Familiengeheimnis Abgründe in der Idylle

Er soll seinen Töchtern Morphium gegeben haben, eine geladene Waffe, einen Zungenkuss - jahrelang soll ein Landarzt heimlich seine Kinder gequält haben. Doch die Ermittlungen stocken. Weil sein Bruder ein mächtiger Politiker in Österreich ist?

Blick auf Eichberg in der Steiermark
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Blick auf Eichberg in der Steiermark

Von , Wien


Straßen führen in Serpentinen durch hügelige, grüne Landschaft. Im Westen und Süden fließt die Mur, im Osten die Lafnitz, im Norden liegen das Grazer Bergland und die Fischbacher Alpen. Eichberg ist eine Gemeinde mit gut tausend Einwohnern in der Steiermark. Ganz oben im Ort steht ein herrschaftliches Haus, strahlend weiß verputzt, ein Anwesen mit akkurat gemähtem Rasen, Swimmingpool, Gartenhäuschen, Blick in das weite, grüne Tal. Nichts, was die Sicht auf die heile Welt versperrt.

Hätte man sehen müssen, was hier jahrelang geschah? Will man es heute sehen?

Ein Arzt, der in diesem Haus wohnte und im benachbarten Rohrbach sowie in Dechantskirchen, ein paar Dörfer weiter, jeweils eine Praxis betrieb, soll jahrelang seine Kinder - drei Töchter, einen Sohn - gequält haben. Der harmloseste unter den Vorwürfen ist noch, dass er sie gezwungen haben soll, verdorbene Lebensmittel zu essen, weil nichts weggeschmissen werden durfte. Er ließ sie als Kinder Zigaretten rauchen, weil sie dann einer amerikanischen Studie zufolge später nicht mehr rauchen würden. Alte Fotos zeigen die Kleinen qualmend. Die Kinder sind inzwischen erwachsen, drei von ihnen sind starke Raucher.
Zwei seiner Töchter soll er drogenabhängig gemacht haben, indem er ihnen schon als Kind Morphium verabreichte. Er soll ihnen starke Medikamente in hohen Dosierungen gegeben und sie ermuntert haben, Marihuana zu rauchen.

Christa Lopatka sitzt am Esstisch und zermartert sich den Kopf. "Ich habe nicht gesehen, was er mit den Kindern gemacht hat", sagt sie. Er habe es heimlich getan. Das schreckliche Geheimnis der Familie - wie konnte sie das übersehen?

"Ich habe ihn geliebt." Sie lehnt sich zurück. "Dieses schöne Haus, wir, die Familie, das war für ihn alles nur Fassade. Er hat meine Kinder erniedrigt und gequält, körperlich und seelisch."

Lopatka ist die Ex-Frau des Arztes Eduard Lopatka. Als sie ihm gegenüber vor Jahren das erste Mal andeutete, sich von ihm trennen zu wollen, hätten die Selbstmordankündigungen zugenommen. Er habe auch gedroht, seiner Frau das Gesicht mit Säure zu verätzen, die ganze Familie auszulöschen, das Haus in die Luft zu sprengen.

Immer wieder drohte er vor den Kindern, sich das Leben zu nehmen. Einmal soll er sich vor den Augen von zwei Töchtern, damals noch Kinder, eine Pistole an die Schläfe gehalten haben. Ein anderes Mal soll er das Haus mit den Worten verlassen haben: "So, ich geh jetzt und bring mich um." Ein weiteres Mal ließ er sich in ein Seil fallen, Schlinge um den Hals, auch das vor einer Tochter. Später erklärte er, er habe absichtlich einen "schleißigen Strick" genommen. "Ich habe gewusst, dass er reißt", sagte er vor Gericht. "Ich wollte eigentlich nur das Gefühl spüren."

Einer Tochter überließ er eine geladene Pistole und erzählte ihr, sie dürfe ruhig damit schießen, wenn ein Einbrecher komme. Die Waffe versteckte er im Kleiderschrank seiner damaligen Frau - im Fall eines Unglücks hätte er die Schuld von sich weisen können. Eine andere Tochter forderte er auf, vom Balkon aus einen Schuss abzufeuern.

Mit der ältesten Tochter schmuste er und gab ihr einen Zungenkuss. Das Kind erschrak, die Mutter kam zufällig in dem Moment in den Raum und stellte ihren damaligen Mann zu Rede - der stellte das Ganze als "Versehen" dar. Mal ritzte er sich mit einem Messer in Hals, Arme und Beine, dann wieder rammte er sich einen Schraubenzieher in den Bauch und verlangte von einer Tochter, sie solle ihn rausziehen. Als die sich entsetzt weigerte, forderte er eine andere Tochter auf. Die kam dem Wunsch nach.

Oft befahl er seinen Kindern, zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal Teenager, ihm eine Spritze zu setzen. Wenn seine Kinder Zuneigung wollten, mussten sie ihm bei solchen Dingen gehorchen. Ansonsten beleidigte er sie, nannte sie "fett" und "hässlich".

Jetzt läuft gegen ihn ein Prozess wegen "Quälens Unmündiger mit schweren Dauerfolgen sowie Suchtgiftmissbrauchs". Alle vier Kinder, inzwischen in ihren Zwanzigern, berufstätig oder im Studium, sagen gegen ihren Vater aus. Sie nennen ihn nicht mehr Papa, nicht Vater, sondern Eduard.

"Wir hatten keinen Wert für den Eduard, nie. Aber nach außen hat er immer den tollen Arzt und Familienvater vorgespielt. Die Mama hat er betrogen und angelogen, aber wir durften ihr nichts sagen", sagt eines der Kinder.

"Wir haben Angst vor dem Eduard", sagt ein anderes.

"Wir fürchten um unser Leben", sagt ein weiteres.

Am besten, sagen sie, wäre es, wenn er aus ihrem Leben verschwände. "Wenn er für immer eingesperrt wird. Wenn er einfach nicht mehr da ist."

Aber er ist noch da. Hin und wieder steht jemand mit dem Auto auf einer Anhöhe und beobachtet das Haus. Die Familie glaubt, es sei "der Eduard". Einmal, erzählt seine Ex-Frau, habe sie einen roten Leuchtpunkt in ihrem Büro gesehen, von einem Zielfernrohr eines Gewehrs. "Da habe ich mich zu Tode erschrocken."

Ob das stimmt und wenn ja, ob das wirklich ihr Ex-Mann gewesen ist, lässt sich nicht überprüfen. Ruft man ihn an und fragt, lacht er nur und erklärt: "Ich sag nichts! Fragen Sie meine Anwältin." Die wiederum geht nicht ans Telefon und lässt eine schriftliche Anfrage unbeantwortet. Offensichtlich erachtet man Schweigen als die bessere Lösung.

In den Dörfern glauben sie dem "lieben Herrn Doktor"

Dass die Schilderungen mit den Selbstverletzungen keine bloßen Behauptungen sind, legen Fotos nahe, die Lopatka davon gemacht hat. Bei einer Hausdurchsuchung fanden Ermittler die Aufnahmen auf einer Speicherkarte im Handschuhfach seines Autos. Erst da räumte Lopatka diese Praktiken ein.

Ansonsten verbreitet er im Dorf die Geschichte, seine Kinder würden lügen und ihn fertigmachen wollen. Seine Ex-Frau sitze derweil in dem teuren Haus, trinke den ganzen Tag Champagner und esse Kaviar. Bei Vernehmungen nannte er sie eifersüchtig und geldgierig und beschrieb, wie sie einmal nach Salzburg gefahren sei, um sich Prada-Schuhe zu kaufen, und weinend zurückgekehrt sei, weil es sie nicht in ihrer Größe gab. Um die Kinder habe sie sich nicht gekümmert, vielmehr habe er das tun müssen - und das habe ihn schlicht überfordert. So erklärt er seine häufigen Suizidandrohungen.

Die Kinder sagen, "der Eduard" lüge. Aber in den umliegenden Dörfern glauben viele eher dem "lieben Herrn Doktor". Sie kennen ihn als freundlichen Mann, der zwar gern seinen Reichtum zeige und teure Autos fahre, dafür aber hart arbeite und immer Zeit für Patienten habe. Außerdem hat er mal für den österreichischen Skiverband gearbeitet, eine Art Heiligtum in Österreich.

"Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie Kaviar gegessen", sagt seine Ex-Frau. "Und ich lebe hier, weil ich in diesem Haus eine Psychotherapiepraxis habe."

Die Vorwürfe gegen Lopatka füllen inzwischen mehrere Aktenordner. Sie gehen über die Misshandlung seiner Kinder weit hinaus. So soll er zu mehreren Patientinnen ein Verhältnis gepflegt haben, unter anderem auch zu einer älteren Frau. Das, sagt seine Familie, sei zwar "schlimm für uns", aber wirklich problematisch werde die Sache, wenn man bedenke, dass ihn mindestens eine der älteren Patientinnen zu ihrem Erben machte. "Ich weiß nicht, wie viele Häuser der inzwischen besitzt", sagt eine Tochter.

"Er war fasziniert vom Tod"

Eine Freundin seiner Tochter, die als Patientin zu ihm kam, wurde zu seiner Geliebten. Anfangs habe sie diese Beziehung auch gewollt, sagt die junge Frau, heute 28 Jahre alt. "Aber dann wollte er immer abartigere Sexualpraktiken und wurde gewalttätig." Er habe sie mehrfach vergewaltigt und ihr vorgeschlagen, gemeinsam von einer Brücke zu springen. "Tod der Liebe" soll er es genannt haben. "Er war immer fasziniert vom Tod, hatte eine regelrechte Todessehnsucht."

Die junge Frau zeigte Lopatka an und suchte Hilfe im Gewaltschutzzentrum Steiermark, das eine "Gefährlichkeitseinschätzung" an die Staatsanwaltschaft Graz schickte, wonach der Mediziner eine "sehr hohe Gefährdung" darstelle. "Das Ergebnis besagt, dass eine schwere Gewalttat jederzeit bevorstehen kann." Das Verfahren wurde dennoch eingestellt.

Nachdem die junge Frau sich endlich losreißen konnte, kam es zu einer weiteren Tragödie: Im September 2014 wurde ihr Vater, der sich zuletzt offen gegen Lopatka gestellt hatte, tot aufgefunden, mit einer Kugel im Kopf. Die Umstände deuteten auf einen Suizid, aber seine Tochter glaubt nicht daran. Den Ermittlungen zufolge fanden sich an seinen Händen keine Schmauchspuren. Außerdem konnte er zu dem Zeitpunkt wegen Verletzungen seine Arme nicht heben. Dann kam auch noch heraus: Die Pistole, die neben ihm lag, gehörte Lopatka.

Wie diese Waffe dorthin gekommen ist und weshalb Ungereimtheiten nicht nachgegangen wurde, ist bis heute ungeklärt. Auf eine parlamentarische Anfrage bezüglich der stockenden Ermittlungen antwortete der Justizminister Wolfgang Brandstetter im März 2017 etwas kryptisch, der Staatsanwaltschaft Graz sei per Weisung aufgetragen worden, "einen gegen unbekannte Täter geführten Verfahrenskomplex nicht (...) einzustellen, sondern (...) abzubrechen". Warum? Bleibt weiter unklar.

Es stellt sich die Frage, ob jemand mit einem Verhalten wie Lopatka als Arzt geeignet ist. Die Ärztekammer der Steiermark weigerte sich, ihm die Zulassung zu entziehen, weil "keine groben Verfehlungen bei Ausübung des ärztlichen Berufs, die mit gerichtlicher Strafe bedroht sind, zugrunde liegen". Erst als die Angelegenheit medial weitere Kreise zog, entschied sich das Bundesland Steiermark Anfang 2017 zu diesem Schritt. Seither beschäftigt Lopatka andere Ärzte, die für ihn arbeiten.

Der Pressesprecherin entgleisen die Gesichtszüge

Liest man die Akten, wird deutlich, wie auf verstörende Weise Rücksicht genommen wird auf ihn und seinen großen Namen. In einem polizeilichen Vermerk heißt es: "Weiter wird angeführt, dass es sich beim Bruder von Dr. Eduard Lopatka um Dr. Reinhold Lopatka (geboren am 27.01.1960 in Vorau) handelt, welcher als Mitglied der österreichischen Volkspartei im Nationalrat vertreten ist."

