Zeugen im NSU-Prozess "Es war wie verhext"

Abu T. war 15, als sein Freund Halit Yozgat erschossen wurde. Er versuchte, ihm zu helfen, doch es war vergebens. Nun erzählte Abu T. im NSU-Prozess von jenem Apriltag des Jahres 2006. Zudem sagte ein Mann zum Mord an Michèle Kiesewetter aus, der die Schüsse hörte und die Täter womöglich sah.

Von , München

NSU-Prozess im OLG München: Zeugen berichten von Radfahrern
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NSU-Prozess im OLG München: Zeugen berichten von Radfahrern


Nach dem Zeugen Abu T. hatte das Oberlandesgericht München lange gesucht. Der 22-Jährige galt im Mordfall Halit Yozgat als eine jener Personen, die am Tatort und zur Tatzeit möglicherweise mehr gesehen und gehört haben könnten als ein anderer Mann, der bereits im NSU-Prozess ausgesagt hat: der Mitarbeiter des hessischen Landesamts für Verfassungsschutz Andreas T. Der nämlich ging, als er am 6. April 2006 das Internet-Café an der Holländischen Straße in Kassel verließ, an dem am Boden liegenden Opfer anscheinend vorbei wie ein Blinder.

Abu T. war damals 15 Jahre alt und mit Halit, dem Betreiber des Cafés, befreundet. Fast täglich hielt er sich dort auf, rauchte manchmal einen Joint und surfte auf Seiten, die nicht ganz jugendfrei waren. Seine Erinnerung an das Drumherum, wer sonst noch anwesend war und wo saß und was tat, ist verblasst.

Immer noch gegenwärtig hingegen ist ihm das Bild des niedergeschossenen jungen Mannes auf dem Boden hinter dem Tresen. "Ich habe versucht, ihm erste Hilfe zu leisten und unter seinen Kopf gefasst. Da war es ganz warm, und meine Hand war voller Blut", sagt Abu T. "Das hatte man erst gar nicht gesehen. Außerdem habe ich versucht, einen kleinen Türken, der auch in dem Lokal gewesen war, von dem Anblick fernzuhalten."

Immer wieder zwei Radfahrer

Abu T. hat sich also als 15-Jähriger angemessener und nachvollziehbarer verhalten als der Verfassungschützer T., der damals offenbar mit fliegenden Fahnen das Lokal verlassen hatte, warum auch immer. Überzeugende Gründe dafür konnte T. bis heute nicht vorbringen.

Der junge Abu T. war nach dem schrecklichen Erlebnis von seinem Vater in die Kinderpsychiatrie gebracht worden. "Denn ich konnte nichts mehr essen, habe nur noch getrunken. In der Klinik musste ich so lange bleiben, bis ich wieder gegessen habe, zwei bis drei Wochen." Noch ein Jahr später habe er nicht ruhig schlafen können. Und den Anblick des Toten wird er wohl sein Leben lang nicht mehr vergessen.

Das Gericht widmete sich am Dienstag zudem einem zweiten Fall: Dem Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn, der bereits in der vergangenen Woche verhandelt worden war. Wie bei weiteren mutmaßlichen Morden Böhnhardts und Mundlos' wurden auch im Fall der 2007 getöteten Michèle Kiesewetter und ihrem schwerstverletzten Kollegen Martin A. in der Nähe des Tatorts zwei Radfahrer beobachtet. Immer wieder sind es diese Radfahrer, oft in voller Montur mit Helm, mit Mountainbikes, junge Männer, etwa 1,80 Meter groß, schlank bis hager, von denen später Zeugen berichteten.

"Als ob Reifen geplatzt wären"

Ein heute pensionierter Elektriker zum Beispiel, der damals mit einem Kollegen vom Stellwerk zu einem Kabelverteiler unterwegs war. Er sagt als Zeuge vor dem Münchner Gericht, es sei ihm so vorgekommen, als hätten sich die beiden aufgeregt miteinander unterhalten. Oder sogar miteinander gestritten. Auf dem Rückweg habe er "zwei oder drei Knaller" gehört. "Gesehen hat man ja nichts, da waren Büsche dazwischen. Aber an das 'Tacktacktack' erinnere ich mich, ganz schnell hintereinander. Es klang, als ob Reifen geplatzt wären." Sein Kollege und er seien weitergegangen, man habe an nichts Böses gedacht.

Ein weiterer Zeuge, unterwegs auf dem Rad zum Bahnhof, fuhr damals am Tatort vorbei und sah "aus den Augenwinkeln", wie sich "einer mit Uniform aus dem Auto lehnte", als ob er sich sonnen würde. Das sei ihm komisch vorgekommen. Der kurze Blick auf eine Situation, die er als nicht "normal" empfand, löste offenbar eine Irritation bei ihm aus, denn er drehte um und fuhr zurück. Es sei an jenem Tag unheimlich viel los gewesen auf dem Radweg. Nur in jenem Moment sei niemand gekommen. "Es war wie verhext. Ich sah die Uniform, es war alles voller Blut." Da er kein Handy dabei hatte, fuhr er rasch zum Bahnhof und sprach Taxifahrer an. Einer rief dann bei der Polizei an.

Alles deutet darauf hin, dass Michèle Kiesewetter und Martin A. Zufallsopfer waren. In der Nähe des Heilbronner Tatorts befindet sich eine Straße mit vielen kleinen türkischen Läden. Hatten Mundlos und Böhnhardt einen Überfall auf einen der Händler vor? Entschlossen sie sich dann aber, Polizisten zu töten? Nur weil die Situation gerade günstig war? Aus dem Bekennervideo "Paulchen Panther" lässt sich schließen, dass Böhnhardt und Mundlos wohl seit 2006 mit dem Gedanken spielten, Polizisten zu töten. Haben die beiden Radfahrer darüber diskutiert oder gestritten?

Die Heilbronner Tat wurde erst 2011 aufgeklärt, nachdem sich Böhnhardt und Mundlos am 4. November in Eisenach nach einem Banküberfall der Festnahme durch Suizid entzogen. In ihrem Wohnmobil fanden sich beide Polizeiwaffen aus Heilbronn, die den Opfern abgenommen worden waren. Damit begann das Ende des NSU.

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