NSU-Prozess Beate Zschäpes Odyssee

Nachdem sich ihre Kumpane Böhnhardt und Mundlos umgebracht hatten, startete Beate Zschäpe eine seltsame Odyssee durch Mitteldeutschland. Eine BKA-Beamtin berichtete nun im NSU-Prozess, wie sich die Angeklagte mit Hilfe einer Schülerin stellen wollte. Ohne Erfolg.

Angeklagte Beate Zschäpe: "Stark zitternd"
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Angeklagte Beate Zschäpe: "Stark zitternd"


Das Münchner Oberlandesgericht mit dem Vorsitzenden Manfred Götzl trägt seit Mai Woche für Woche Stein um Stein zusammen, um daraus das Bild der Verbrechen des NSU zusammenzusetzen. Besonders eindrucksvoll am 66. Verhandlungstag: eine Zeugin vom Bundeskriminalamt. Sie lieferte eine fast filmreife Darbietung, kompetent, exzellent vorbereitet und höchst eloquent vorgetragen. Die Zeugin beschrieb vor allem das Verhalten der Hauptangeklagten Beate Zschäpe nach der unfreiwilligen Selbstenttarnung von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos in Eisenach am 4. November 2011.

Böhnhardt und Mundlos nahmen sich in einem Wohnwagen das Leben, nachdem sie zuvor eine Bank ausgeraubt hatten. Zschäpe verließ an jenem Tag nachmittags das Haus Frühlingsstraße 26 in Zwickau mit ihren zwei Katzen im Korb. Sie stellte ihn auf der Straße ab, als komme sie gleich wieder. Einer Nachbarin soll sie gesagt haben, sie müsse zurück, weil "die Oma", also die alte, gebrechliche Nachbarin Charlotte E., noch im Haus sei. Tatsächlich aber entschwand Zschäpe in Richtung Innenstadt, was sich anhand der Ortung ihres Handys von den Ermittlern feststellen ließ.

Für den weiteren Weg scheint Zschäpe kein Konzept gehabt zu haben. Offenbar völlig verwirrt, irrte sie im Zickzack per Bahn durch die Lande, tage- und nächtelang ohne Schlaf, ohne einen Moment vernünftiger Besinnung: von Zwickau nach Chemnitz. Dann nach Leipzig, wo sie in einem Internet-Café versuchte, Kontakt zu ihrer Großmutter oder ihrer Tante aufzunehmen. Anschließend Eisenach. War sie am Ort des Suizids? Dann Bremen, wo sie um 3.48 Uhr ein "Schönes-Wochenende-Ticket" löste, gültig bis zum 7. November. Weiter nach Hannover. Neun Stunden Aufenthalt. Was hat sie in diesen Stunden gemacht?

Weiter über Uelzen, Magdeburg, Halle an der Saale, wieder Eisenach, nachts in Weimar, dann erneut Halle. Dort sei Zschäpe, übernächtigt und nervös, fast vor eine Straßenbahn gelaufen, worauf sich eine Frau mehrere Stunden lang um sie gekümmert habe und sie ins Krankenhaus habe bringen wollen. "Aber je näher das Krankenhaus kam, desto weniger wollte Frau Zschäpe dorthin", berichtete die BKA-Zeugin.

"Der Beamte legte auf"

Am Bahnhof fiel sie einem Mann auf, weil sie so unruhig gewesen sei. Dann fuhr sie offenbar nach Braunschweig und wieder nach Halle, Aufenthalt bis 22 Uhr. Wo schlief sie? Schlief sie überhaupt? Am folgenden Tag von Dresden nach Jena. Dort soll sie um 8.30 Uhr gesehen worden sein in der Wohngegend ihrer Tante, ihres Cousins, ihrer Großmutter. An einer Straßenbahnhaltestelle habe sie eine Schülerin um deren Handy gebeten und, wie dieser auffiel, "stark zitternd" einen Notruf abgesetzt. Sie habe sich stellen wollen, stieß aber wohl beim Gesprächspartner auf keine Resonanz. "Der Beamte konnte den Anruf nicht zuordnen und legte auf", sagte die BKA-Beamtin.

