NSU-Prozess Der Fehler der Fallanalytiker

Nach dem Mord an Ismail Yasar wollten Ermittler die Tat mit dem Sprengstoffanschlag in Köln vergleichen. Experten hielten davon nichts und lehnten ab. Heute weiß man: Beide Verbrechen gehen wohl auf das Konto des NSU.

Keupstraße in Köln (Juni 2004): 22 Menschen wurden verletzt
DPA

Keupstraße in Köln (Juni 2004): 22 Menschen wurden verletzt

Von , München


Der NSU-Prozess hat zum Ziel, die Schuld oder Mitschuld der Angeklagten für die menschenverachtenden Verbrechen der Rechtsterroristen aufzuklären. Zugleich aber wird im Oberlandesgericht immer wieder deutlich, wie die Täter von Pannen und Versäumnissen der Ermittler profitierten. So auch am Donnerstag, dem 140. Verhandlungstag.

Als Zeuge sagte der Kriminalbeamte Albert V. aus. Der Nürnberger Beamte berichtete vor Gericht davon, wie er sich nach dem Mord an Ismail Yasar am 9. Juni 2005 zusammen mit seinen fränkischen Kollegen auch mit der Polizei in Köln austauschte. Ein Jahr zuvor war ein Sprengstoffanschlag in der überwiegend von Türken bewohnten Keupstraße verübt worden, 22 Menschen wurden verletzt, vier von ihnen schwer. Beide Taten sowie neun weitere Morde wurden wohl vom NSU verübt.

Der Grund für den polizeilichen Informationsaustausch war damals, dass die Ermittler sowohl im Zusammenhang mit dem Mord an Yasar als auch mit dem Sprengstoffanschlag auf verdächtige Fahrradfahrer stießen. In Köln wurden die beiden mutmaßlichen Täter - Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos - von Videokameras festgehalten. Die Aufnahmen zeigen unter anderem, wie offenbar Böhnhardt zwei Räder schiebt. Nach dem Mord an Yasar hatte die Zeugin Beate K. gegenüber Ermittlern ausgesagt, ihr seien in der Nähe des Tatorts in Nürnberg zwei Männer mit Fahrrädern aufgefallen. Der Anklage zufolge nutzten Böhnhardt und Mundlos in mehreren Mordfällen Mountainbikes, um die jeweiligen Tatorte schnell verlassen zu können.

Die verpasste Analyse

Albert V. ließ sich damals die Videoaufnahmen seiner Kölner Kollegen schicken, um sie Beate K. zu zeigen. Die Frau habe damals Ähnlichkeiten festgestellt, sagte der Polizeibeamte. Die Zeugin sei sich damals "ziemlich sicher" gewesen, dass es sich bei den beiden Männern auf dem Video um die Personen handele, die sie damals in Nürnberg gesehen hatte - eine Aussage, die die Frau im NSU-Prozess detailreich wiederholte.

Die Videoaufnahmen aus Köln seien von "mäßiger Qualität" gewesen, fügte Albert V. hinzu. Es sei daher damals "nicht zu 100 Prozent" sicher gewesen, dass es sich um dieselben Personen handele, man habe es aber auch nicht ausschließen können. Für V. stand damals fest, dass man eine Fallanalyse vornehmen müsse, um die beiden Taten näher miteinander zu vergleichen.

Die zuständigen Experten der "Operativen Fallanalyse" hätten diesen Vorschlag allerdings abgelehnt. Zum einen hätten sie darauf verwiesen, dass nach dem Kölner Anschlag bereits eine Fallanalyse vorgenommen worden sei. Zum anderen argumentierten sie, eine neue Fallanalyse sei aufgrund des unterschiedlichen Tathergangs "nicht sinnvoll".

Die falsche Annahme der Experten

Auf die Frage eines Nebenklagevertreters, ob die Experten eine entsprechende Analyse als Vergleich "von Äpfeln und Birnen" qualifiziert hatten, bestätigte der Zeuge. Diese Worte seien damals gefallen.

Die Experten aus der "Operativen Fallanalyse" hätten damals stattdessen eine "Tat aus Rache" für wahrscheinlich gehalten, so Albert V. Ein politisches Motiv sei für sie "eher nicht" infrage gekommen, weil es kein Bekennerschreiben zu dem Anschlag gegeben habe.

Ermittler waren jahrelang fälschlicherweise davon ausgegangen, dass es sich bei dem Anschlag in Köln um eine Milieustraftat handelte, auch bei der Mordserie ermittelten die Behörden nicht konsequent in Richtung Rechtsextremismus.

Es ist nicht das erste Mal, dass Zeugenaussagen im NSU-Prozess den Schluss nahelegen, dass es bei der jahrelangen Ermittlungsarbeit zu Versäumnissen und Pannen kam. Auch der Untersuchungsausschuss des Thüringer Landtags war zuletzt zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen: Der Abschlussbericht der Parlamentarier kam einer regelrechten Abrechnung mit der Behördenarbeit gleich.

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.