O.J.-Simpson-Raubprozess "Gesellschaft schändlicher Charaktere"

Einen solchen Medienrummel hat Las Vegas seit Jahren nicht erlebt: Ex-Footballstar O.J. Simpson, vor 13 Jahren kontrovers freigesprochen, steht wieder vor Gericht - jetzt droht ihm doch lebenslange Haft. In dem skurrilen Verfahren um Raub und Entführung hat kein Beteiligter eine reine Weste.

Von , New York


New York - Die Szene schien einem gespenstisch vertraut. Ein SUV auf dem Highway, auf dem Beifahrersitz Ex-Footballstar O.J. Simpson. Dahinter Streifenwagen mit Blaulicht. Schließlich hielten sie den SUV an.

Déjà-vu: So ähnlich hatte es sich damals auch abgespielt. Im Juni 1994 in Los Angeles, als die Welt Simpson erstmals ganz anders erlebte denn als Profi-Sportler oder Laienschauspieler. Mit der "Verfolgungsjagd in Zeitlupe" begann die Justizodyssee um den Mord an Simpsons Ex-Frau Nicole Brown Simpson und ihrem Bekannten Ron Goldman.

Es war der "Prozess des Jahrhunderts", und sein Urteil wühlte die Nation auf: Simpson wurde freigesprochen - trotz aller Indizien. Auch ein späteres Zivilurteil, das ihn 1997 für "haftbar" erklärte, brachte ihn nicht hinter Gitter. Von den geforderten 33 Millionen Dollar Entschädigung soll er bislang gerade mal 10.000 Dollar an die Hinterbliebenen der Opfer gezahlt haben.

Die neue "Verfolgungsjagd" am Montag fand jedoch nicht in Los Angeles statt, sondern in Las Vegas. Sonst aber waren die Parallelen verblüffend: Erneut begann damit ein Simpson-Gerichtsdrama - das jüngste um den inzwischen 61-Jährigen, der seit dem umstrittenen Freispruch zum gesellschaftlichen Paria geworden ist, zur Lachnummer für die Supermarkt-Krawallblätter.

Wobei die Sache diesmal bitterernst ist: Simpson ist der Hauptangeklagte in einem Raub- und Entführungsverfahren. Als er am Sonntag, einen Tag vor dem Prozessbeginn, an einer Tankstelle hielt, sprach ihn ein Schaulustiger an und rief dann die Polizei. Simpson habe betrunken gewirkt. Die Cops ließen ihn dennoch weiterfahren.

An dieser Stelle eine alte Bauernregel: Nichts, was mit Simpson zu tun hat, ist "normal". Jeder Auftritt, jede Affäre, jeder neue Versuch der Selbstvermarktung gerät zur Groteske, zum endlosen Futter für die Trash-Shows, die hier das TV-Vorabendprogramm beleben. Deswegen mögen sie ihn ja, deswegen hassen sie ihn, selbst so viele Jahre später noch.

Und so hält auch der neueste Simpson-Prozess nicht nur Las Vegas in Bann - die Stadt der Zocker, Zecher und Schlitzohren, die ja einiges gewöhnt ist, so einen Aufmarsch aber wohl seit 1980 nicht mehr gesehen hat, als das MGM Grand brannte und 85 Menschen starben.

"Denkst du, du könntest meinen Scheiß klauen?"

Dutzende TV-Sender haben Kamerateams nach "Sin City" geschickt, fast 500 Reporter sind vom Gericht akkreditiert, etliche aus Übersee. Diejenigen unter ihnen, die Simpson damals für schuldig hielten, hoffen nun, dass er doch noch hinter Gittern landet - wenn auch für eine andere Straftat.

Die Chancen stehen nicht schlecht. Simpson wird des Raubüberfalls und der Entführung beschuldigt, beides unter Waffengewalt. Dafür droht ihm lebenslange Haft. Im Mittelpunkt des Verfahrens stehen bizarre Erinnerungsstücke, mit denen er Kapital aus seinem halbseidenen Ruf schlagen wollte - darunter der Anzug, den er 1995 bei seinem Freispruch im Gerichtssaal getragen hatte.

Simpsons Vergangenheit, seine Gegenwart, seine ungewisse Zukunft: Alles vereint sich hier zu einem bunten Zirkus aus Hallodris und Halbweltgestalten. Dafür könnte es keinen besseren Schauplatz geben. Nirgends sonst hätte sich diese Geschichte abspielen können als in der Metropole der Neonfassaden, hinter der Tragik und Trauer lauern. Die Metropole, die allein mit ihrem Werbeslogan zu Unlauterem anspornt: "What happens in Vegas, stays in Vegas." Was hier geschieht, bleibt unter uns.

