Familientragödie in Österreich Richter spricht Arzt frei - und verhöhnt dessen Frau und Kinder

Mit einer fragwürdigen Begründung spricht ein Richter in Graz einen Arzt vom Vorwurf des Missbrauchs frei - und sorgt für einen Skandal. Prominente österreichische Juristen sind fassungslos.

Gerichtsgebäude in Graz
picture alliance/ Markus Leodolter

Gerichtsgebäude in Graz

Von , Wien


Die Vorwürfe gegen einen Arzt im österreichischen Bundesland Steiermark wiegen schwer: Jahrelang soll er seine vier Kinder - drei Töchter und einen Sohn - gequält haben, er soll sie drogenabhängig gemacht, bedroht, vernachlässigt und teilweise auch sexuell missbraucht haben.

Die Ermittlungen zogen sich hin, und es kursierten Vermutungen, dass dies auch deshalb geschah, weil der Bruder des Angeklagten ein mächtiger Politiker in Österreich ist. Mehrere in den Fall verwickelte Personen berichteten jedenfalls von politischer Einflussnahme.

Kürzlich wurde der Arzt, trotz der schweren Vorwürfe auch der Staatsanwaltschaft, trotz vieler Belege für sein abnormes Verhalten und der Tatsache, dass seine Kinder allesamt in psychologischer Behandlung sind, von einem Gericht in Graz freigesprochen. Jetzt hat der Strafrichter Andreas Rom die schriftliche Urteilsbegründung nachgeliefert - und damit einen handfesten Skandal ausgelöst.

Österreichische Medien aller Richtungen kritisieren die Entscheidung. Das Boulevardblatt "Österreich" schreibt: "Richter lief Amok", der Radiosender Ö1 spricht von "Aufregung über Richterspruch". Grund dafür ist Kritik des Richters am Lebensstil und an der Kleidung der Ex-Frau und der Kinder des Beschuldigten, die die Vorwürfe erheben.

"Keine Substanz"

So schreibt Rom über eine Tochter, die ihrem Vater unter anderem vorwirft, er habe sich einen Schraubenzieher in den Bauch gerammt und sie aufgefordert, das Werkzeug wieder herauszuziehen: "Offensichtlich legt sie auf Kleidung, dem Anlass entsprechend, keinen Wert. Sie ist, was den Körperschmuck betrifft, in keiner Weise als konservativ zu bezeichnen. Sie ist auch bestrebt, diesen, ihren Geschmack, für das jeweilige Gegenüber, demonstrativ durch etliche, sichtbare Piercings zu präsentieren. Die Angaben der Zeugin an sich wirken wie auch schon zuvor bei den anderen Zeugen stereotyp auswendig eintrainiert, enthalten aber in sich keine Substanz."

Die Selbstverletzung mit dem Schraubenzieher erklärt der Richter damit, der Angeklagte habe sich "auf Grund von privaten Zerwürfnissen mit seiner Ehegattin, gebart [sic] mit deren verschwenderischem Lebensstil, Prada Schuhe, Vorhänge im Wert von EUR 30.000,00, teurem Christbaumschmuck aus Wien sowie den finanziell fordernden und ihn respektlos ausnutzenden, zwischenzeitig ihn hassenden Kindern und darüber hinaus, überlastet durch das Arbeitsleben als Arzt mit zwei Praxen und nahezu täglichen Ordinationszeiten, untermauert durch seine Verarmungsängste, dazu hinreißen lassen, seine daraus resultierenden psychischen Schmerzen in physische umzuwandeln, indem er sich selbst, ohne hierbei von einem der Kinder beobachtet worden zu sein, einen Schraubenzieher in die linke Seite seines Bauches einführte."

Keinesfalls ein "braver Engel"

Die Verarmungsängste des Angeklagten führt der Richter auf den "extrem verschwenderischen, immer mehr fordernden finanziellen Lebensstil" der Ex-Gattin zurück. Sie sei eine "in optischer Hinsicht, in Bezug auf ihren extravaganten Kleidungsstiel (sic), überladene Person".

Die Ex-Frau bestreitet auf Nachfrage des SPIEGEL die Vorwürfe gegen sie und verweist darauf, dass sie selbst als Psychotherapeutin Geld verdiene.

Über den Sohn heißt es in der Urteilsbegründung, er sei "der Hasserfüllteste und Bösartigste gegenüber dem Angeklagten" und habe das nicht nur durch seine Aussage erkennen lassen, "sondern demonstrierte diesen Hass geradezu in seiner Körperhaltung, gepaart mit seinem aggressiven Blick". Einer Tochter hält der Richter vor, sie sei keinesfalls ein "braver Engel", sondern eher eine "Berechnende und Eiskalte". Den Kindern wirft er pauschal "genetisch bedingte Übertreibung" vor.

Alles in allem, so liest sich die Urteilsbegründung, sieht der Richter die Schuld für das Geschehene eher bei der Ex-Frau und den Kindern als beim Angeklagten. Die "geschilderten Geschehensabläufe" in der Familie könnten, "falls diese verfilmt würden, als Seifenoper unter dem Titel 'Verspäteter Rosenkrieg', mangels erhaltener finanzieller Zuwendungen tituliert werden", heißt es darin.

Den Angeklagten stellt der Richter vielmehr als Opfer dar. Dieser sei "nach heutigen Werten betrachtet, eine äußerst grundkonservative Person". Dies sei aber "nicht als negativ aufzufassen, sondern ist dahingehend auszulegen, dass er mit den gegenwärtig in der Gesellschaft vertretenen Werten, nämlich Völlerei, des Angebens und Strebens nach Mehr" nicht zurechtkomme.

"Besorgniserregend"

Seine Kinder habe der Arzt "nach den Werten seiner Eltern, nämlich Fleiß, Sparsamkeit und Ehrlichkeit" zu erziehen versucht, was seine Ex-Frau aber nicht geteilt habe, "bis es ihm psychisch immer schlechter gegangen ist und er deshalb seinen Ausgleich in außerehelichen sexuellen Beziehungen suchte und sich in masochistischer Weise Schmerzen zufügte".

Erstaunlich ist die Begründung auch, weil Richter Rom in früheren bedeutenden Prozessen, beispielsweise gegen IS-Terroristen oder gegen einen Amokfahrer in Graz, eher durch souveräne Prozessführung und durch Feinfühligkeit gegenüber den Zeugen aufgefallen ist.

Juristen reagieren nun zum Teil fassungslos auf das Urteil und, mehr noch, auf die Begründung. "Besorgniserregend" sei die Wortwahl des Richters, sagt Alexia Stuefer, Vizepräsidentin der Vereinigung österreichischer Strafverteidiger, im Sender Ö1. In solch überspitzter Form habe sie noch nie eine Urteilsbegründung gelesen.

Udo Jesionek, ehemaliger Präsident des Jugendgerichtshofs, nennt die Worte des Richters "ganz extrem". In diesem Zusammenhang zu erörtern, warum ein Kind gepierct sei, sei "völlig unnötig". Die Staatsanwaltschaft will das Urteil nicht akzeptieren und nun in der nächsthöheren Instanz anfechten.



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