ARD-Spielfilm über Odenwaldschule: Hänsel und Gretel, missbraucht im Wald

Von , Heppenheim

Film über Odenwaldschule: Das Leid der "Auserwählten" Fotos
DPA

Die ARD wagt sich an den ersten Spielfilm über den sexuellen Missbrauch an der Odenwaldschule. Gedreht wird am Originalschauplatz. Ulrich Tukur übernimmt den Part des verbrecherischen Schulleiters und sagt: "Man spielt mit der schmutzigen Phantasie des Zuschauers."

Der Weg in die menschlichen Abgründe führt steil nach oben. Geflickter Asphalt schlängelt sich den Berg hinauf, vorbei an Weinreben und Fachwerkhäusern hinein in den Wald. Die 16 Gebäude der Odenwaldschule erstrecken sich über zwei Hügel. Es dämmert. Wolken bauschen sich zu einer schwarzen Decke zusammen, Tannen wiegen sich rauschend im Abendwind.

Eine bedrohliche Szenerie. Wie gemacht für einen Film. Für mehr als 130 Kinder war dies keine Kulisse, sondern das von ihren Eltern auserwählte Ersatzzuhause - die angesehene Odenwaldschule im hessischen Heppenheim, Kreis Bergstraße.

Im Frühjahr 2010 erschütterten Berichte von Fällen sexuellen Missbrauchs die Öffentlichkeit: Ausgerechnet am Vorzeigeinternat der Reformpädagogik missbrauchten vor allem zwischen 1965 und 1985 der Schulleiter sowie Lehrer Kinder zwischen zwölf und 15 Jahren, hauptsächlich Jungen. Ausgegangen wird - bei einer hohen Dunkelziffer - von mindestens 132 Schülern. Der WDR dreht in diesen Tagen den ersten fiktionalen Fernsehfilm über die jahrzehntelang systematisch ausgeübte sexuelle Gewalt. Titel: "Die Auserwählten". In den Hauptrollen: Julia Jentsch und Ulrich Tukur.

Wie die Häuschen einer Modelleisenbahn, aus dunklem Holz und hellem Stein, mit grauen Schieferziegeln, roten Dachziegeln und Geranien geschmückten Blumenkästen, verteilen sich die Bauwerke über den hügeligen Campus. Der Aufenthaltsraum der Fünftklässler: ein Baumhaus, gebaut um einen wuchtigen Stamm mit gigantischer Krone.

"Gleich säuft uns der Hintergrund ab"

Auf Holzschildern ist zu lesen: Waschhaus, Schiller-Haus, Herder-Haus. Manche Bauten sind verschachtelt, haben vier Stockwerke, Türmchen und Erker, die Fensterrahmen geweißelt. Es riecht nach Fichtennadeln und Harz. Steile Treppchen aus Stein oder Holz verbinden die Gebäude an den Hängen, kleine Laternen setzen Lichttupfen in der Dunkelheit.

Johanna Gastorf steht im Scheinwerferlicht vor einem verwinkelten Haus mit feudalem Vorplatz. Es ist die Schlussszene des Films. Die Zeit drängt. "Gleich säuft uns der Hintergrund ab", sagt Produzent Hans-Hinrich Koch und führt gemeinsam mit der Dramaturgin Anke Krause schnellen Schrittes weiter über das Areal. Hier wird noch bis Freitag gedreht, auch die Innenaufnahmen, keine Szenen im Studio, nur wenige an anderen Originalschauplätzen wie in Frankfurt am Main. Die Filmcrew hat für vier Wochen das Gelände okkupiert, die Schüler sind noch in den Ferien.

Das echte Schulgelände transportiere mehr inspirierende Energie als jedes Studio, es habe "etwas Hexenhaushaftes", die missbrauchten Kinder seien gefangen wie Hänsel und Gretel, sagt Ulrich Tukur am Rand des Sets und dreht ein leeres Weinglas in der Hand. Er spielt Simon Pistorius, einen charismatischen und hinterhältigen Schulleiter mit Beziehungen bis in die höchsten Kreise, angelehnt an den verstorbenen Gerold Becker, den Kopf des Missbrauchsnetzwerkes.

Wie ein abgehalfterter DDR-Schlagerstar

Pistorius wirkt wie der typische Hochstapler, ein unqualifizierter Pädagoge von einnehmender Eloquenz, ein Blender vor dem Herrn. "Becker hat seine Mitmenschen verwirrt", sagt Tukur, das habe er vor allem gespürt, als er mit ehemaligen Schülern über ihn sprach. Einige schwärmten noch immer von ihm.

Zu Tukurs Spiel gehören widerwärtige Szenen. Pistorius, der am Bett eines Kindes sitzt, ihm mit lieblicher Stimme einflößt, nun die Mutter anzurufen und ihr etwas vorzugaukeln. Pistorius, der eine Dusche verlässt - zurück bleibt ein verstörter Schüler. Manche Szenen sind gerade deshalb so grausam, weil sie keine Details zeigen. "Man spielt mit der schmutzigen Phantasie des Zuschauers", sagt Tuklur.

So schlüpfrig und schmierig die Rolle des Pistorius auch angelegt sei: "Du musst als Schauspieler die Figur schon mögen, nur so kann ich beim Zuschauer erreichen, dass auch er ihn nett findet." Denn so war es in der Tat: "Becker war ein Guru, ein Gott", sagt Tukur. Er spielt mit dem Weinglas, schweigt kurz. "Manchmal ekelt einen das richtig an."

