O. J. Simpson Amerikas mutmaßlichster Doppelmörder

O. J. Simpson ist zurück. Zwölf Jahre nach dem Mord an seiner Frau will der ehemalige Footballstar nun die Tat schildern - wie sie gewesen wäre, falls er sie begangen hätte. Amerikas erster live im Fernsehen übertragener Prozess findet eine gruselige Fortsetzung.

Von Dominik Baur


Hamburg - "Alles, was Amerikas Güte, Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe ausmacht, wird in O. J. Simpson personifiziert." Die Worte des früheren US-Präsidenten George Bush hätten überschwänglicher nicht sein können - und sie sprachen wohl einem Volk aus der Seele. Der Footballspieler Orenthal James Simpson war in den USA längst zum Nationalhelden mutiert.

Vielen schwarzen Amerikanern galt er als die bestmögliche Verkörperung des American Dream: Geboren wurde er 1947 in Potrero Hill, einem Arbeiterbezirk von San Francisco. Sein Vater verließ die Familie, als O. J. fünf Jahre alt war, seine Mutter zog ihn und seine drei Geschwister alleine auf. Wäre nicht der Sport gewesen, so bekannte Simpson später einmal, wäre er wohl auch den Drogen verfallen - so wie viele der Kids, mit denen er damals umherzog.

Aber Simpson hatte den Football. Als Running Back wurde er bester College-Spieler des Jahres 1968, in den frühen Siebzigern feierte er dann Triumphe mit den Buffalo Bills und erhielt die Auszeichnung "Player of the Year". Neben dem Football verdingte er sich als Schauspieler und Werbe-Ikone, etwa für den Autovermieter Hertz. "The Juice" nannten sie ihn wegen seiner Initialen ("Orange Juice"), und "The Juice" war ein Held - bis zu jener Nacht. Bis zur Nacht vom 12. Juni 1994, als Nicole Brown und Ronald Goldman sterben mussten.

Die Ex-Frau des Footballspielers und ihr Freund wurden vor ihrer Wohnung brutal ermordet, während drinnen die beiden kleinen Kinder der Simpsons schliefen. Man fand die Leichen in riesigen Blutpfützen; Nicole Brown war mit einem Messer so traktiert worden, dass ihr Kopf fast vom Hals abgetrennt wurde. Noch heute sind verschiedenen Umfragen zufolge rund 80 Prozent der Amerikaner überzeugt, dass Simpson die Tat begangen hat - ebenso wie die Jury, die ihn 1997 in einem Zivilprozess für schuldig befand.

Aber darf man O. J. Simpson als Mörder bezeichnen? Für gewöhnlich ist diese Bezeichnung rechtskräftig Verurteilten vorbehalten. Das amerikanische Rechtswesen macht es allerdings möglich, dass Simpson in dem Zivilprozess zwar verurteilt wurde, und den Eltern Goldmans seither mehrere Millionen Dollar Schadensersatz schuldet, zuvor aber schon im Strafprozess von dem Mordvorwurf freigesprochen wurde und wegen desselben Verbrechens nicht mehr angeklagt werden darf.

Um eins schaltete der Präsident den Fernseher ein

Der Fall Simpson schockierte Amerika - und faszinierte es. Nur wenige Tage nach dem Mord schaltete sich das Fernsehen live zu. Als sich O. J. Simpson am 17. Juni auf einem Highway eine Verfolgungsjagd mit der Polizei lieferte. Hubschrauber kreisten über der Szene, die Bilder flimmerten in fast jedem US-Haushalt. Der Fall schien eindeutig zu sein. Gegen Simpson sprach nicht nur der erfolglose Fluchtversuch, er hatte auch ein klares Motiv: Simpson liebte sein Ex-Frau, eine ehemalige Kellnerin und Miss California, die er 1985 heiratete, abgöttisch. Er war für seine Eifersucht bekannt, Nicole soll er schon während der Ehe mehrfach geschlagen und ihr sogar mit Mord gedroht haben. Dazu kamen Indizien wie Blutspuren mit Simpsons Blutgruppe am Tatort sowie ein wenig überzeugendes Alibi.

