NSU-Prozess "Diese romantische Verklärtheit"

Wie sehr engagierte sich das rechtsextreme Netzwerk "Blood and Honour" für die untergetauchten Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos? Im NSU-Prozess erhoffte man sich von einem Zeugen Antworten. Zudem wurde bekannt, dass Ralf Wohlleben in Haft bleibt.

"Blood and Honour"-Material: "Ich fand es nicht gut, dass sie da mitmacht"
AP/ LKA Baden-Württemberg

"Blood and Honour"-Material: "Ich fand es nicht gut, dass sie da mitmacht"


Wenn es im NSU-Prozess darum geht, was sich Ende der Neunzigerjahre in der rechtsextremistischen Szene Sachsens und Thüringens abspielte, zeigen viele Zeugen das immer gleiche Verhalten: Sie beschönigen, verharmlosen, geben vor, nichts zu wissen. Am Dienstag war der Zeuge Michael P. an der Reihe, er kam zum zweiten Mal ins Oberlandesgericht München.

Er sollte Auskunft geben über seine Rolle und vor allem die seiner damaligen Frau Antje B. im "Blood and Honour"-Netzwerk. Jenes Netzwerk, das wohl mit Neonazi-Konzerten Geld sammelte für die untergetauchten Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe.

Antje B. soll laut Anklage zudem bereit gewesen sein, Zschäpe ihren Reisepass zur Verfügung zu stellen, falls diese mit ihren Gefährten Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos nach Südafrika ausgereist wäre. Dazu kam es nicht, offenbar weil Zschäpe diesen Ortswechsel für sich ausschloss, so dass auch Böhnhardt und Mundlos in Deutschland blieben. Und mutmaßlich über ein Jahrzehnt lang die NSU-Verbrechen begingen.

"Über die Musik in die Herzen der Leute"

Michael P. sagt nun, Antje B., Mutter von vier Kindern, habe damals nur eine "weibliche" Rolle gespielt, eine "untergeordnete". "Sie dachte halt, sie könnte da so ein romantisches Ding...", der Zeuge stockt, die Worte gehen ihm aus. Seine Frau sei eben "der Typ dazu": ein Mensch, der nicht alles hinterfrage, sondern mitmache und in gewisser Weise begeisterungsfähig sei. Auf Nachfrage des Vorsitzenden Götzl sagt P.: "Ich fand es eben nicht gut, dass sie da mitmacht." Aber darüber gesprochen habe er angeblich nicht viel mit ihr. Sie sei sehr verschwiegen gewesen.

Antje B. soll mit Jan W. und Thomas S. zu den Führungsfiguren von "Blood and Honour" gehört und vor allem Konzerte organisiert haben. Ihrem Mann hingegen schien es mehr auf den wirtschaftlichen Ertrag dieses Engagements angekommen sein. "Ich sah das alles nicht mit dieser romantischen Verklärtheit, wie solche Vereine sich darstellen, die die Welt verändern oder verbessern wollen." "Blood and Honour" sei für ihn eine "Musikbewegung mit patriotischen Idealen" gewesen, die von England aus in Deutschland implantiert werden sollte. "Über die Musik in die Herzen der Leute", wie er es heute nennt.

Nebenklage-Anwalt Alexander Hoffmann erklärte zu Antje B., deren einzige Sorge damals scheine gewesen zu sein, dass ihre Kinder im Kindergarten mit nicht-weißen Altersgenossen spielen könnten. Das Ehepaar und sein gesamter Freundeskreis habe zum Ziel gehabt, die "weiße Vorherrschaft voranzutreiben".

Wohlleben bleibt in Haft

Den ehedem positiv besetzten Begriff "Patriotismus" scheinen die Rechten inzwischen offenbar nicht nur bei den Pegida-Demonstrationen als Deckmäntelchen für ihre wahren Absichten entdeckt zu haben. Auch im NSU-Prozess ist das Wort plötzlich en vogue. Ziel von "Blood and Honour" sei "Patriotismus" gewesen, ein "vielleicht verstärkter Nationalismus oder Nationalstolz oder so, in der Art", sagte der Zeuge P. Immer wieder kam er auf diesen "Patriotismus" zu sprechen.

Am Rande des vorletzten NSU-Sitzungstages vor Weihnachten wurde bekannt, dass die Bundesanwaltschaft dem Antrag der Verteidigung Ralf Wohllebens widerspricht, den Haftbefehl gegen den Angeklagten aufzuheben. Wohlleben sitzt seit dem 29. November 2011 in U-Haft.

Der Angeklagte sei weiterhin dringend verdächtig, heißt es in der Stellungnahme von Oberstaatsanwältin Annette Greger, bedingt vorsätzlich Beihilfe zu neun Morden geleistet zu haben, ja, der Tatverdacht habe sich sogar im Sinne der Anklage verdichtet. Angesichts der Bedeutung der Sache und der zu erwartenden Strafe sei die Anordnung von Untersuchungshaft auch weiterhin verhältnismäßig.

Wohlleben soll laut Anklage seinen Gesinnungsgenossen Böhnhardt und Mundlos im Frühjahr 2000 über den Mitangeklagten Carsten S. die Mordwaffe Ceska 83 mit aufgeschraubtem Schalldämpfer verschafft haben. Der Weg dieser Waffe zu den Tätern sei, anders als die Verteidigung behaupte, keineswegs ungeklärt, heißt es in der Stellungnahme weiter, auch wenn nicht verkannt werde, dass die nicht unerhebliche Dauer des Freiheitsentzuges mit gewichtigen Nachteilen für den verheirateten Familienvater verbunden sei.

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