Mordserie in Niedersachsen Krankenpfleger Niels Högel soll 106 Menschen umgebracht haben

Der ehemalige Krankenpfleger Niels Högel sitzt in Haft, weil er in Kliniken Patienten tötete. Die Ermittler gehen inzwischen davon aus, dass er mehr als hundert Menschen umgebracht hat.

Niels Högel (im Februar 2015)
DPA

Niels Högel (im Februar 2015)


Im Fall der Mordserie des ehemaligen Krankenpflegers Niels Högel aus Niedersachsen gehen die Ermittler inzwischen von 106 Toten aus. Dies teilten Polizei und Staatsanwaltschaft nach dem Abschluss weiterer toxikologischer Untersuchungen in Oldenburg mit. Es hätten sich dadurch 16 weitere Verdachtsfälle ergeben. Zuvor waren die Ermittler von 90 Taten ausgegangen.

Die Ermittler rechnen dem bereits wegen sechs Verbrechen zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilten Högel nach eigenen Angaben nunmehr 62 Sterbefälle im Klinikum Delmenhorst sowie 38 Taten am Klinikum Oldenburg zu. Bei fünf von diesen müssten aber noch ergänzende Untersuchungen erfolgen, weil die Betroffenen damals auch medizinisch indizierte Medikamente bekamen, schränkten sie ein. Wann die Ergebnisse dazu vorlägen, sei derzeit noch unklar.

Högel hatte Intensivpatienten eigenmächtig verschiedene Medikamente verabreicht, um Herz-Kreislauf-Stillstände auszulösen und sie anschließend wiederzubeleben. Damit wollte er sich vor Kollegen als heldenhafter Retter beweisen. Viele der Kranken überlebten das nicht. Seine Taten beging er zwischen 2000 und 2005 (Lesen Sie hier den SPIEGEL-Artikel "Mein Kollege, der Mörder" über Niels Högel). Die Staatsanwaltschaft will wegen der neuen Fälle voraussichtlich Anfang kommenden Jahres Anklage erheben.

Chronologie
August 2017
Niels Högel hat nach neuen Angaben der Ermittler 84 weitere Menschen auf dem Gewissen. Die Zahl der Todesfälle liege vermutlich sogar weit höher; viele Patienten seien jedoch eingeäschert worden und können nicht mehr untersucht werden.
Juni 2016
Ermittler geben bekannt, dass Niels Högel für Dutzende Todesfälle am Klinikum Delmenhorst verantwortlich ist. Högel gestand bei der Polizei, auch am Klinikum Oldenburg Patienten getötet zu haben.
Februar 2015
Das Landgericht Oldenburg verurteilt Niels Högel wegen zweifachen Mordes, zweifachen Mordversuchs und gefährlicher Körperverletzung an Patienten in Delmenhorst zu lebenslanger Haft.
Januar 2015
Niels Högel gesteht vor Gericht etwa 90 Taten. Bis zu 30 Patienten sollen gestorben sein.
November 2014
Eine Sonderkommission der Polizei ermittelt. Sie geht inzwischen mehr als 200 Verdachtsfällen nach.
Januar 2014
Die Staatsanwaltschaft erhebt erneut Anklage gegen den Mann, der Prozess beginnt im September.
Juni 2008
Im Revisionsprozess verurteilt das Landgericht Oldenburg den Mann zu siebeneinhalb Jahren Haft wegen Mordversuchs.
2006
Das Landgericht Oldenburg verurteilt Niels Högel wegen versuchten Totschlags zu fünf Jahren Haft. Der Bundesgerichtshof kippt das Urteil.
Juni 2005
Eine Krankenschwester ertappt den Mann im Klinikum Delmenhorst auf frischer Tat, als er einem Patienten ein Mittel verabreichen will, das dieser gar nicht bekommen soll.
2003-2005
Der Pfleger arbeitet auf der Intensivstation im Klinikum Delmenhorst.
1999-2002
Niels Högel arbeitet im Klinikum Oldenburg.

Der ehemalige Pfleger wurde in zwei Prozessen bereits wegen sechs Morden verurteilt und verbüßt eine lebenslange Haftstrafe. Wegen eines überraschenden Geständnisses in einem der Verfahren wurden die Ermittlungen zu seinem Fall anschließend noch einmal massiv ausgeweitet. Eine Sonderkommission aus Staatsanwaltschaft und Polizei exhumierte mehr als 130 frühere Patienten und ließ akribisch sämtliche Sterbefälle an seinen Arbeitsstätten prüfen.

Fest steht nach Ansicht der Ermittler, dass ein großer Teil der Morde hätte verhindert werden können. Schon am Klinikum Oldenburg gab es eine Statistik, die zeigte, dass während der Schichten von Niels Högel die Sterberate und die Zahl der Reanimationen stieg.

Serienmord eines Krankenpflegers

Das Klinikum Oldenburg trennte sich von dem verdächtigen Pfleger und stellte ihm sogar ein gutes Arbeitszeugnis aus. Eine Warnung an das Klinikum Delmenhorst blieb aus. Auch dort gab es bald Gerüchte, weil auffällig viele Patienten während der Schichten von Högel starben. Später lagen auch Beweise vor: Zwei frühere Oberärzte und der Stationsleiter werden deshalb wegen Totschlags durch Unterlassen vor Gericht stehen.

Von einem großen Versagen hatte die Deutsche Stiftung Patientenschutz gesprochen. Tätern werde es in Krankenhäusern und Pflegeheimen immer noch zu leicht gemacht. In vielen der bundesweit 2000 Krankenhäusern seien die Kontrollmechanismen nicht verschärft worden.

wit/AFP/dpa

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