NSU-Prozess Die Wissenslücken der Ermittler

Im NSU-Prozess haben Ermittler ausgesagt: Was fanden sie über das menschenverachtende "Pogromly"-Spiel heraus? Blieben Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos nach ihrem Untertauchen bis 2011 immer zusammen? Die Antworten der befragten Polizisten waren dürftig.

Angeklagte Zschäpe: "In Zwickau trat das Trio erstmals selbst in Erscheinung"
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Angeklagte Zschäpe: "In Zwickau trat das Trio erstmals selbst in Erscheinung"


Wie sehr Polizeibeamte als Zeugen den Verlauf und das Ergebnis eines Strafverfahrens beeinflussen können, es sei denn, die Verteidigung passt auf - dafür war dieser Dienstag im Münchner NSU-Prozess ein schönes Beispiel.

Ein saarländischer Kriminalkommissar etwa hatte für das Bundeskriminalamt zusammengetragen, was Kollegen andernorts zu jenem menschenverachtenden "Pogromly"-Spiel ermittelt hatten. Laut Anklage war es von Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in den Jahren 1995 bis 1997 entwickelt und hergestellt worden. Zu einer Zeit also, als Böhnhardt mit seinen Gesinnungsgenossen pöbelnd in Buchenwald oder bei Gedenkmärschen für Rudolf Heß auffiel.

In "Pogromly" ging es im Kern um Antisemitismus, und zwar schlimmster Art, auf eine abartig-humoristische Weise verpackt, die später auch den Bekennerfilm mit "Paulchen Panther" ausmachte.

Denn das Machwerk "Pogromly", angelehnt an das altbekannte Monopoly-Spiel, strotzt nur so von verhöhnenden Details und Fäkalinjurien. Sein Ziel: eine "schöne judenfreie Stadt" zu erhalten. Dass Einzelheiten des Spiels, die im Gerichtssaal an die Wand projiziert wurden, kaum erkennbar waren, hat vermutlich niemanden im Publikum gestört.

Der Zeuge muss passen

Die ersten Exemplare seien 1998 in einer von Zschäpe gemieteten Garage in Jena gefunden worden, berichtete der Kripo-Zeuge. Allerdings seien diese nach Ablauf von acht Jahren und damit vor dem Auffliegen des NSU vernichtet worden.

Wie viele dieser Machwerke gab es? Der Zeuge spricht von 20 bis 30 Exemplaren. Wo sind sie geblieben? Bis heute sei dies weitgehend unbekannt. Ein "unfertiges Spiel" habe man damals in der Wohnung Uwe Böhnhardts gefunden; Zschäpe habe eines unter ihrer Couch gehabt. In den Akten, so der Zeuge, fänden sich Aussagen eines weiteren Gesinnungsgenossen. Demnach sei in dessen Wohnung an der Herstellung gearbeitet worden. Die genaue Aussage dieses Mannes kenne er allerdings nicht.

Zschäpe-Verteidiger Wolfgang Stahl: "Woher wissen Sie dann, dass das sogenannte Trio das Spiel hergestellt hat?" Waren alle Spiele gleich, oder gab es Unterschiede? Waren die vernichteten Exemplare identisch? Der Zeuge muss passen, es gibt keine Vermerke dazu. Waren Fingerspuren auf den sichergestellten Spielen? Der Zeuge muss wieder passen. Seine Erkenntnisse waren offensichtlich dürftig.

"Diese Wohnung war auf Dauer zu klein"

Ein weiterer Beamter, ein Ermittler vom Bundeskriminalamt, sollte Auskunft geben, welche Wohnungen Zschäpe - möglicherweise zusammen mit ihren Komplizen Böhnhardt und Mundlos - in jener Zeit bewohnte, in der sie sich vor der Polizei versteckte.

Im Januar 1998, als sich die drei einer drohenden Festnahme in Jena entzogen, half ihnen offenbar erst einmal ein Freund und Gesinnungsgenosse, Thomas S., der sie bei sich in Chemnitz einige Tage lang wohnen ließ. Dann kamen sie laut den Ermittlungen für drei Wochen in der Wohnung eines Freundes von Thomas S. unter, ebenfalls in Chemnitz. Als dieser die "Gäste" nicht länger beherbergen wollte, wandten sie sich erneut an Thomas S., der auch wieder eine Lösung fand.

Zschäpe, möglicherweise auch die beiden Männer, kamen in der Zwei-Zimmer-Wohnung von Max-Florian B. unter. Bald aber hieß es wieder umziehen. Und zwar in eine Eineinhalb-Zimmer-Wohnung von 27 Quadratmetern in Alt-Chemnitz, die vermutlich wiederum durch Thomas S. über einen Strohmann vermittelt worden war. "Diese Wohnung war auf Dauer zu klein für drei Personen", sagte der Zeuge.

Die Reaktion der Verteidigung

Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt wechselten nach ihrem Untertauchen vermutlich siebenmal die Wohnung. Die letzte in Chemnitz soll der Angeklagte André E. für sie gemietet haben. Es folgte der Umzug nach Zwickau, erst für ein knappes Jahr in die Heisenbergstraße, dann, am 1. Mai 2001 in die Polenzstraße. "In Zwickau", so der Zeuge, "trat das Trio erstmals selbst in Erscheinung." Denn Mundlos habe sich einen Pass auf den Namen Max-Florian B. besorgt und unter diesem Namen einen Untermietvertrag mit dem eigentlichen Mieter geschlossen.

Der Zeuge macht keinen Hehl aus seiner Einschätzung. Er bezeichnet Zschäpe als "das Gesicht" der 77 Quadratmeter großen Wohnung in der Polenzstraße. Er sagt: "Die Wohnungsnahme dokumentiert die Verfestigung der Beziehung innerhalb der Gruppe." Er macht dies fest an dem Umstand, dass die Wohnungen "immer größer" und schließlich "eigenständig" gemietet worden seien. In der Frühlingsstraße in Zwickau, der letzten Bleibe von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt, seien mit Zustimmung des Vermieters sogar zwei Wohnungen in eine geräumige Vier-Zimmer-Wohnung umgewandelt worden.

Die Verteidigung reagiert auf die Wertungen des Zeugen zwar spät, aber unmissverständlich. Woher will der Beamte wissen, dass durchgängig die drei Personen zusammen waren? Es sei schwer gewesen, gibt dieser zu, dafür eine Bestätigung zu finden. Aus den Häusern erinnerten sich kaum noch Mitbewohner an die kurzen Aufenthalte Zschäpes und - womöglich - zweier Männer.

"Aus der Gesamtheit der Beweisstücke" sei eine weitere Wohnung, in der möglicherweise Mundlos gewohnt haben könnte, "nicht definitiv" herauszuarbeiten gewesen, sagt der Beamte. Offenbar schloss er aus dem Umstand, dass die drei als "Trio" untergetaucht waren, dass sie auch weiterhin zusammenblieben. Verteidiger Stahl: "Der Generalbundesanwalt unterstellt in seiner Anklage, die drei seien seit Januar 1998 durchgängig zusammengeblieben, und zieht daraus rechtliche Schlussfolgerungen. Dies konnte der Zeuge gerade nicht bestätigen."

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