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Nachlass der Zwickauer Terrorzelle: Rabattmarken und Pistolen

Von , und Jan Söfjer

Akribisch durchsiebten Ermittler das letzte Versteck des "Nationalsozialistischen Untergrunds": In der Zwickauer Wohnung sicherten sie den Nachlass der Neonazis. Dabei stießen die Fahnder auf die Überreste eines spießigen Lebens, auf diverse Waffen - und auf 1424 Schuss scharfe Munition.

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DER SPIEGEL

Grundriss der Wohnung der Zwickauer Zelle: Spießiges Leben im Untergrund

Zwickau - Es sah nach einem Routineeinsatz aus, als die Leitstelle den Löschzug von Feuerwehrmann Steve N. am Nachmittag des 4. November in den Zwickauer Stadtteil Weißenborn beorderte: Wohnungsbrand in der Frühlingsstraße, Ursache unklar. N., ausgestattet mit Helm und Atemschutzgerät, war einer der ersten, der in den ersten Stock des brennenden Altbaus hinaufstieg. Er sollte einen sogenannten Innenangriff durchführen, also das Feuer im Inneren der Wohnung bekämpfen. Schon auf dem Treppenabsatz, zwischen Schuhregal und einem Hocker, fiel N. ein leerer Benzinkanister aus Plastik auf.

Offenbar hatte die Mieterin kurz zuvor den Brennstoff vergossen und beim Herausgehen Feuer gelegt. Die Benzingase, die sich in den Räumen gesammelt hatten, lösten aber eine Verpuffung aus, die Teile der Außenwand heraussprengte und das Feuer stellenweise erstickte. N. und seine Feuerwehr-Kameraden brauchten ein spezielles Brecheisen ("Haligan Tool"), um die stark gesicherte Wohnungstür zu öffnen, danach bekamen sie die gelb lodernden Flammen aber relativ schnell in den Griff.

Wie sich kurz darauf herausstellte, war die Löschaktion alles andere als ein Routineeinsatz. Die Feuerwehrleute hatten dank ihres schnellen Vorgehens das letzte Versteck einer Terrorzelle vor der vollständigen Zerstörung bewahrt. In der Wohnung nämlich hatten Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos gelebt, jene Neonazis, die nach Überzeugung der Ermittler die Terror-Organisation "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) gegründet hatten.

1424 scharfe Patronen - und zahlreiche Anschlagsziele

Die beiden Männer sind tot - nach einem Banküberfall in Eisenach hatte Mundlos offenbar erst seinen Komplizen Böhnhardt und anschließend sich selbst erschossen. Beate Zschäpe, die sich wenige Tage nach dem Brand der Polizei stellte, sitzt in Untersuchungshaft und schweigt eisern. Umso wichtiger sind für die Ermittler Beweisstücke, die sie in der konspirativen Wohnung des Trios und dem dazugehörigen - unbeschädigten - Kellerraum sicherstellen konnten.

Akribisch haben die Fahnder ihre Fundstücke in ein "vorläufiges Asservaten-Verzeichnis" eingetragen. Es sind Hunderte Beweismittel, allein die tabellarische Liste, die dem SPIEGEL vorliegt, ist 140 Seiten lang. Der Nachlass der Neonazis zeugt von ihrem spießig-banalen Leben im Untergrund - aber auch von ihrem mörderischen Hass.

In der Küche etwa entdeckten die Ermittler die Überreste der vermutlich letzten Mahlzeit Zschäpes vor ihrer Flucht, eine leere Dose Soljanka, sowie zwei leere Büchsen Tierfutter für ihre beiden Katzen. In der anderen - konspirativen - Hälfte der Wohnung entdeckte die Polizei indes einen offenbar kurz vor dem Brand geöffneten Wandtresor. Darin lag eine Pistole der Marke Erma mit eingeführtem Magazin, wenige Meter daneben, auf dem Boden des Schlafzimmers, eine weitere Schusswaffe. Es war die polnische Pistole "Radom" VIS 35, die im April 2007 bei dem Mordanschlag auf die Polizistin Michèle Kiesewetter und ihren Kollegen Martin A. in Heilbronn zum Einsatz gekommen war.

Eine dritte Pistole (Walther PP) konnte im Flur gesichert werden. Insgesamt stießen die Spurensicherer in der Frühlingsstraße auf ein Arsenal aus zehn Pistolen und Revolvern sowie einem Gewehr und einer Maschinenpistole des Typs MPi-Ceska 26. Unter den Pistolen war auch die seit Jahren gesuchte Ceska 83, die Tatwaffe der sogenannten Ceska-Mordserie.

In Wohnung und Keller hatten die mutmaßlichen Terroristen zudem mehrere Munitionsdepots angelegt: Insgesamt fand die Polizei 1424 scharfe Patronen unterschiedlicher Kaliber, abzufeuern von der Pumpgun bis zur Maschinenpistole.

Rabattmarken und Sattelschutzhülle für ein biederes Leben

Hinzu kamen zahlreiche, detaillierte Aufzeichnungen zu möglichen Anschlagszielen, Stadtpläne mit Markierungen etwa, eine Zettelsammlung mit den Namen von Prominenten und hochrangigen Ermittlungsbeamten oder ein handschriftliches Adressverzeichnis, in dem Politiker und Journalisten aufgeführt sind. Im Keller entdeckten die Ermittler zudem eine Flasche mit 38-prozentiger Schwefelsäure, die unter anderem zum Bau von Sprengstoff verwendet werden kann.

Und dann wieder Fundstücke aus dem anderen, ausgesprochen biederen Leben, das die Zelle in ihrem Zwickauer Zuhause führte. Für Ausflüge in die Umgebung standen im Keller vier Mountainbikes, Fahrradhelme (in den Größen 55 bis 63 und 58 bis 68) und eine Tasche mit einer schwarzen Sattelschutzhülle bereit - falls es mal regnet.

Auf ganz gewöhnliche Wünsche und Ängste deuten auch einige Asservate aus der ersten Etage hin. Mehrere Sparbücher fanden die Ermittler im Schutt. Eines von der Sparkasse Zwickau trug die Aufschrift "Zuwachssparen", hatte aber noch keine Einträge. Auch Rabattmarken von allen möglichen Anbietern fand die Polizei. Waren die mutmaßlichen Serienmörder privat als schnöde Schnäppchenjäger unterwegs? Beate Zschäpe jedenfalls dachte in Alltagsdingen wohl ganz praktisch. Auf ihren Alias-Namen Lisa Dienelt schloss sie sogar den Brillenschutzbrief "aktivoptik" ab. Man kann ja nie wissen.

Bizarr mutet indes die Bibliothek der Zwickauer Zelle an. Im vorläufigen Asservaten-Verzeichnis sind lediglich neun Bücher aufgeführt, darunter die Werke "Die 1000 besten Backrezepte", "Enzyklopädie der Pistolen und Revolver" und das "Grundsatzprogramm der Christlich Sozialen Union in Bayern". Außerdem ein Buch des linken US-Filmemachers Michael Moore ("Volle Deckung, Mr. Bush") und eine Abhandlung über den Burenkrieg in Südafrika.

Anscheinend befasste sich der NSU aber auch mit Fachliteratur: Als brisant könnte sich der Fund des Werkes "Der Verfassungsschutz - Organisation, Spitzel, Skandale" erweisen, das von dem nach Südafrika ausgewanderten Rechtsextremisten Claus Nordbruch verfasst wurde. Nach Erkenntnissen der Ermittler hatten Böhnhardt, Zschäpe und Mundlos nach ihrem Untertauchen im Jahr 1998 zeitweise erwogen, zu Nordbruch nach Südafrika zu fliehen. Auch eine Visitenkarte Nordbruchs fand sich im Nachlass der Neonazis.

