Attentate der Zwickauer Terrorzelle Staatsanwaltschaft ließ Beweise vernichten

Wer verübte 2001 den Anschlag auf ein deutsch-iranisches Lebensmittelgeschäft in Köln? Jahrelang blieb die Arbeit der Fahnder erfolglos, dann ließ die Staatsanwaltschaft nach SPIEGEL-Informationen sämtliche Asservate vernichten. Jetzt fehlen sie zum Spurenabgleich mit den NSU-Terroristen.

Tatort Probsteigasse in Köln: Anschlag in der Altstadt
dapd

Tatort Probsteigasse in Köln: Anschlag in der Altstadt

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Köln - Der Kunde, der im Dezember 2000 wenige Tage vor Weihnachten den deutsch-iranischen Lebensmittelladen in der Kölner Probsteigasse betrat, wirkte freundlich und unauffällig. Er trug einen Korb mit einer Tüte Erdnussflips und einer Gebäck-Dose aus bordeauxrotem Blech bei sich - und legte weitere vermeintliche Weihnachtsgeschenke aus dem Laden dazu: eine Packung Kekse, eine Tüte Waffeln, eine Flasche Whisky. Als es ans Bezahlen ging, hielt der Mann jedoch abrupt inne: Er habe sein Geld vergessen und müsse kurz nach Hause, um es zu holen. In einer Viertelstunde sei er wieder da, ob er den Korb so lange im Geschäft lassen könne?

Der Mann kam nicht wieder. Nicht nach 15 Minuten und auch nicht in den nächsten drei Wochen, in denen der Korb unangetastet im Büro des Geschäfts stand. Als die Tochter des Ladeninhabers am 19. Januar 2001 gegen 7 Uhr morgens die unbezahlten Artikel ins Regal zurücklegen wollte und dabei die Blechbüchse öffnete, detonierte darin eine Bombe. Die damals 19-jährige Frau erlitt schwere Verbrennungen und Schnittverletzungen; die Wucht der Explosion war so stark, dass ihr Augenhöhlenboden zertrümmert wurde und die Ärzte sie in ein künstliches Koma versetzen mussten. Mehr als einen Monat lang wurde das Opfer künstlich beatmet.

Währenddessen rekonstruierten Spezialisten der Kriminalpolizei die Höllenmaschine: In der Stollen-Dose war eine Druckgasflasche aus Metall verborgen, die bis zu 1162 Gramm Schwarzpulver enthielt. Die Zündung erfolgte mithilfe von sechs handelsüblichen Batterien. Die Fahnder richteten eine Ermittlungskommission ("EK Probst") ein und stellten umfangreiche Recherchen an: ohne Erfolg.

Asservate vernichtet

Erst elf Jahre später führte die Spur des perfiden Bombenattentats zur Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) um die Neonazis Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe. Im Nachlass der Rechtsextremisten entdeckte das Bundeskriminalamt (BKA) inzwischen Propaganda-Videos, in denen sich der NSU zu dem Anschlag bekannte. Außerdem korrespondiert die Anmietung eines Wohnmobils auf den Namen eines mutmaßlichen NSU-Unterstützers zeitlich mit der Deponierung der Bombe.

Als die BKA-Ermittler im vorigen Dezember die alten Beweismittel aus Köln untersuchen wollten, bekamen sie eine ernüchternde Antwort: Sämtliche Asservate seien längst vernichtet, auf Anordnung der Kölner Staatsanwaltschaft. Laut dem SPIEGEL vorliegenden Dokumenten hatte die Anklagebehörde bereits am 23. Januar 2006 verfügt, die "diversen Tatortspuren (alle)" zu zerstören. Ein Spurenabgleich mit der DNA der mutmaßlichen NSU-Terroristen ist dadurch offenbar nicht mehr möglich.

Die Vernichtung der Asservate war aber offenbar nicht die einzige unglückliche Entscheidung der Ermittler. Auch nach der Detonation einer Bombe in Köln-Mülheim konzentrierten sich die nordrhein-westfälischen Fahnder lange Zeit auf falsche Spuren.