"Dann kreuzte Frau Zschäpe bei Rechtsanwalt Liebtrau in Zwickau auf und ging mit ihm gegen 13 Uhr zur Kripo. Um 13.09 Uhr wurde sie festgenommen." Es war der 8. November 2011. Das Trio war enttarnt.

Die BKA-Zeugin war unter anderem dabei, als Zschäpe am 25. Juni 2012 in einem Polizeiwagen von der Justizvollzugsanstalt Köln-Ossendorf nach Gera gebracht wurde, um dort von ihrer Großmutter und Mutter besucht zu werden. Begleitet wurde sie unter anderem von einem hochrangigen BKA-Ermittler, der vor Gericht bereits beschrieben hatte, wie er sie auf der Fahrt zum Reden ermuntert habe, obwohl sie nach dem Wunsch ihrer Verteidiger eigentlich hätte schweigen sollen.

Folglich widersprach die Verteidigung nicht nur der Verwertung der Angaben dieses Ermittlers, weil "das Schweigerecht der Mandantin hintergangen" worden sei, sondern auch der Vernehmung der BKA-Zeugin. Es kam zu Beanstandungen durch die Verteidiger, zu Widersprüchen, zu weiteren Beanstandungen. Götzl ließ alles an sich abprallen. Er interessiere sich für das Verhalten Zschäpes, erklärte er und erfuhr schließlich von der Zeugin, die Angeklagte sei "sehr aufgeschlossen gewesen und habe sich sehr bereitwillig geäußert".

Schulzeugnisse in der Erde vergraben

Genauso wurde die Angeklagte schon als Schülerin von den Lehrern beurteilt: aufgeschlossen, lebhaft, interessiert, freundlich, wie sich aus ihren Schulzeugnissen ergibt. Diese waren in Jena in der Erde vergraben gefunden worden, nachdem der Mitangeklagte Carsten S. einen entsprechenden Hinweis gegeben hatte. Warum vergrub sie ihre Zeugnisse?

Eine weitere Zeugin, die sich noch erinnerte, wie sie 2003 von einer Frau auf der Straße angesprochen und um Hilfe beim Abschluss eines Prepaid-Vertrages für ein Handy gebeten worden war, berichtete ebenfalls von einer "freundlichen Person", für die sie gegen einen Lohn von 50 Euro den Vertrag unterschrieb. Aus "jugendlichem Leichtsinn" und weil sie scharf auf das Geld gewesen sei. Und weil die Frau "so nett" war.

Nach ihrem Untertauchen Ende Januar 1998 bewohnten Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt laut Anklage insgesamt sieben konspirative Wohnungen. Von Frühjahr 2001 bis 2008 blieben sie in einer Vier-Zimmer-Wohnung, Polenzstraße 2 in Zwickau. Für ein Leben in der Illegalität ein langer Zeitraum. Dazu verholfen hatte ihnen der Mitangeklagte André E. Offizieller Mieter war ein Herr D., dieser Name stand auch am Klingelschild.

Bis zum 7. Dezember 2006 ging alles gut. Dann aber gab es im ersten Stock einen Wasserschaden, und die Polizei kam ins Haus. Es wurde gefährlich für das Trio.

Der ermittelnde Beamte erfuhr, im Erdgeschoss wohne "Liese" oder "Lisa". Dem Polizisten erklärte sie, "Liese" sei nur ihr Spitzname. Sie heiße Susann E. und wohne nicht hier, sondern halte sich nur ab und zu in der Wohnung des Herrn D. auf, um dessen Katzen zu versorgen. Und vor allem: In D.s Wohnung sei keinerlei Schaden entstanden. Susann E. heißt die Ehefrau des Mitangeklagten André E.

"Liese", alias Beate Zschäpe, ging zur Polizei, legte als Susann E. einen Ausweis vor - und durfte wieder gehen. "Denn da kein Schaden entstanden war, war die Frau als Zeugin nicht mehr so wertvoll", erklärte der Beamte vor Gericht.

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