Auf seinen Bruder angesprochen, seufzt Reinhold Lopatka. Seine Pressesprecherin sitzt neben ihm in seinem großen Büro in Wien, für einen Moment entgleisen ihr die Gesichtszüge. "Zu diesem Thema sagen wir nichts. Das haben wir noch nie getan, warum sollten wir es jetzt tun?", sagt sie. Lopatka ist Fraktionschef der christlich-konservativen ÖVP im österreichischen Parlament, Klubobmann genannt.

Lopatka sinkt in seinem Stuhl zusammen. Man merkt ihm an, dass er doch unbedingt ein paar Sätze sagen will, dass ihn das Drama, in dessen Mittelpunkt sein Bruder steht, belastet. "Das ist eine traurige Geschichte", sagt er. Er selbst habe den Kontakt schon seit Langem abgebrochen. Lediglich seine Frau und seine Kinder tauschten sich hin und wieder mit der Familie seines Bruders aus. "Natürlich machen wir uns Sorgen", sagt er.

Liest man die SMS, die die Familie des Politikers an die des Arztes immer dann schickte, sobald etwas über den Fall in der österreichischen Presse berichtet wurde, könnte man zu dem Schluss kommen, dass sich die Sorgen vor allem um die Karriere des Politikers Lopatka drehen. Darum, dass er in Sippenhaftung genommen werden könnte.

Problematisch wäre tatsächlich nur, wenn Einfluss auf die Ermittlungen und die Verfahren gegen seinen Bruder genommen würde. "Ich habe mich da nie eingemischt", sagt Reinhold Lopatka. Ob andere das täten, um ihm einen Gefallen zu tun, wisse er nicht. "Wenn das der Fall ist, wäre das nicht gut."

Tatsächlich gibt es, neben dem Vermerk in dem Polizeidokument, Hinweise dafür. So bat der Psychiater Manfred Walzl, der den Angeklagten begutachten sollte, die Staatsanwaltschaft Graz per E-Mail um Enthebung von seiner Aufgabe. Es sei "zu einer ganzen Reihe von Interventionsversuchen durch Kollegen, aber auch Politiker gekommen", schreibt er darin. Wer genau versucht hat zu intervenieren, bleibt unklar - Walzl antwortet auf Anfragen nicht und schweigt zu dem Fall. Aus den Dokumenten geht hervor, dass unter anderem eine Bürgermeisterin sich für Eduard Lopatka eingesetzt haben soll. Auf Nachfrage bestreitet sie das.

Der Prozess ruht

Nun soll Adelheid Kastner das psychiatrische Gutachten über Eduard Lopatka erstellen. Sie ist bekannt durch ihre Arbeit im Fall Fritzl, jenes Mannes, der seine Tochter 24 Jahre lang in einer Kellerwohnung gefangen hielt, sie missbrauchte und vergewaltigte und mit ihr sieben Kinder zeugte. Das Gutachten wird für Juli erwartet, bis dahin ruht der Prozess gegen Lopatka.

Die Ex-Frau, die vier Kinder und die Ex-Geliebte fühlen sich im Stich gelassen von der Justiz, von der Polizei, von vielen Menschen in ihrem Umfeld. Sie wollen Gerechtigkeit, aber sie gelten als Nestbeschmutzer, als Leute, die den "tadellosen Ruf unseres Herrn Doktors" beschädigen, "den guten Namen Lopatka", die dem "Ansehen der Steiermark" schaden, wie Leute im Dorf sagen.

Diese Vorwürfe schlagen ihnen erst recht entgegen, seit sie sich an die Presse wenden, weil sie das Gefühl haben, dass nur noch der Schritt an die Öffentlichkeit helfen kann. Wenn das Verfahren vorbei ist, will die Familie mit der Vergangenheit abschließen und ein neues Leben beginnen.

Die Ex-Frau hat wieder ihren Mädchennamen angenommen, und auch die Kinder wollen den Namen Lopatka ablegen. Ob sie irgendwo anders hinziehen werden, das wissen sie noch nicht. Schließlich seien sie in der Steiermark zu Hause - auch wenn die Welt hier für sie nicht mehr so heil ist, wie sie auf den ersten Blick aussieht.



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