"Verdeckte Erkenntnisgewinnung"

Am 9. Juni 2004 flog in der belebten Keupstraße eine Nagelbombe in die Luft, 22 Menschen wurden verletzt. Der ferngezündete Sprengsatz war auf dem Gepäckträger eines Fahrrads deponiert, das die Täter vor einem türkischen Friseursalon abgestellt hatten.

Mindestens 800 Zimmermannsnägel hatten die Attentäter ihrem Selbstbau-Sprengsatz beigefügt, um möglichst viele Menschen zu treffen. Als ihre Bombe gegen 15.56 Uhr explodierte, schossen die Nägel wie tödliche Pfeile durch die Luft. Dass tatsächlich keines der zum Teil schwerverletzten Opfer ums Leben kam, war großes Glück.

Schnell - zu schnell, wie man heute weiß - wurden die Attentäter im Bereich der organisierten Ausländer-Kriminalität vermutet. Um eine präzise Beschreibung der Nagelbomber von Köln zu erhalten, versetzten die Ermittler eine Zeugin nach SPIEGEL-Informationen sogar in Hypnose. Anhand ihrer Angaben wurde ein Phantombild erstellt: Es zeigte einen Mann mit feinen, jugendlich anmutenden Gesichtszügen, der ernst vor sich hinstarrt. Sein Haar wird von einer Baseballkappe bedeckt.

Nach der Explosion sollen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos mit zwei Mountainbikes davongefahren sein. Das Phantombild hat eine gewisse Ähnlichkeit mit beiden Neonazis. Auf ihre Spur kamen die Fahnder des nordrhein-westfälischen Landeskriminalamtes (LKA) jedoch nicht.

Fünf V-Leute und verdeckte Ermittler im Einsatz

Wie aus einem Vermerk der Kölner Staatsanwaltschaft vom 24. Juni 2008 hervorgeht, suchten die Ermittler die Täter vorwiegend im Umfeld der Opfer - und schleusten sogar fünf türkische Vertrauenspersonen ("V-Leute") zur "verdeckten Erkenntnisgewinnung" und offenbar auch mehrere verdeckte Ermittler in die kurdische und türkische Szene des Kölner Viertels ein.

Nach einer operativen Fallanalyse des BKA konzentrierten sich die LKA-Fahnder auf zwei Einzeltäter mit einem persönlichen Motiv. Laut Zeugenaussagen hatte einer das Fahrrad mit der Bombe vor dem Friseurladen abgestellt, während der zweite mit den Mountainbikes auf ihn wartete, auf denen die Bombenleger später fliehen sollten.

Es habe sich der Verdacht aufgedrängt, so notierten es die Ermittler, dass die Betroffenen in der Keupstraße mehr wissen, als sie gegenüber der Polizei preisgeben wollten.

Die geheim operierenden Ermittler sollten Informationen über angeblich konkurrierende türkische und kurdische Clans sammeln. Zunächst lief die Operation über einen Zeitraum von sechs Monaten, dreimal wurde sie danach verlängert. Über einen Zeitraum von knapp zwei Jahren wurde im Umfeld der Opfer des Nagelbombenanschlages den Unterlagen zufolge durch die Polizei verdeckt ermittelt. Die Beamten ordneten sogar die einmonatige Observation des Bruders eines Opfers an.

Gerüchte über Verbindungen zur Ceska-Mordserie

Das Ergebnis der klandestinen Einsätze war jedoch gleich null. Die Kripo fand keine Belege für einen Hintergrund der Tat in türkisch-kurdischen Revierkämpfen. Auch eine ebenfalls erwogene Vendetta in der Türsteher-Szene oder ein Streit im Rotlicht-, Rauschgift- oder Schutzgelderpresser-Milieu ließ sich nicht erhärten.

Was die LKA-Fahnder zusammentrugen, hätte sie indes sehr wohl auf die richtige Spur führen können: Im Umfeld der Keupstraße kursierten laut Ermittlungsakten nämlich verschiedene Gerüchte und Spekulationen. Eine dieser "Verschwörungstheorien", so heißt es in dem Vermerk der Staatsanwaltschaft, sei ein Zusammenhang zwischen dem Kölner Bombenanschlag und den Serienmorden an türkischen Geschäftsleuten.

Also der sogenannten Ceska-Mordserie, die jedoch erst nach dem Tod der Neonazis Böhnhardt und Mundlos mit einem rechtsextremistischen Motiv in Verbindung gebracht wurde. Im Versteck der Nazi-Zelle in Zwickau entdeckten Fahnder die Tatwaffe der neun Morde.

Die bayerische Polizei prüfte sogar eine mögliche Verbindung der Ceska-Morde mit dem Sprengstoffanschlag in der Kölner Keupstraße: Die zwei Männer mit den Mountainbikes waren in Köln zufällig von einer Kamera in der Nähe des Tatorts aufgenommen worden. Die Ermittler zeigten einer Zeugin des dritten Nürnberger Ceska-Mordes die Aufnahmen. Die Frau erkannte Ähnlichkeiten zwischen den Radfahrern. Die Soko "Bosporus" fasste im Mai 2008 zusammen: Aufgrund der "Opferauswahl (Türken)" und "der Verwendung von Fahrrädern" könne "ein Zusammenhang nicht ausgeschlossen werden".

Auch eine Lokalzeitung wies die Kölner Polizei im Sommer 2006 auf ein frappierende Übereinstimmung der Phantombilder hin. Doch der Tipp lief ins Leere. "Die Antwort kam schon nach wenigen Minuten und war absolut", berichtete der "Stadtanzeiger". Die Kölner Polizei habe mitgeteilt, dass die Ähnlichkeit vollkommen zufällig sei und es da keinen Zusammenhang gebe.

"Wir haben keine Spuren vernachlässigt"

"Wir gingen von Streitigkeiten im Milieu aus", sagte der inzwischen pensionierte Oberstaatsanwalt Rainer Wolf vor einiger Zeit SPIEGEL ONLINE. "Und wenn es nicht die Entwicklungen in Zwickau gegeben hätte, würde ich diese Auffassung noch immer vertreten." Gleichwohl führte die Staatsanwaltschaft Köln - anders als bei dem wohl auch von dem NSU begangenen Sprengstoffanschlag auf das deutsch-iranische Geschäft im Januar 2001 - den Fall Keupstraße in der Staatsschutzabteilung.

Doch die Idee, dass möglicherweise durch die Republik vagabundierende Rechtsterroristen zugeschlagen haben könnten, verwarfen die Kölner Ermittler schnell wieder - wenn sie ihnen überhaupt jemals gekommen war: "Die Profiler haben uns gesagt, wir hätten es mit lokalen Tätern zu tun. Darauf haben wir uns konzentriert", so Wolf. "Wir haben damals keine Spuren vernachlässigt, sondern alles versucht. Hinterher weiß man immer mehr."

31 Jahre lang habe er Staatsschutzdelikte bearbeitet, sagte Wolf, und niemals sonst sei ihm in dieser Zeit eine terroristische Tat untergekommen, zu der sich keiner bekannt hätte. Das Problem nämlich, das sich aus dieser Verschwiegenheit der Mörder ergab, ist von grundsätzlicher Natur: Weil keine Organisation die Verantwortung für die Attentate übernahm, wurden die Ermittlungen nicht zentral geführt. Jede Behörde wurschtelte vor sich hin.

Ob zum Beispiel die ostdeutschen Ermittler jemals die Berichte über die Beschaffenheit des Keupstraßen-Sprengsatzes bekommen haben, konnte Wolf nicht sagen. "Es hat sich jedenfalls nie ein Kollege aus Thüringen bei uns gemeldet."

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