Doch dann kam der 3. Oktober 1995, der Tag der Urteilsverkündung. Präsident Bill Clinton schaltete um ein Uhr mittags in einem kleinen Zimmer neben dem Oval Office den Fernseher an, und 108 Millionen Menschen taten es ihm gleich. Nach neun Monaten Verhandlung wurde O. J. Simpson freigesprochen - aus Mangel an Beweisen.

Und Amerika schaute zu. Es sei das "größte öffentliche Spektakel, seit Jesus Christus vor Pontius Pilatus stand", sagte einer der Anwälte damals. Mit Simpson zogen in den USA erstmals Fernsehkameras in einen Gerichtssaal ein. Dem Prozess wurde im amerikanischen Fernsehen mehr Sendezeit zugestanden als dem damals aktuellen Bosnienkrieg, den Unruhen in Haiti und dem Bombenanschlag von Oklahoma City zusammen.

Manch einer bejubelte das Urteil. Das Unvorstellbare war geschehen: Ein schwarzer Mann, der eine weiße Frau umgebracht haben soll, wurde freigesprochen. Viele, vor allem schwarze Amerikaner empfanden das als Triumph angesichts von Urteilen, denen häufig rassistische Beweggründe unterstellt wurden. Ob Simpson tatsächlich schuldig oder unschuldig war, schien da schon keine Rolle mehr zu spielen.

Realer Krimi

In den letzten Jahren ist es etwas ruhiger geworden um Simpson. Mit den beiden Kindern, für die er das Sorgerecht erhalten hat, zog er von Kalifornien nach Florida. Dort ermöglicht es ihm die Rechtslage, eine monatliche Rente von 20.000 Dollar zu beziehen, ohne dass diese sofort gepfändet und den Hinterbliebenen der Opfer ausgezahlt wird.

Doch mit der Ruhe ist es vorerst vorbei. Simpson zieht es zurück ins Rampenlicht. Ende des Monats erscheint ein Buch des Ex-Footballers. "Wenn ich es getan hätte, so hätte ich es gemacht" heißt das Werk. In ihm und in einem zweiteiligen Interview, das der Sender Fox unmittelbar vor Erscheinen des Buches ausstrahlt, erzählt der "mutmaßlichste, freigesprochenste Doppelmörder des Jahrhunderts" (DER SPIEGEL), wie er seine Frau und deren Freund umgebracht hätte - wenn er es denn getan hätte. Eine Mörderstory vom Feinsten. Und das Beste daran: Der Krimi erscheint so unglaublich real. Es ist, als wollte Simpson absichtlich alle Zweifel an seiner Schuld zerstreuen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Simpson sich publikumswirksam zu der Bluttat äußert. 1996 - vor Beginn des Zivilprozesses - brachte er ein Video zu dem Mordfall auf den Markt. Darin wenigstens beteuerte er seine Unschuld und wärmte den Verdacht auf, dass der Mord auf das Konto kolumbianischer Kokainhändler gehe, mit denen sich seine Ex-Frau dummerweise eingelassen habe. Diesmal macht er gar nicht mehr den Versuch, sich als den unschuldig Verfolgten hinzustellen.

So eindeutig die Motivlage im Fall des Mordes zu sein schien, so schleierhaft sind Simpsons Beweggründe für den jetzigen Schritt in die Öffentlichkeit. Geltungssucht? Langeweile? Finanzielle Gründe sind trotz eines kolportierten 3,5-Millionen-Dollar-Honorars unwahrscheinlich. Eine solch hohe Summe würde unweigerlich an die Angehörigen seiner - hypothetischen - Opfer gehen. Für die "Chicago Sun-Times" jedenfalls steht nach der Ankündigung des Buches fest: O. J. Simpson ist schuldig - "des unglaublich schlechten Geschmacks".



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