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22. Dezember 2014, 09:18 Uhr

Datenauswertung

Die ungelösten Rätsel des NSU

Von und

Laut Anklageschrift lebte das NSU-Trio ab 2008 in der Zwickauer Frühlingsstraße. Doch eine Datenanalyse legt nahe: Offenbar waren Beate Zschäpe und ihre Katzen meist allein zu Haus. Wo versteckten sich Böhnhardt und Mundlos?

Als im November 2011 ein Wohnhaus in Zwickau in Flammen aufgeht, beginnt Deutschland langsam zu verstehen. Hinter einer beispiellosen Serie aus Morden und Raubüberfällen steckt eine rechtsextreme Zelle. Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos werden noch am selben Tag nach ihrem letzten Überfall tot aufgefunden, Beate Zschäpe stellt sich wenige Tage darauf der Polizei.

Nach dem Brand in der Frühlingsstraße stellen die Ermittler Tausende Gegenstände sicher, Ringelsocken und ein Backbuch, aber auch Waffen und braune Rockmusik. Zu den Beweisstücken aus der Wohnung des Trios gehören Listen, in die handschriftlich die Stände der Wasserzähler eingetragen sind. Unscheinbare Formulare, auf den ersten Blick ohne tiefere Bedeutung.

Doch eine detaillierte Auswertung dieser Asservate durch die SPIEGEL-Dokumentation zeigt: In der Frühlingsstraße können nicht drei Personen permanent gewohnt haben. Der Wasserverbrauch liefert dafür das stärkste, aber nicht das einzige Indiz.

Nur 202,6 Kubikmeter Wasser wurden in knapp drei Jahren in der Wohnung verbraucht, die Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt bewohnt haben sollen. Diese Summe für den Zeitraum vom Frühjahr 2008 bis Jahresende 2010 ist erstaunlich gering - auch für sparsame Mieter.

Wie aber nutzte das NSU-Trio sein Versteck in der Frühlingsstraße? Nahezu sicher nicht als einziges Domizil. Geht man vom Wasserverbrauch aus und unterstellt, dass Beate Zschäpe ab dem 1. März 2008 dauerhaft in der Wohnung lebte, worauf diverse Indizien hindeuten, müssen Böhnhardt und Mundlos viele Monate abwesend gewesen sein. Die folgende Grafik zeigt ihre Anwesenheit - berechnet nach dem Wasserverbrauch in einer früheren Wohnung und alternativ bei sehr sparsamer Nutzung.

Selbst wenn nur einer der beiden Männer bei Zschäpe gewohnt hätte und beide nur 100 Liter pro Kopf und Tag verbraucht hätten, so ginge die Rechnung nicht auf: 2009 wurde in der Wohnung so wenig Wasser verbraucht, dass der Mann zwei Monate abwesend gewesen sein muss. Und 2010 sogar fünf Monate.



Wie man es dreht und wendet: Lange Zeiten der Abwesenheit bleiben in jedem Szenario. Zur Kontrolle haben wir die Verbrauchswerte aller vier Zähler einzeln erfasst. Die Analyse zeigt:

Die Datengrundlage hat zwei Lücken: Angaben für 2004 bis zum Umzug im März 2008 fehlen. Ebenso die Daten für das letzte NSU-Jahr 2011. Vor allem diese wären aber aufschlussreich. Sie könnten bestätigen oder widerlegen, was die Daten zu den Mietwagen des NSU vermuten lassen: Ging das alte aktive Verbrecherleben der Männer schon fünf Monate vor den zwei letzten Raubüberfällen wieder los? Sind die Uwes dafür wieder zu Beate Zschäpe zurückgezogen?

Tatabstände

Über die gesamte Lebensdauer des NSU wechselten Phasen mit mehreren Taten innerhalb von Wochen oder Tagen mit längeren Pausen. Etwa 2001: zwei Morde im Juni. 2005: zwei Morde im Juni. Und 2006: zwei Morde im April.

Einmalig ist allerdings die vierjährige Pause gegen Ende, nach dem Polizistenmord von Heilbronn im April 2007. Nach dem vorletzten Mord in Kassel 2006 wurde die Belohnung für brauchbare Hinweise auf die Täter von 33.000 auf rekordverdächtige 300.000 Euro erhöht.

In die Zeitspanne ohne bekannte Taten fällt der Umzug in die Frühlingsstraße. Es war der erste Wohnungswechsel seit sieben Jahren. Die alte Wohnung in der Polenzstraße in Zwickau hatte offenbar die Bedürfnisse des NSU erfüllt.

Warum nun der Umzug und der extrem aufwendige Ausbau der neuen Wohnung?

Hinweise auf die Beweggründe finden sich in einer Zeugenvernehmung: Demnach besichtigte das Trio die neue Wohnung im Oktober 2007 - bis zum Einzug vergingen noch mal einige Monate, weil das Haus saniert werden musste. Zwischen dem Mord an Polizeimeisterin Michèle Kiesewetter und dem Besichtigungstermin liegen nur wenige Monate. Für die Suche nach einer besonders großen und sicheren Wohnung erscheint das als plausibler Zeitraum.

Aus Sicht des NSU war der Polizistenmord katastrophal verlaufen. Das könnte ein wichtiger Grund für die lange Tatpause gewesen sein. Zumindest legen das Tatenhistorie und Timing des Umzugs nahe.

Kassenstand

Während beim Zeitablauf der bekannten Morde und Bombenanschläge des NSU kein Muster ins Auge springt, ist das bei den 15 Raubüberfällen anders. Offenbar zogen die Männer los, wenn das Geld knapp wurde.

In der folgenden Grafik wurde unterstellt, dass der NSU anfangs mit 1900 Euro monatlich auskam. Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos wohnten beengt und sparten Geld, wo es nur ging. Geht man davon aus, dass der Bedarf jedes Jahr um sieben Prozent stieg, so ergibt sich das charakteristische Sägezahnmuster der Grafik. Dieses Muster erkannte schließlich ein Polizist und brachte den NSU unter anderem aufgrund dieser Erkenntnis zur Strecke.

Auch diese Betrachtung kann als Indiz dafür gewertet werden, dass die NSU-Männer sich nur sporadisch in der Frühlingsstraße aufhielten. Vor den letzten beiden Raubüberfällen waren noch etwa 25.000 Euro in der Haushaltskasse, wie sich aus der Beute von 2011 und dem gefundenen Geld rückrechnen lässt.

Wäre der Ausgabenzuwachs bis zum Ende halbwegs gleichmäßig weiterverlaufen, dann hätten im Sommer 2011 noch rund 150.000 Euro vorhanden sein müssen. Warum also nach der vierjährigen Pause wieder einen riskanten Raub begehen? Vielleicht deshalb, weil mittlerweile zwei Haushalte zu finanzieren waren. Welche Auswirkungen das auf den Kassenstand gehabt hätte, ist im Diagramm in rot dargestellt.

Seit 2013 wird immer wieder behauptet, in der ausgebrannten Wohnung seien 190.315 Euro Bargeld gefunden worden. Das würde die These von der kurzfristigen Geldbeschaffung nach Kassenlage natürlich widerlegen. Verfolgt man allerdings die Behauptung von dem angeblichen Fund zurück zum Ursprung, so stößt man auf den Bericht des NSU-Untersuchungsausschusses im Bundestag. Auf Seite 919 wird als Quelle die Asservatenliste der Wohnung genannt. Dort wiederum finden sich tatsächlich Banknoten, jedoch nur im Wert von 1315 Euro. Außerdem wurden Banderolen zu Banknoten im Wert von 189.000 Euro gefunden, nicht aber das zugehörige Geld.

Mietwagen

Wann hat der NSU welche Fahrzeuge gemietet? Um das zu klären, hat die Polizei die Fahrzeugvermietungen in Zwickau und Umgebung durchforstet. Wegen der abgelaufenen Aufbewahrungsfrist sind Unterlagen aus der Frühzeit des NSU oft nicht mehr vorhanden. Aber auch die Daten ab 2004 sind aufschlussreich.

Wie schon bei den Taten und dem Kassenstand fällt hier eine drastische Veränderung nach dem Polizistenmord ins Auge, also während der Zeit in der Frühlingsstraße: Die Zahl der Mietungen bricht ein. Erst ab April 2011 steigt die Zahl wieder, denn der NSU mietete bis zum Tod der Männer am 4. November jeden Monat ein Fahrzeug. Es wirkt wie eine Rückkehr in das alte Berufsverbrecherleben.

