Datenlese

Datenauswertung Die ungelösten Rätsel des NSU

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Laut Anklageschrift lebte das NSU-Trio ab 2008 in der Zwickauer Frühlingsstraße. Doch eine Datenanalyse legt nahe: Offenbar waren Beate Zschäpe und ihre Katzen meist allein zu Haus. Wo versteckten sich Böhnhardt und Mundlos?

Tatort Frühlingsstraße: Die ausgebrannte Wohnung des NSU-Trios in Zwickau
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Tatort Frühlingsstraße: Die ausgebrannte Wohnung des NSU-Trios in Zwickau

Als im November 2011 ein Wohnhaus in Zwickau in Flammen aufgeht, beginnt Deutschland langsam zu verstehen. Hinter einer beispiellosen Serie aus Morden und Raubüberfällen steckt eine rechtsextreme Zelle. Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos werden noch am selben Tag nach ihrem letzten Überfall tot aufgefunden, Beate Zschäpe stellt sich wenige Tage darauf der Polizei.

Nach dem Brand in der Frühlingsstraße stellen die Ermittler Tausende Gegenstände sicher, Ringelsocken und ein Backbuch, aber auch Waffen und braune Rockmusik. Zu den Beweisstücken aus der Wohnung des Trios gehören Listen, in die handschriftlich die Stände der Wasserzähler eingetragen sind. Unscheinbare Formulare, auf den ersten Blick ohne tiefere Bedeutung.

Doch eine detaillierte Auswertung dieser Asservate durch die SPIEGEL-Dokumentation zeigt: In der Frühlingsstraße können nicht drei Personen permanent gewohnt haben. Der Wasserverbrauch liefert dafür das stärkste, aber nicht das einzige Indiz.

Nur 202,6 Kubikmeter Wasser wurden in knapp drei Jahren in der Wohnung verbraucht, die Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt bewohnt haben sollen. Diese Summe für den Zeitraum vom Frühjahr 2008 bis Jahresende 2010 ist erstaunlich gering - auch für sparsame Mieter.

Wie aber nutzte das NSU-Trio sein Versteck in der Frühlingsstraße? Nahezu sicher nicht als einziges Domizil. Geht man vom Wasserverbrauch aus und unterstellt, dass Beate Zschäpe ab dem 1. März 2008 dauerhaft in der Wohnung lebte, worauf diverse Indizien hindeuten, müssen Böhnhardt und Mundlos viele Monate abwesend gewesen sein. Die folgende Grafik zeigt ihre Anwesenheit - berechnet nach dem Wasserverbrauch in einer früheren Wohnung und alternativ bei sehr sparsamer Nutzung.

Selbst wenn nur einer der beiden Männer bei Zschäpe gewohnt hätte und beide nur 100 Liter pro Kopf und Tag verbraucht hätten, so ginge die Rechnung nicht auf: 2009 wurde in der Wohnung so wenig Wasser verbraucht, dass der Mann zwei Monate abwesend gewesen sein muss. Und 2010 sogar fünf Monate.


DER SPIEGEL


Wie man es dreht und wendet: Lange Zeiten der Abwesenheit bleiben in jedem Szenario. Zur Kontrolle haben wir die Verbrauchswerte aller vier Zähler einzeln erfasst. Die Analyse zeigt:

  • Der Warmwasseranteil ist überdurchschnittlich hoch. Eine mögliche Erklärung: Laut Beschwerde des NSU beim Verwalter liefen immer erst mehr als 13 Litern Wasser aus der Leitung, bis es warm wurde. Dieser Zustand dauerte bis Anfang 2011.
  • Bis Ende 2010 wurde an allen vier Zählern Wasser entnommen, also wurden wahrscheinlich immer beide Hälften der aus zwei Einheiten zusammengelegten Wohnung genutzt.
  • Insgesamt ist nichts erkennbar, was an einer korrekten Erfassung des Verbrauchs zweifeln ließe.

Die Datengrundlage hat zwei Lücken: Angaben für 2004 bis zum Umzug im März 2008 fehlen. Ebenso die Daten für das letzte NSU-Jahr 2011. Vor allem diese wären aber aufschlussreich. Sie könnten bestätigen oder widerlegen, was die Daten zu den Mietwagen des NSU vermuten lassen: Ging das alte aktive Verbrecherleben der Männer schon fünf Monate vor den zwei letzten Raubüberfällen wieder los? Sind die Uwes dafür wieder zu Beate Zschäpe zurückgezogen?

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