Möglicher NSU-Zeuge Tod am Tag der Vernehmung

Florian H. wollte mit Ermittlern über den NSU sprechen, starb aber am Tag der geplanten Aussage in einem brennenden Auto. Vieles spricht für einen Suizid, doch im Untersuchungsausschuss äußert die Familie große Zweifel.

Verbranntes Auto in Stuttgart (16. September 2013): Was wusste Florian H.?
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Verbranntes Auto in Stuttgart (16. September 2013): Was wusste Florian H.?


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Gerhard H. muss erst an der Pressetribüne und an den Zuschauerplätzen vorbei, dann setzt er sich an den braunen Holztisch, der vor dem Rednerpult aufgebaut ist. Der gedrungene Mann trägt Jeans und eine Strickjacke, um 10.17 Uhr am Morgen beginnt er seine Aussage im Stuttgarter Landtag.

Es ist kein einfacher Termin für den Krankenpfleger und vierfachen Familienvater. Er muss vor den Parlamentariern und Zuhörern erörtern, warum und unter welchen Umständen sein Sohn Florian, 21 Jahre alt, am Morgen des 16. September 2013 in einem Auto in der Nähe des Festgeländes am Cannstatter Wasen in Stuttgart verbrannte.

Die Polizei geht von Suizid aus, doch die Familie glaubt daran nicht. Ihre Version geht so: Der Sohn habe über seine Kontakte in die rechtsextreme Szene von Heilbronn Insiderkenntnisse über den Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter gehabt. Nach seinem Ausstieg aus der Szene sei er von Rechtsextremen unter Druck gesetzt und womöglich umgebracht worden.

Am Tag seines Todes war Florian H. mit Beamten des Stuttgarter Landeskriminalamts verabredet, um über seine möglichen Kenntnisse auszusagen. Wegen dieses Zusammenhangs sagt sein Vater nun vor dem NSU-Untersuchungsausschuss des Stuttgarter Landtags aus. Das Gremium hat drei Sitzungstage für den Fall angesetzt, neben der Familie H. sagen auch Freunde, Ermittler, Mediziner und ein Feuerwehrmann aus.

Vater H. ist sich sicher: "Suizidal war mein Sohn nicht." Er berichtet von Drohanrufen, die Florian bekommen habe, einer kurz vor seinem Tod habe ihn besonders aufgewühlt. Und als es einmal um den NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München ging, habe Florian gesagt: Der Prozess sei eine Farce, solange nicht bestimmte Personen aus der rechten Szene Baden-Württembergs mit auf der Anklagebank säßen.

Der Vater sagt vor dem Stuttgarter Landtag auch: "Für uns war der NSU ein Begriff, lange bevor er in der Presse war." Florian soll schon vor dem Auffliegen der Terrorzelle davon gesprochen haben. Falls das stimmt, wäre es ein Hinweis darauf, dass es womöglich viele Mitwisser in der rechten Szene gab.

Betäubungsmittel im Blut

Der bisherige Verlauf der Befragungen kann die Mord-Theorie jedoch nicht erhärten. Neben Florians Schwester sagen auch zwei Kollegen aus der Ausbildung zum Stahlbetonbauer aus, dazu Augenzeugen des Autobrandes, später dann in nicht öffentlicher Sitzung eine damalige Freundin von Florian H. Die akribischen Befragungen durch die Parlamentarier schälen das Bild eines labilen jungen Mannes heraus: Florian H. hatte Angstzustände, er suchte mehrfach einen Psychiater auf. Das toxikologische Gutachten nach seinem Tod erbrachte, dass er Psychopharmaka und Betäubungsmittel im Blut hatte, als er starb.

Als er 2013 wegen seiner rechtsradikalen Umtriebe vor Gericht stand, sagte er dort: "Ja, ich bin krank. Ich habe Paranoia." Laut einem Mitschüler von der Berufsschule hinterließ er in der Nacht vor seinem Tod eine Status-Meldung auf WhatsApp, die der Mitschüler nun als klaren Hinweis auf einen Suizid sieht.

H. hing offenbar häufig mit den rechtsradikalen Kumpels ab, trug Glatze und Springerstiefel. Gleichzeitig fühlte er sich verfolgt, hatte nach Aussagen von Vater und Schwester Schulden bei Kameraden. Er hortete Waffen, wechselte mehrfach die Sim-Karten in seinem Telefon. Er war in einem Aussteigerprogramm für Rechtsextreme mit dem Namen Big Rex, schimpfte aber über die dortigen Kontaktpersonen.

Dass er tatsächlich Konkretes über den NSU wusste, darf bezweifelt werden. Die Polizei hatte ihn vor seinem Tod schon einmal vernommen, am 17. Januar 2012, nachdem Bekannte berichtet hatten, H. habe früher gesagt, er kenne die Mörder Kiesewetters. Doch die Beamten bekamen dort nur eine Geschichte über eine regionale Gruppierung zu hören, die Neoschutzstaffel, die genauso radikal sei wie der NSU. Die Aussage führte ins Leere.

Unstimmigkeiten in den Ermittlungen

Immerhin gelang es den Parlamentariern, Unstimmigkeiten und Unzulänglichkeiten der bisherigen Ermittlungen aufzuzeigen: Die Ermittler gaben den ausgebrannten Peugeot ungewöhnlich schnell zur Verschrottung bei. Womöglich übersahen sie, so behauptet es jedenfalls die Familie, sogar ein Handy und einen Laptop im ausgebrannten Auto.

Der Umgang der Polizei mit der Familie sei nicht akzeptabel gewesen, hält der Ausschussvorsitzende Wolfgang Drexler (SPD) als Ergebnis des Tages fest. Der CDU-Obmann Matthias Pröfrock sagt, offenbar seien die Ermittlungsbehörden mit wenig Aufwand zu ihrem Ergebnis gekommen. Aber: "Der große Fingerzeig war heute nicht dabei."

Zusammengefasst: Im September 2013 starb der frühere Rechtsextremist Florian H. in einem brennenden Auto in Stuttgart - kurz bevor er mit der Polizei über den NSU sprechen wollte. Die Ermittler gehen von Suizid aus. Familie H. glaubt jedoch nicht daran. Florian habe über die Terrorzelle Bescheid gewusst und sei bedroht worden, sagt sein Vater vor dem Untersuchungsausschuss des Stuttgarter Landtags.

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