Videoaufnahmen des NSU Innenansichten einer Terrorzelle

Beate Zschäpe hängt Wäsche auf, Uwe Mundlos holt Pizza: Bisher unbekannte Aufnahmen vom NSU zeigen die Banalität des Lebens im Untergrund. Sie geben auch Aufschluss darüber, wie vertraut die mutmaßlichen Terroristen mit ihren Besuchern waren.

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SPIEGEL ONLINE

Beate Zschäpe trägt einen geringelten Pullover, einen Rucksack auf dem Rücken, in der linken Hand hält sie eine Tüte. Etwas umständlich stapft sie die Treppe hinauf, streift die Schuhe ab, schließt die Wohnungstür auf. Sie geht hinein, die Kamera späht nun wieder in den leeren Flur: Routine einer mutmaßlichen Rechtsterroristin.

Die Bilder, gefilmt mit der eigens installierten Überwachungstechnik des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) und gespeichert auf einer externen Festplatte, waren der Öffentlichkeit bislang verborgen geblieben. Erst das ARD-Magazin "Fakt" strahlte am Dienstagabend einige Aufnahmen des insgesamt 20-stündigen Materials aus. Dabei wurde deutlich, wie gewöhnlich das alltägliche Leben der Extremisten war, die zehn Menschen ermordet haben sollen.

Zu sehen ist etwa, wie Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos Kisten in den Keller räumen, wie sie Pizza holen, Toilettenpapier anschleppen, wie Beate Zschäpe im Hof Wäsche aufhängt. Doch erkennbar wird in den Bildern eben auch, wer die mutmaßlichen Rechtsterroristen besucht hat und wie vertraut sie mit ihren jeweiligen Gästen umgegangen sind.

"Freundlich, zuvorkommend, eine absolut positive Erscheinung"

Im Dezember 2010 zum Beispiel, es war etwa eine Woche vor Weihnachten, schaut Matthias D. vorbei. Der damals 35-Jährige hat die beiden Wohnungen in der Zwickauer Frühlingsstraße angemietet und wiederum dem Trio untervermietet, sein Name steht an der Tür. Dennoch schellt er und wird daraufhin eingelassen. Oben tritt Beate Zschäpe von einem Fuß auf den anderen, es scheint, als sei sie ungeduldig oder nervös. Matthias D. umarmt sie schließlich sehr herzlich, sichtbar wird eine große Vertrautheit mit Zschäpe. Auch Böhnhardt und Mundlos gehen mit ihm ausgesprochen freundschaftlich um.

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In seiner ersten Vernehmung nach dem Auffliegen des NSU bestreitet D. daher auch nicht, das Trio gekannt und ihm geholfen zu haben. Er will bloß nichts von ihrem kriminellen Treiben gewusst haben. In seiner Befragung am 6. November 2011 im Kriminalkommissariat 21 der Polizei Zwickau gibt sich Matthias D. ahnungslos: Böhnhardt, der sich "Max" genannt habe, habe unter falschem Namen in Zwickau eine Wohnung gesucht. Weil er Schulden gehabt und einen Schufa-Eintrag gehabt habe, habe er aber Mietverträge nicht selbst abschließen können. Er, Matthias D., wiederum, suchte seinerseits ein Zimmer in Zwickau, das er nur als Schlafgelegenheit habe nutzen wollen. So sei man sich handelseinig geworden.

Überhaupt seien die drei angenehme Leute gewesen, allen voran Beate Zschäpe, die sich "Liese" nannte und "freundlich, zuvorkommend, eine absolut positive Erscheinung" gewesen sei, so Matthias D. bei der Polizei. Von extremen politischen Ansichten will der Lastwagenfahrer aus dem sächsischen Johanngeorgenstadt, der nach Erkenntnissen des Staatsschutzes der "Weißen Bruderschaft Erzgebirge" angehörte, nichts bemerkt haben: alles ganz normal. Gegen D. wird wegen einer mutmaßlichen Unterstützung des NSU weiterhin ermittelt.

Vier Zimmer, Küche, Bad

In der Zwickauer Frühlingsstraße 26 hatte das Trio gleich beide Wohnungen im ersten Stock bezogen und zu einem sicheren Unterschlupf ausgebaut: Vier Kameras zeichneten das Geschehen im Flur, Hof und auf der Straße auf, die Eingangstür war verstärkt worden, die Decken wurden zusätzlich abgehängt. Vier Zimmer, Küche, Bad, 124 Quadratmeter für 740 Euro warm, das war der Rückzugsort der Rechtsterroristenzelle: Hier trafen sich harmlose Biederkeit und tödliche Verblendung.

In der Bleibe stießen Spurensicherer der Polizei später auf ein Arsenal von zehn Pistolen und Revolvern, einem Gewehr und einer Maschinenpistole des Typs MPi-Ceska 26. Unter den Pistolen war auch die seit Jahren gesuchte Ceska 83, die Tatwaffe der sogenannten Ceska-Mordserie. Dazu kamen 1424 scharfe Patronen unterschiedlicher Kaliber, abzufeuern von der Pumpgun bis zur Maschinenpistole.

Zugleich entdeckten die Beamten Fundstücke aus dem scheinbar anderen, kleinbürgerlichen Leben, das die Zelle in ihrem Zwickauer Zuhause führte: Für Ausflüge in die Umgebung standen im Keller vier Mountainbikes, Fahrradhelme (in den Größen 55 bis 63 und 58 bis 68) und eine Tasche mit einer schwarzen Sattelschutzhülle bereit - falls es mal regnet.

Auf ganz gewöhnliche Wünsche und Ängste deuten auch einige Asservate aus der ersten Etage hin. Mehrere Sparbücher fanden die Ermittler im Schutt. Eines von der Sparkasse Zwickau trug die Aufschrift "Zuwachssparen", hatte aber noch keine Einträge. Auch Rabattmarken aller möglichen Anbieter fand die Polizei. Waren die mutmaßlichen Serienmörder auf schnöde Schnäppchen aus? Beate Zschäpe jedenfalls dachte in Alltagsdingen wohl ganz praktisch. Auf einen ihrer Tarnnamen ("Lisa Dienelt") schloss sie sogar einen Brillenschutzbrief "aktivoptik" ab.

Sicher ist sicher.

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