NSU-Anschlag in Köln Der unbekannte Korbträger

Im Januar 2001 detonierte in einem Kölner Lebensmittelladen ein Sprengsatz, eine 19-Jährige wurde schwer verletzt. Sie und ihre Familie haben bis heute unter den Folgen zu leiden. Im NSU-Prozess wurde aber auch deutlich, wie knapp die junge Frau dem Tod entkam.

Von , München

Tatort Probsteigasse (Januar 2001): Verschlossener Rollladen hielt Splitter auf
DPA

Tatort Probsteigasse (Januar 2001): Verschlossener Rollladen hielt Splitter auf


Wenn in Nachrichten die Rede davon ist, jemand habe lebensgefährliche Verletzungen bei einem Unfall oder einem Anschlag davongetragen, liest man oft darüber hinweg. Zum Glück kein Toter. Doch wenn, wie im Münchner NSU-Verfahren an diesem Donnerstag, Sachverständige die Konstruktion und Wirkungsweise eines Sprengsatzes beschreiben, wenn ein Rechtsmediziner Auskunft gibt über die Art und Schwere der Verletzungen, die das Anschlagsopfer erlitten hat: Dann wird mit einem Mal klar, was Unschuldige und Unbeteiligte oft ein Leben lang zu ertragen haben.

Zum wiederholten Mal ging es um den hinterhältigen Sprengstoffanschlag in der Kölner Probsteigasse, den der Generalbundesanwalt den verstorbenen mutmaßlichen Rechtsterroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos zur Last legt. Zwischen dem 18. und 21. Dezember, so die Anklage, soll einer der beiden Uwes einen Korb mit einer weihnachtlich gestalteten Stollendose in dem Lebensmittelgeschäft von Djavad M. im Stadtteil Köln-Altstadt zurückgelassen haben mit der Bemerkung, er habe seine Geldbörse vergessen und komme gleich wieder.

Schwerste Gesichtsverletzungen

Der Mann war dem Inhaber unbekannt, und weil er nicht wiederkam, wurde der Korb in einem Nebenraum des Geschäfts abgestellt. Am 19. Januar, also vier Wochen später, hob die damals 19 Jahre alte Tochter des Geschäftsmannes, Mashia M., morgens gegen 7 Uhr den Deckel der Stollendose ein wenig an, um nachzusehen, was sich darin befand.

Kaum, dass die junge Frau sich wenige Schritte entfernt und zu einer Schublade gebückt hatte, zündete der im Innern der Dose verborgene Sprengsatz aus Schwarzpulver. Dass Mashia M. am Leben blieb, ist geradezu ein Wunder. Allerdings erlitt sie schwerste Verletzungen im Gesicht und an einer Hand, die, wie die vom Gericht gehörten Sachverständigen ausführten, noch weitaus schlimmer hätten sein können, wenn zum Beispiel der Raum nicht ein Fenster gehabt hätte, sodass sich die Druckwelle entladen und die entstehende Hitze rasch entweichen konnte. Wenn nicht die Tür zum Laden offen gestanden hätte, wenn nicht der Rollladen vor dem Schaufenster noch geschlossen gewesen wäre, sodass der Schwall von spitzen Metall- und Holzsplittern nicht auch noch auf die Straße geriet.

Keine Ähnlichkeit mit Mundlos und Böhnhardt

Sämtliche Scheiben zerbarsten, der Plafond des Nebenraums brach herunter, Teile der Wände wurden abgesprengt - und dazwischen die blutüberströmte, schwer verletzte junge Frau, die dachte, sie müsse nun sterben.

Eine Kripobeamtin, die die Herkunft jener Sauerstoffflasche zu ermitteln hatte, die der oder die Täter zum Explodieren des Sprengsatzes benötigten, fand nur heraus, dass derartige Flaschen in Kölner Verbrauchermärkten verkauft wurden. Doch an wen? Außerdem wurde nur im Kölner Raum ermittelt. Der Schluss, dass der Sprengsatz auch in Köln hergestellt worden sein muss, ist also nicht zwingend.

Der Familie M., die durch die Zerstörung ihres Ladens ihre Existenzgrundlage verlor und die unter den Folgen des Anschlags bis heute leidet, haben die bisherigen Ermittlungen nicht jene Sicherheit vermittelt, die zur Bewältigung eines solch traumatischen Erlebnisses nötig wäre. Der Familienvater, der damals in der Adventszeit mit dem ihm unbekannten Mann gesprochen hatte, fertigte später ein Phantombild an. Dieses aber hat weder mit Mundlos noch mit Böhnhardt auch nur die geringste Ähnlichkeit.

Der Verfassungsschutz teilte, kurz nachdem das Phantombild erstellt worden war, dem polizeilichen Staatsschutz in Köln mit, das Bild ähnele einem Kölner Neonazi. Eine Staatsschutzbeamtin fertigte darüber einen Vermerk. Nun beantragten die Anwältinnen der Familie M., die ehemalige Präsidentin des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzes, Mathilde Koller, als Zeugin zu laden. Der Spur sei nicht in ausreichender und ordnungsgemäßer Weise nachgegangen worden, sagte Rechtsanwältin Christina Clemm.

Wie soll die Familie M. mit ihrem Schicksal je fertig werden? Der Vater sagt bis heute, keiner der beiden Uwes seien seiner Überzeugung nach Überbringer des Korbes gewesen. Seine Frau berichtete vor Gericht als Zeugin, sie habe noch heute das Gefühl, verfolgt zu werden und eventuell erneut Opfer eines Anschlags werden zu können.

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