NSU-Kronzeuge Carsten S.: Die unterschlagene Akte der Operation "Delhi"

Von und Maik Baumgärtner

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Angeklagter Carsten S.: Er bemerkte, dass er observiert wurde

Carsten S. ist im Münchner NSU-Prozess der Kronzeuge der Bundesanwaltschaft. Ausgerechnet ihn wollte der Thüringer Verfassungsschutz 2001 als V-Mann anwerben, wie Akten aus der Behörde jetzt zeigen. Nebenkläger äußern sich bestürzt.

Carsten S. wurde 1980 in Neu-Delhi geboren. Das hat ihn geprägt. Seine Neonazi-Kumpels in Jena, wo er aufwuchs, nannten ihn deshalb "Inder". Bei einer Polizeikontrolle zog ein Beamter die Augenbrauen hoch, musterte Carsten S. und sagte spöttisch: "Ah, Herr S. aus Neu-Delhi."

13 Jahre liegt dieser Moment zurück, doch Carsten S. kann ihn noch immer sofort abrufen. "Da fühlte ich mich bloßgestellt", sagte er im Prozess gegen sich und weitere mutmaßliche Unterstützer des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) vor dem Oberlandesgericht München (OLG). Schließlich habe ihn sein Gesinnungsgenosse, der in Thüringen bekannte Neonazi André K., vor dem Polizisten verteidigt und gerufen: "Rudolf Heß wurde ja auch in Alexandria geboren."

Der Geburtsort von Carsten S. war auch der Deckname für den Forschungs- und Werbungsvorgang, den das Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz 2001 plante: Nach Informationen des MDR Thüringen belegen Dokumente, dass die Verfassungschützer damals versucht haben, Carsten S. als V-Mann anzuwerben. Die NSU-Untersuchungsausschüsse erfuhren jedoch erst vor wenigen Wochen von der Existenz der Unterlagen.

Carsten S. ist der Kronzeuge der Bundesanwaltschaft im Münchner NSU-Verfahren. Er soll die Waffe für Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos besorgt haben, mit der neun Menschen getötet wurden. Den Auftrag dafür soll er vom Mitangeklagten Ralf Wohlleben erhalten haben. Carsten S. hat vor Gericht ausführlich zu den Vorwürfen ausgesagt und Fragen beantwortet.

Bei den bislang verheimlichten Akten über den Fall "Delhi" handelt es sich um die sogenannten Anwerbungsbögen, in denen alle Hinweise vermerkt werden. Aus den Papieren ist nicht ersichtlich, ob die Anwerbung erfolgreich war. Ein Nebenklagevertreter hatte Carsten S. vor dem OLG München gefragt, ob er vom Verfassungsschutz angeworben worden sei. Dieser hatte verneint.

Der Verteidiger von Carsten S., der Düsseldorfer Rechtsanwalt Johannes Pausch, sagte nun: "Mein Mandant hatte nie Kontakt zum thüringischen Verfassungsschutz. Wir können uns nicht erklären, wie Unterlagen, die einen solchen Schluss zulassen, entstanden sind."

Carsten S. sagte sich 2001 aus der Szene los

Die tagelange Observation durch Verfassungsschützer - solch eine Überwachung ist Standard, bevor ein V-Mann angesprochen wird - hatte Carsten S. jedoch bemerkt. Er habe damals drei Autos bemerkt, die ihn abwechselnd verfolgten, gab er in einer Vernehmung durch den Haftrichter im Februar 2012 zu Protokoll. Weil er wissen wollte, wer dahinter steckte, kontaktierte er Wohlleben und suchte später die Polizei auf.

Carsten S. behauptet, er habe sich Anfang 2001 losgesagt von der rechtsextremen Szene. Es wäre also der ideale Zeitpunkt gewesen, ihn als V-Mann anzuwerben. Denn bereits sein Kamerad und Freund Martin G.* soll - so sagte es S. am 18. Juni im NSU-Prozess aus - mit Hilfe des Verfassungsschutzes ausgestiegen sein. Die Behörde soll auch den Umzug von G.* aus Jena nach Berlin finanziert haben. Womöglich als Gegenleistung fragte dieser Carsten S. nach dem untergetauchten Trio.

Wie SPIEGEL ONLINE aus Sicherheitskreisen erfuhr, soll damals ein weiterer Freund aus der Jenaer Neonazi-Szene von Carsten S. und Martin G.* in Kontakt mit dem Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) gestanden haben. Frank B.* soll sich beim Aussteigerprogramm des BfV gemeldet haben und in seiner Ausstiegsphase noch für das Amt Informationen aus der Szene beschafft haben.

Dass erst jetzt bekannt wird, dass Carsten S. als V-Mann angeworben werden sollte, empört die Nebenklagevertreter im NSU-Prozess. "Von diesem Anwerbeversuch hat Carsten S. bisher nichts berichtet, trotz vieler Fragen der Nebenklagevertreter in diese Richtung", sagt Rechtsanwältin Antonia von der Behrens, die ein Familienmitglied des ermordeten Mehmet Kubak vertritt.

Hunderte Anwerbungsvorgänge in der rechten Szene

"Es ist unverständlich und inakzeptabel, dass diese Informationen erst jetzt vorgelegt wurden", wundern sich auch Stephan Lucas und Jens Rabe, die die Familie von Enver Simsek vertreten, dem wohl ersten Mordopfer des NSU. Über mehrere Tage sei Carsten S. vor Gericht vernommen worden. "Die jetzt bekannt gewordenen Umstände wären Grundlage für weitere Fragen gewesen, die wir so jetzt nicht mehr stellen können. Uns bleibt nur nachzubessern. Die Aufklärung bleibt einmal mehr auf der Strecke."

Beate Zschäpes Verteidiger zeigen sich hingegen nicht erstaunt über die aufgetauchten Dokumente. "Das Bekanntwerden dieses Vorgangs an sich kann angesichts der Vertuschungsvorgänge in den Verfassungsschutzämtern, wie sie schon im Verlauf der vergangenen 18 Monate bekannt wurden, nicht mehr überraschen", sagt Rechtsanwältin Anja Sturm.

Aus Kreisen des Thüringer Innenministeriums wurde MDR Thüringen zudem bestätigt, dass in den vergangenen Wochen weitere streng vertrauliche Dokumente im Zusammenhang mit dem Trio aufgetaucht sind. Ein hochrangiger Ministeriumsbeamter sagte dem Sender, dass Dutzende bisher unbekannte Dokumente und Namenslisten gefunden worden seien. Daraus geht hervor, dass die Verfassungsschützer damals versucht hatten, neben Carsten S. auch andere Neonazis aus dem Trio-Umfeld anzuwerben.

Hintergrund war offenbar die Enttarnung des Neonazi-V-Manns Tino Brandt im Frühjahr 2001. Man habe dringend Ersatz für ihn benötigt, bestätigte ein früherer Verfassungsschützer. So habe es bis mindestens 2007 Hunderte Anwerbungsvorgänge in der rechten Szene gegeben.

Das Thüringer Innenministerium teilte laut MDR hingegen mit, dass alle Anwerbungsvorgänge den Ausschüssen in Bundestag und Landtag seit Herbst vergangenen Jahres vorliegen.

*Die Namen sind der Redaktion bekannt

Mitarbeit: Jörg Diehl

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