Leider traf das nicht auf Simpson zu, als er im September 2007 mit fünf Kumpanen ein Zimmer im Palace Station stürmte, einem schummrigen Hotel abseits des berühmten Casino-"Strips". Im Zimmer befanden sich Alfred Beardley und Bruce Fromong, zwei dubiose Andenkenhändler. In ihrem Besitz: diverse Simpson-Memorabilia, eben auch jener taubendreckfarbene Maßanzug von 1995.

Es kam zu Handgreiflichkeiten, die die beiden Dealer heimlich mitschnitten. "Du Wichser", dröhnt Simpsons Stimme auf dem Tonband, das einer der Hintermänner später für 165.000 Dollar an die Klatsch-Website TMZ.com verhökerte. "Denkst du etwa, du könntest meinen Scheiß klauen und verkaufen?" Eine Schusswaffe soll gezückt worden sein. Kurz darauf zog Simpsons Trupp triumphierend wieder ab - samt mehrerer Kartons voller Simpson-Kleinkram im Wert von angeblich 75.000 Dollar: Footballs, Baseballs, Sporttrophäen.

Keiner in diesem Fall hat eine weiße Weste

Noch bevor sich Simpson nach Miami absetzen konnte, wo er wohnt, wurde er vor laufenden Kameras verhaftet. Die Staatsanwaltschaft klagte ihn und seine Komplizen an, seither hat sich die Anklageschrift auf zwölf Einzelpunkte erweitert. Allein der Raubüberfall zieht automatisch eine Gefängnisstrafe nach sich. Der bewaffnete Kidnapping-Vorwurf könnte sogar zu Lebenslang ohne Bewährung führen.

Keiner in diesem Fall hat eine reine Weste, und die düsteren Verwicklungen führen alle immer wieder zu Simpsons Mordprozess zurück.

Etwa die beiden Dealer, die die Anklage hier als Opfer porträtieren will: Sie selbst sind zwielichtige Gestalten. Simpson hatte die inkriminierten Andenken bei ihnen offenbar als Wertsachen vor der Justiz versteckt, um sich so weiter vor der Zahlung von 33 Millionen Dollar Schadensersatz zu drücken, zu denen er im Zivilprozess 1997 verurteilt worden war.

Schlechte Aussichten für Simpson: Vier seiner jetzigen Mitangeklagten haben sich inzwischen schuldig bekannt und sollen als Kronzeugen für die Anklage aussagen. Einer hat jedoch unvorsichtigerweise angeboten, dass er zugunsten Simpsons sprechen könnte - so er entsprechende Strafverschonung bekomme.

Der verbliebene Mitangeklagte Clarence Stewart hat derweil vergeblich versucht, einen separaten Prozess genehmigt zu bekommen. Er fürchtet, von Simpsons unrühmlicher Prominenz mit ins Unheil gerissen zu werden.

Wer kann behaupten, keine Meinung zu Simpson zu haben?

"Dies ist eine Gesellschaft schändlicher Charaktere", lästert Simpsons Anwalt Yale Galanter ohne jede Ironie. Galanter will sich, um die Unschuld seines Mandanten zu beweisen, auf die US-Gründerväter berufen: Die hätten das Privateigentum unter Schutz gestellt - und Simpson habe nichts anderes getan, als sein Privateigentum zu schützen.

Viel davon ist ihm nicht geblieben. Zumindest nicht viel von Wert - das meiste hat Simpson längst formell an seine Kinder abgetreten, damit es ihm die Justiz bei der Einklagung des Zivilurteils nicht abspenstig machen konnte.

Ende 2006 versuchte Simpson, mit einem verkappten Geständnis in Buchform Kasse zu machen: In "If I Did It" beschrieb er im Detail, wie er den Doppelmord von 1995 "begangen hätte", wäre er der Täter gewesen. Das Buch sorgte schon vor seiner Veröffentlichung für einen Skandal, bis Rupert Murdochs Verlag Random House es schließlich einstampfen ließ. Ein Gericht sprach die Rechte später der Goldman-Familie zu, die es unter dem Titel "If I Did It: Confessions of the Killer" herausbrachte.

Die erste Prozesswoche in Las Vegas wird zunächst von der Auswahl der Geschworenen bestimmt werden. Auch das ist in diesem Fall keine einfache Angelegenheit. Die anfangs rund 500 potentiellen Juroren, aus denen ein Dutzend ausgesucht wird, mussten einen 26-seitigen Fragebogen ausfüllen, um ihre Unbefangenheit nachzuweisen - der längste Fragebogen in der Geschichte des Gerichts.

Denn wer kann behaupten, keine Meinung zu O.J. Simpson zu haben? Die Verteidigung beantragte, die Juroren dabei unumwunden auch zu fragen, ob sie ihn für einen Mörder hielten. Die Vorsitzende Richterin Jackie Glass lehnte das freilich ab. "In diese Richtung", sagte sie, "wollen wir erst gar nicht gehen."

Dafür dürfte es allerdings längst zu spät sein.



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