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Zwickauer Nachbar über Beate Zschäpe: Tür an Tür mit der "Dienelt-Maus"

Beate Zschäpe: "Erstens hieß sie Dienelt, und zweitens ist sie 'ne Maus" Zur Großansicht
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Beate Zschäpe: "Erstens hieß sie Dienelt, und zweitens ist sie 'ne Maus"

Im NSU-Prozess hat ein ehemaliger Nachbar der Hauptangeklagten Beate Zschäpe ausgesagt. "Eine liebe, gute Nachbarin" sei die Freundin der mutmaßlichen Rechtsterroristen Uwe Bönhardt und Uwe Mundlos gewesen. Und spendabel noch dazu. Auch an einem Hitler-Bild habe sie sich nicht gestört.

München - "Ab und zu hat man hinterm Haus zusammengesessen und sich über dieses und jenes unterhalten - belanglose Dinge", sagte ein ehemaliger Nachbar der angeklagten Beate Zschäpe vor dem Landgericht München. Freundlich habe sich die junge Frau bei allen Anwohnern vorgestellt. Einmal habe sie gar den Nachbarn, die hinter dem Haus saßen und Fußball guckten, eine große Familienpizza spendiert. "War 'ne liebe, gute Nachbarin", so das Resümee des Zeugen.

Den Nachbarn habe sie sich als "Susann Dienelt" vorgestellt - eines ihrer Pseudonyme. In der Nachbarschaft sei sie nur die "Dienelt-Maus" genannt worden. "Erstens hieß sie Dienelt, und zweitens ist sie 'ne Maus."

Zschäpe bewohnte gemeinsam mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt jahrelang eine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus im sächsischen Zwickau. Sie habe gesagt, der eine sei ihr Freund, der andere dessen Bruder, berichtete der Zeuge. Sie würden beruflich Autos überführen.

Zu den beiden Männern pflegte der Zeuge laut eigener Aussage kaum Kontakt. "Mal 'guten Tag' und 'guten Weg', und das war's." Zschäpe habe gelegentlich mit ihm und den anderen Nachbarn im Keller gesessen, habe sich dort unterhalten und getrunken. Mundlos und Böhnhardt seien nie mit dabei gewesen. Über Politik habe man nie gesprochen.

Hitler-Bild auf der Glotze

Auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters gab der Zeuge allerdings zu, dass auf seinem Fernseher im Keller ein Bild von Adolf Hitler gestanden habe. Das habe für ihn jedoch keine politische Bedeutung gehabt, sondern sei ein Andenken an einen verstorbenen Nachbarn gewesen. Zschäpe habe sich an dem Bild nie gestört, sonst auch niemand.

Die Anklage wirft Zschäpe vor, eine legale Fassade für das Trio aufgebaut zu haben, damit die Neonazi-Terroristen ungestört ihre Anschläge planen und durchführen konnten. Sie muss sich als Gründungsmitglied des NSU wegen Mittäterschaft an der Ermordung von neun Menschen sowie dem Mordanschlag auf zwei Polizeibeamte in Heilbronn und den versuchten Morden durch die Sprengstoffanschläge in der Kölner Altstadt und in Köln-Mülheim verantworten. Vier weitere mutmaßliche Helfer sitzen auf der Anklagebank.

Am 4. November 2011 erschossen sich Mundlos und Böhnhardt, um der Festnahme nach einem Banküberfall zu entgehen. Danach, so die Anklage, verteilte Zschäpe Benzin in der Wohnung und zündete es an. Die Explosion war so stark, dass sie Teile der Außenwand heraussprengte.

"Hinter ihnen brennt's"

Anschließend muss sich eine eigenartige Szene zugetragen haben, wie eine Zeugin berichtete. Die 31-Jährige fuhr mit ihrem Auto durch die Frühlingsstraße und sah den brennenden Dachstuhl. "Ich bin dann stehen geblieben, weil die ganze Straße voll Rauch war." Sie sei ausgestiegen, um zu schauen. In dem Moment sei Zschäpe um die Ecke gekommen, mit zwei Katzenkörben in der Hand. Sie habe Zschäpe angesprochen, so die Zeugin: "Hinter ihnen brennt's und wir müssten die Feuerwehr alarmieren." Zschäpe habe sich umgedreht und sei erschrocken. "Meine Oma ist noch im Haus", habe sie gesagt. "Dann hat sie sich umgedreht und ist zurückgelaufen."

Tatsächlich wohnte in der Nachbarwohnung eine 89-Jährige. Sie konnte von Verwandten aus dem Haus gerettet werden. Die Sache hätte aber auch schiefgehen können, sagte ein Experte des Landeskriminalamts, der ebenfalls gehört wurde: "Es hätte auch durchaus eine weitere Ausbreitung der Explosion geben können, so dass auch eine Zwischenwand zerstört worden wäre. Das kann im Vorfeld nicht eingeschätzt werden." Die Bundesanwaltschaft wirft Zschäpe vor, sie habe den Tod der alten Frau und zweier Handwerker riskiert. Deshalb lautet die Anklage auch auf Mordversuch.

Erstmals seit langem waren Sympathisanten aus der rechten Szene unter den Zuschauern - zwei Männer mit Glatzen, einer von ihnen tätowiert bis zum Hals. In einer Verhandlungspause trat er an die Absperrung der Besuchertribüne und grüßte den Angeklagten Ralf Wohlleben und dessen Anwältin. Woher er Wohlleben kennt, wollte er aber nicht sagen.

Zum Prozessauftakt hatten noch etwa 500 Polizeibeamte für Sicherheit gesorgt, inzwischen seien es deutlich weniger, sagte Amtsgerichtspräsident Gerhard Zierl, der beim NSU-Prozess für die Organisation der Sicherheitsmaßnahmen zuständig ist. Ändere sich die Lage, seien die Kräfte aber auf Abruf. "Wir haben die Vorkehrungen getroffen, sofort alle Kräfte bündeln zu können."

ala/dpa

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