Lange habe er mit dem Team überlegt, wie sich einer wie Pistorius wohl kleidet - und wie sich Becker gekleidet habe, sagt Tukur und muss schmunzeln. Er entschied sich für einen hellen Siebziger-Jahre-Anzug und sah aus wie ein abgehalfterter DDR-Schlagerstar. Und jetzt gerade trägt Pistorius Leinen, eine Art Thomas-Mann-Look.

Drogen am Vormittag

Im Lehrerzimmer der Odenwaldschule sitzt Regisseur Christoph Röhl in einem Stuhlkreis und sagt, für die Rolle des Schulleiters sei nur Tukur in Frage gekommen, "weil er sehr freundlich und verführerisch sein kann, einer, dem man nichts Böses zutraut". Röhl spricht über die Täterstrategie und Abwehrmechanismen von Opfern, die der Film thematisiert und den Denkanstoß, den er geben will. Ihm geht es um Sensibilisierung, nicht um bloße Aufarbeitung.

Röhl kennt sich in doppelter Hinsicht aus: Von ihm stammt der 2011 erschienene und preisgekrönte Dokumentarfilm "Und wir sind nicht die Einzigen" über den Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule - und er arbeitete von 1989 bis 1991 als Englisch-Tutor an der Odenwaldschule. Er war Anfang 20 und fand es schrecklich.

Die Diskrepanz zwischen Mythos und Realität sei enorm gewesen. "Das hier hatte nichts mit Zusammengehörigkeit und Idylle zu tun: Hier wurde damals viel gesoffen und es wurden Drogen genommen - schon am Vormittag", konstatiert Röhl. Kinder hätten vereinsamt auf ihren Zimmern gehockt. Die Aufdeckung des Skandals im März 2010 habe ihn nicht wirklich überrascht.

Ihm gegenüber sitzt Julia Jentsch, erblondet. "Dies hier ist ein Ort - wie ein Paradies für jedes Kind", sagt sie staunend. Er sei so, wie von den Drehbuchautoren Benedikt Röskau ("Contergan") und Sylvia Leuker ("Über den Tod hinaus") beschrieben, geradezu perfekt. Umso stärker der Kontrast: Systematischer Missbrauch lasse sich mit diesem "Märchenland" doch eigentlich nicht vereinbaren.

Am Freitag soll die letzte Szene im Kasten sein. Für Tukur eine Herausforderung, wie er sagt. Pistorius wird von vermummten Schülern, an denen er sich verging, in den nächtlichen Wald gezerrt und zusammengeschlagen. Danach wird abgebaut, der Campus geräumt. Am Sonntag kommen die ersten Schüler zurück.

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insgesamt 56 Beiträge
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1. ... bis heute nicht aufgearbeitet ...
privat 10.09.2013
Zusammenhänge, Wurzeln, Parallelität ... es zeigt, wie dicht an Heidelberg (welches voller "reflektierter" Psychologen steckt) der falsche Gedanke "wir haben ach so viel Verständnis für die Täter" weder die Kraft noch der Wille vorhanden ist, sich aktiv mit dem Thema kritisch und nachhaltend zu beschäftigen. Lieber lässt man im Wald in Ruhe die Blätter rauschen. Es war ja nicht so schlimm ... man(n) könnte fast den Eindruck gewinnen, die "Elite" weicht aus. Ach nein, wir haben ja gar keine Elite, sonst würden wir deren förderliches Werken bemerken. Wir haben nur Leute mit Macht und dem Etikett "Elite". Da sind die paar Kinder ja egal.
2. Es ist merkwürdig still
v.papschke 10.09.2013
geworden um die ganze Angelegenheit, die ja bei weitem nicht nur die Odenwaldschule betrifft. Kommt da noch mal was, oder schläft es ganz ein ?
3. ?
caecilia_metella 10.09.2013
Der Odenwald ist in Südhessen, Unterfranken (Bayern) und Baden-Württemberg. Und wie passt jetzt ein abgehalfterter 70er-Jahre-DDR-Schlagerstar zu dieser schmutzigen Geschichte? Hier haben Sie ein paar Bilder von 70er Schlagerstars. Wir sind die Guten. Deutsche Schlager Fotos, Deutsche Schlager Bilder - Alte Fotos & Bilder bei V like Vintage (http://www.v-like-vintage.net/de/tags/deutsche%20Schlager/)
4. Die Aufarbeiternation
minimax9 10.09.2013
Ich werde diesen Film nicht sehen. Zu meiner Zeit waren prügelnde Lehrer und Lehrerinnen an der Tagesordnung glauben sie, das vergisst man, nein ich will nicht aufarbeiten. Meine noch vorhandene Narbe am Gesäß ist nicht die einzige Erinnerung. Die Lehrer gibt nicht mehr nur manchmal träume wie einer sagt´vortreten, gebückte Haltung´ kein Spaß.
5.
maburayu 10.09.2013
Zitat von v.papschkegeworden um die ganze Angelegenheit, die ja bei weitem nicht nur die Odenwaldschule betrifft. Kommt da noch mal was, oder schläft es ganz ein ?
Strafrechtlich ist da wohl nichts mehr zu machen. Die Schule versucht zumindesten - so steht es auf deren Webseite - mit den Opfern in Gespräch zu kommen und Hilfe anzubieten. Das ist aber nichts für die Öffentlichkeit. Scheinbar hat die neue Schulleitung den Missbrach auch als Teil der Schulgeschichte akzeptiert, es wird nicht mehr versucht zu vertuschen oder zu relativieren. Auch der Film scheint ein Teil hiervon zu sein, der Dreh an Orignalschauplätzen ist bei einem solchen Thema schon etwas Außergewöhnliches.
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