Die meisten - und für die Ermittlungen ergiebigsten - Asservate konnte die Polizei jedoch erst später, bei einer Nachuntersuchung des Brandschutts der Wohnung sichern: Unter Trümmern vergraben fanden sich die Überbleibsel der legalen Existenzen der drei Neonazis. Drei alte Personalausweise, ausgestellt auf die Namen Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe, ein Reisepass, zwei Führerscheine, eine Krankenkassenkarte und Zschäpes Geburtsurkunde.

Am nächsten Montag soll mit dem Abriss der Frühlingsstraße 26 in Zwickau begonnen werden.

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Neonazi-Mordserie
9. September 2000 - Enver S.
Das erste Opfer war der Blumenhändler Enver S., 38, aus dem hessischen Schlüchtern. Er stand mit seinem Verkaufswagen am Vormittag des 9. September 2000 an einer Ausfallstraße in Nürnberg-Langwasser. S. vertrat einen Kollegen, der an diesem Tag Urlaub genommen hatte. Am Nachmittag fand man S. im Transporter, von Kugeln durchsiebt.
13. Juni 2001 - Abdurrahim Ö.
Neun Monate später starb Abdurrahim Ö. Der geschiedene 49-Jährige, der in Nürnberg-Steinbühl wohnte, war Schneider, seit vielen Jahren in Deutschland. Tagsüber stand er bei Siemens am Band, abends besserte er für ein paar Euro Kleider aus. Am Nachmittag des 13. Juni 2001 hörten Nachbarn einen Streit, angeblich waren zwei osteuropäisch wirkende Männer bei Ö. Wenig später lag dieser tot auf dem fleckigen PVC-Boden hinter dem Schaufenster, mit zwei Kugeln im Kopf.
27. Juni 2001 - Süleyman T.
Süleyman T., 31, wurde nur wenige Tage später, am 27. Juni 2001, von seinem Vater gefunden. Der Obst- und Gemüsehändler arbeitete im eigenen Laden in Hamburg-Bahrenfeld. Kurz hintereinander hatte man ihm mit zwei Waffen - eine war die Ceska - dreimal in den Kopf geschossen.
29. August 2001 - Habil K.
Am 29. August 2001 starb Habil K. durch zwei Kopfschüsse in seinem Gemüsegeschäft in München-Ramersdorf. Passanten glauben, sie hätten einen ausländisch aussehenden Mann mit Schnurrbart weglaufen und in ein dunkles Auto steigen sehen. Er wurde nie gefunden.
25. Februar 2004 - Yunus T.
Am Morgen des 25. Februar 2004 bekam der 25-jährige Yunus T. in einem Rostocker Dönerstand Besuch. Wieder war es ein Kopfschuss, wieder aus der Ceska. Bis heute ist unklar, ob T. verwechselt wurde. Er lebte erst seit ein paar Tagen in Rostock und war an diesem Morgen zufällig als Erster an der Bude.
9. Juni 2005 - Ismail Y.
Am 9. Juni 2005 wurde Ismail Y., 50, mit gezielten Schüssen in seinem Dönerstand an der Scharrerstraße in Nürnberg getötet. Bauarbeiter sahen zwei Männer: Sie stellten ihre Fahrräder direkt vor Y.s Stand ab, gingen hinein, kamen rasch zurück und steckten eilig einen Gegenstand in den Rucksack. Das Duo wurde nie gefunden.
15. Juni 2005 - Theodorus B.
Am 15. Juni 2005 erschoss ein Unbekannter im Münchner Westend den Griechen Theodorus B., 41, der gerade einen Schlüsseldienst eröffnet hatte.
4. April 2006 - Mehmet K.
Mehmet K., 39, hörte am 4. April 2006 wohl noch die Türglocke seines Kiosks an der belebten Dortmunder Mallinckrodtstraße bimmeln, dann fielen die Schüsse.
6. April 2006 - Halit Y.
Bei der vorerst letzten Bluttat in Kassel am 6. April 2006 ging der Killer ein hohes Risiko ein: Er betrat das Internetcafé an der Holländischen Straße, obwohl sich dort mindestens drei Gäste aufhielten. Kurz nach 17 Uhr starb der 21-jährige Halit Y. durch zwei Schüsse aus der Ceska, beide in den Kopf.


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