändert zu haben im Vorgehen von Zschäpes Verteidigern. So engagiert hat man sie jedenfalls nicht immer gesehen: Oft vergingen ganze Verhandlungstage, ohne dass sich Sturm, Stahl oder Heer bemerkbar machten. Mitunter wirkten sie so passiv, dass sich Beobachter die Frage stellten, welche Verteidigungsstrategie dahinter stecken sollte. Und dann überraschte Zschäpe kurz vor der Sommerpause damit, dass sie ihren drei Anwälten das Vertrauen entzog.

Postkarte nach Baden-Württemberg

Zwar lehnte das Gericht später Zschäpes Antrag auf neue Anwälte ab, sodass sie ihre Pflichtverteidiger behalten musste. Aber ihr Vertrauensentzug hat bei Sturm, Stahl und Heer offenbar Wirkung gezeigt. Das ist zumindest der Eindruck an diesem ersten Tag nach der Sommerpause. Ob Zschäpe zu ihnen Vertrauen fasst, ist eine ganz andere Frage. Einem Bericht der "Welt" zufolge nahm sie zuletzt per Postkarte Kontakt zu einem Anwalt in Baden-Württemberg auf, der wenige Tage später um eine sogenannte Einzelsprecherlaubnis im Münchner Untersuchungsgefängnis bat.

Die Aussagen des Jenaer Kriminalbeamten Jürgen D., der mehrere Stunden berichtete, dürften ein weiteres Mal dafür sorgen, dass die Effektivität der Behörden bei der einstigen Suche nach den Untergetauchten Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt infrage gestellt wird. Zuletzt hatte der NSU-Untersuchungsausschuss des Thüringer Landtags in seinem Abschlussbericht etliche Pannen der Behörden aufgelistet. Die Aussagen des Beamten vor Gericht fügten sich in dieses ungünstige Bild.

So hatte dem Zeugen zufolge ein Staatsanwalt im Januar 1998 die von einem Kollegen angeordnete Festnahme von Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos zurückgenommen, nachdem Ermittler am Vortag in einer von Zschäpe angemieteten Garage Material zum Bombenbau gefunden hatten. Stattdessen waren die drei zunächst nur noch zur Aufenthaltsfeststellung ausgeschrieben, weil der zweite Staatsanwalt offenbar keine hinreichenden Beweise für eine Festnahme des Trios sah.

Erfolglose Durchsuchungen bei Tino Brandt

Ursprünglich hatten die Ermittler damals zunächst vor allem Böhnhardt im Visier. Durch Observationen und weitere Recherchen war jedoch vor der Durchsuchungsaktion klar, dass Zschäpe eine Rolle spielte: Sie hatte die Garage angemietet, zu der sich Mundlos und Böhnhardt begeben hatten. Dort fand die Polizei am 26. Januar 1998 auch einen Reisepass von Mundlos.

Auch von einer weiteren Panne wusste Jürgen D. zu berichten: Er habe in einem Fall die Wohnung von Tino Brandt durchsuchen lassen, sagte der Beamte. In den Räumen des damals wichtigen Neonazi-Kaders in Thüringen hatten die Ermittler Datenträger vermutet, die sie bei ihrer Ermittlungsarbeit weiterbringen sollten. Brandt habe die Polizei aber "freundlich" begrüßt, als die Beamten vor seiner Tür in Coburg standen - die Durchsuchung blieb ergebnislos. Zwar wurde ein Computer gefunden, die dazugehörige Festplatte war aber nicht mehr vorhanden.

Offenbar wurde Brandt, der damals V-Mann des thüringischen Verfassungsschutzes war, frühzeitig von dem Besuch der Polizei gewarnt. Wer die Warnung ausgesprochen haben könnte, ist für den Zeugen offensichtlich: Von der Durchsuchungsaktion erzählt er, als er von einem Vertreter der Nebenklage gefragt wird, ob er irgendwann geahnt habe, dass Brandt ein V-Mann gewesen sei.

Brandt, der bereits im NSU-Prozess ausgesagt hat, soll im September erneut vernommen werden. Auch sein ehemaliger V-Mann-Führer ist geladen.

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