Das Bild vom ausgebrannten Wohnwagen in Eisenach ging lange durch die Medien, zeigt aber eine Ausnahme: Das NSU-Trio verwendete Wohnmobile fast nur für Morde und einige Raube. In den Urlaub ging es normalerweise im Kleinbus. Die mit Abstand häufigsten Mietfahrzeuge waren Pkw.

Weitere Autoanmietungen in größerer Entfernung zu Zwickau sind nicht ausgeschlossen, aber unwahrscheinlich. Denn dort hätte der NSU - ohne Auto - ja erst hinfahren müssen. Umgekehrt gilt: Hätten Böhnhardt und Mundlos weit entfernt von Zwickau die vermutete zweite Wohnung gehabt, so hätten sie in dieser Zeit wohl kaum in Zwickau das Urlaubsgefährt gemietet, sondern an ihrem Wohnort, um von dort Zschäpe abzuholen und dann an die Ostsee zu fahren.

Bei vielen Pkw-Mietungen ist der Zweck unklar. Vieles spricht aber dafür, dass es sich um Ausspähfahrten handelte. Dazu kamen wahrscheinlich Besuche bei anderen Rechtsextremen und die sogenannten "Systemchecks", bei denen der NSU per Hausbesuch prüfte, ob seine Legendengeber noch als solche taugten.

Stromverbrauch

Auch über den Stromverbrauch des Trios liegen den Ermittlern Daten vor. Dessen Höhe übersteigt den eines durchschnittlichen Haushalts von drei Personen deutlich. Das spricht auf den ersten Blick gegen die Annahme, Zschäpe habe meist allein gewohnt.

Allerdings ist der Stromverbrauch weniger aussagekräftig als der Wasserverbrauch, weil auch eine einzelne Person etwa durch den regelmäßigen Gebrauch eines Heizlüfters die Zahlen leicht in die Höhe schnellen lassen kann. Den Wasserverbrauch nach unten zu manipulieren, ist dagegen deutlich schwieriger.

Wird ein Zwei-Kilowatt-Lüfter in der kalten Jahreshälfte sechs Stunden täglich verwendet, dann hebt allein das den Jahresverbrauch auf das Niveau eines Drei-Personen-Haushalts. Ein solches Gerät wurde im Brandschutt der Frühlingsstraße gefunden. Es war mit dem Stromnetz verbunden.

Nach Zeugenaussagen haben sich Nachbarn zudem gegenseitig mit Heizlüftern ausgeholfen.

Und schließlich fällt beim Stromverbrauch auf, dass er über die drei betrachteten Jahre wie der Wasserverbrauch fällt. Also ein weiteres, wenn auch schwächeres Indiz dafür, dass die Bewohnerzahl abnahm.

Fazit

Die nahezu sichere lange Abwesenheit Böhnhardts und Mundlos' von der bekannten Wohnung bedeutet: Sie benötigten mindestens eine weitere sichere konspirative Wohnung. Dass sie dieses Domizil von Rechtsextremen erhielten, liegt nahe - von wem?

Für die Suche nach möglichen Unterstützern ist die Zeit in der Frühlingsstraße besonders relevant. Denn sie liegt noch nicht sehr lange zurück. Unterstützer und Mittäter können also eher belangt werden als solche, die vor mehr als zehn Jahren für das untergetauchte Trio aktiv waren.

Ob es weitere Täter gibt, zählt nach wie vor zu den besonders relevanten, offenen Fragen - trotz allen Aufwands in Untersuchungsausschüssen, Ermittlungen der Polizei und des NSU-Prozesses in München.

Die Wohnung in der Frühlingsstraße wurde zur Festung ausgebaut. Sie war groß genug für drei. Es muss einen wichtigen Grund gegeben haben, warum die Männer sie trotzdem schon bald verließen. Welchen?

Ein weiteres Rätsel: Mehrere Indizien deuten darauf hin, dass sich Böhnhardt und Mundlos in der Nähe Zschäpes verbargen. Böhnhardt etwa mietete weiter Fahrzeuge in Zwickau und Umgebung, wenn auch weniger häufig. Praktisch und daher wahrscheinlich ist ein Unterschlupf in Fahrradentfernung, maximal 50 Kilometer entfernt. Das Zielgebiet ist also klein.

Warum ist das Versteck dennoch nach drei Jahren noch immer nicht gefunden?


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