Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Neue Ermittlungen zum Oktoberfest-Attentat: Die Zeugin, die 34 Jahre schwieg

Von , München

Die Bundesanwaltschaft begibt sich 34 Jahre nach dem Oktoberfest-Attentat mit 13 Toten auf die Spur von weiteren Tätern - ausgelöst durch die Aussage einer Frau, der damals niemand glauben wollte.

Wie glaubwürdig ist eine Zeugin, die sich 34 Jahre nach der Tat plötzlich meldet, um zu sagen, ihr sei da noch was eingefallen? Gar nicht, möchte man antworten. Und fragen: Warum erst jetzt? Und: Wer weiß schon noch, was er vor 34 Jahren gesehen hat und an welchem Tag genau?

Trotzdem: Die Frau, die heute behauptet, sie habe im Zusammenhang mit dem Oktoberfest-Attentat am 26. September 1980 eine merkwürdige Entdeckung gemacht, hat die Bundesanwaltschaft beeindruckt. So sehr, dass man in Karlsruhe beschloss, die Ermittlungen zum schlimmsten Terrorakt in der Geschichte der Bundesrepublik wieder aufzunehmen. Das Landeskriminalamt in München wurde jetzt beauftragt, nach weiteren Tätern zu suchen.

Denn nur ein Täter war immer bekannt: Gundolf Köhler, 21 Jahre, Student und Einzelgänger mit rechtsextremen Kontakten. Köhler hatte an jenem 26. September um 22.19 Uhr eine sehr komplexe, selbstgebaute Bombe in einen Abfalleimer am Haupteingang des Münchner Oktoberfestes gelegt. Der Sprengsatz ging sofort los, Köhler wurde zerrissen, mit ihm starben 13 Wiesn-Besucher qualvoll. 200 wurden zum Teil schwerst verletzt, sie verloren Gliedmaßen oder ihr Augenlicht.

Fotostrecke

7  Bilder
Oktoberfest-Attentat: Neue Ermittlungen nach 34 Jahren
Dass Staatsanwaltschaft, Verfassungsschutz und Polizei damals von Ermittlungen im extremistischen Umfeld Köhlers zu schnell abließen, dass Spuren nicht gesehen, Zeugen nicht geglaubt wurde und dass wichtige Asservate mit DNA-Spuren inzwischen vernichtet sind, darüber wurde in den vergangenen Jahrzehnten zuhauf berichtet. Aufgrund der zusammengetragenen Puzzleteile sind sich Politik und Öffentlichkeit seit vielen Jahren einig: Köhler konnte den Terroranschlag nicht allein vorbereitet und durchgeführt haben.

Doch weder Aussagen von Zeugen, die damals verdächtige Beobachtungen gemacht haben wollen, noch die vor vier Jahren freigegebenen Akten zu dem Anschlag brachten eine konkrete neue Spur.

Wer nie aufgab, war der Münchner Anwalt Werner Dietrich. Dietrich vertritt einige Opfer des Attentats. Ihm gelang es im Sommer, nochmals 28 Ordner zu sichten, die bislang beim LKA Bayern unter Verschluss lagerten. Darin fand er zumindest eine der Öffentlichkeit noch unbekannte Verbindung zu dem Rechtsradikalen Heinz Lembke aus Niedersachsen.

Offenbar gab es kurz nach dem Anschlag eine Zeugenaussage, Lembkes Waffen- und Sprengstoffarsenal hänge mit Köhlers Tat zusammen. Die Polizei fand bei Lembke jedoch nichts. Erst ein Jahr später entdeckte man im Wald nahe Lembkes Wohnung ein Waffenlager. Bei der Vernehmung nannte der Neonazi später weitere Verstecke von Waffen und Sprengstoff. Lembke wollte noch mehr aussagen. Am nächsten Morgen fand man ihn erhängt in seiner Zelle.

Range verspricht umfassende Ermittlungen

Die wichtigste Spur aber entdeckte Dietrich vor einigen Monaten nicht zwischen Aktendeckeln. Bei ihm meldete sich eine Theologin, die 1980 als Studentin in München Sprachkurse für Aussiedler gab. Einer ihrer Schüler war der Rechtsradikale Andreas W. Durch Zufall will sie im Spind von W. am Tag nach dem Bombenanschlag Flugblätter gesehen haben, auf denen Gundolf Köhler als Held verehrt wurde. Doch zu dem Zeitpunkt hatte die Polizei Köhlers Namen noch gar nicht bekannt gegeben.

Die Frau sagt, sie sei daraufhin zur Polizei gegangen. Doch dort habe man sie abgewimmelt. Dann schwieg sie 34 Jahre lang.

Doch dafür, deutete Anwalt Dietrich an, soll es einen überzeugenden Grund geben. Den aber darf vorerst niemand erfahren, da sonst die Identität der Zeugin erkennbar wäre. Die Ermittler wollen sie vor Angriffen Rechtsextremer schützen.

Die Bundesanwälte in Karlsruhe jedenfalls glauben der Frau offenbar. Die Schilderungen anderer Zeugen, die sich im September nach Berichten von SPIEGEL ONLINE gemeldet hatten und erklärten, sie hätten Köhler kurz vor der Explosion im Streit mit weiteren jungen Männern beobachtet, brachten die Ermittler nicht weiter.

Generalbundesanwalt Harald Range sagte am Donnerstagmittag, man werde die Ermittlungen nicht auf die neue Zeugin und deren Angaben beschränken. "Vielmehr werden wir allen Ansatzpunkten zur Aufklärung der Hintergründe des heimtückischen Mordanschlags erneut und umfassend nachgehen."

Den Aufenthaltsort von Andreas W. haben die Fahnder inzwischen herausbekommen.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: