Lebenslang für Ex-Krankenpfleger Das Spiel mit dem Tod

Der Krankenpfleger Niels H. spielte mit dem Leben von Patienten, Menschen starben, weil er den Kick suchte. Dafür hat ihn das Landgericht Oldenburg zu lebenslanger Haft verurteilt. Abgeschlossen ist der Fall damit noch lange nicht.

Von , Oldenburg


Was lässt sich einem Menschen sagen, der als einer der größten Serienmörder in der deutschen Nachkriegsgeschichte gilt? Der wegen Mordes an zwei Menschen verurteilt wird und zugegeben hat, Dutzende weitere umgebracht zu haben? Der womöglich noch deutlich mehr Leben beendet hat?

"Das Verfahren hat uns an Grenzen geführt, teilweise auch darüber hinaus", sagte Sebastian Bührmann. Als Vorsitzender der Schwurgerichtskammer am Landgericht Oldenburg hat er den Prozess gegen Niels H. geleitet.

Der ehemalige Krankenpfleger forderte den Tod heraus. Der Einsatz war das Leben von Patienten der Kliniken, in denen H. arbeitete. "Diese Menschen waren Spielfiguren für Sie, in einem Spiel, bei dem nur Sie gewinnen und alle anderen verlieren konnten", sagte Bührmann. "Es war purer Zufall, wer überlebte und wer starb."

"Das Urteil, das ich mir erhofft habe"

Bührmanns Kammer hat H. wegen zweifachen Mordes, zweifachen versuchten Mordes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung und eines weiteren Falles gefährlicher Körperverletzung zu lebenslanger Haft verurteilt. Zudem erteilte das Gericht lebenslanges Berufsverbot und stellte die besondere Schwere der Schuld fest. Das Strafmaß entspricht dem Plädoyer von Staatsanwaltschaft und Nebenklage.

Die Nebenklägerin Kathrin Lohmann - ihre Mutter ist eines der Opfer - weinte nach dem Schuldspruch; Tränen der Erleichterung, die Anspannung fiel von ihr ab. "Das ist das Urteil, das ich mir erhofft habe."

Niels H. nahm den Schuldspruch regungslos hin, verfolgte Bührmanns Urteilsbegründung ebenso gefasst, fast resigniert, wie zuvor das Plädoyer seiner Verteidigerin Ulrike Baumann.

Die Anwältin vermochte in H.s Taten keine Morde und Mordversuche zu erkennen, sah im Gegensatz zum Gericht weder das Mordmerkmal der Heimtücke noch das der niederen Beweggründe als erfüllt an. Deshalb plädierte sie auf vollendeten Totschlag in zwei und gefährliche Körperverletzung in drei Fällen.

Ihr Mandant, sagte Baumann, habe nicht töten, sondern den Tod besiegen wollen. Umgebracht habe H. Menschen nur, wenn er die Opfer nicht mehr als Individuen gesehen habe. Das deckt sich mit der Einschätzung des Gutachters Konstantin Karyofilis. Der hatte berichtet, H. habe die Menschen nicht mehr als solche wahrgenommen und einen Kick verspürt, wenn er Patienten wiederbeleben konnte.

Klinik Oldenburg vermutet weitere Taten

H.s Handlungsmuster: Er spritzte Patienten 30 bis 40 Milliliter Gilurytmal, Wirkstoff Ajmalin. In einer Überdosis kann das Mittel lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen, Kammerflimmern und Blutdruckabfall verursachen. Wenn sich der Zustand eines Patienten verschlechterte, reanimierte H.

Der Mann, der sterbende Menschen zurück ins Leben holt - so sah H. sich, bei Kollegen hatte er den Spitznamen "Rettungs-Rambo". Baumann sagte, ihr Mandant empfinde Scham und Ekel für sein damaliges Verhalten.

Das erstreckt sich auf weit mehr als nur die fünf Taten, um die es im Prozess ging - das macht die wohl einzigartige Dimension des Falles aus. Im Gespräch mit Karyofilis hatte H. 85 weitere Taten zugegeben, in etwa 30 Fällen sollen die Patienten gestorben sein. "Sie haben vieles eingeräumt", sagte Bührmann. "Ich hoffe, alles."

Gelegenheit zu töten hatte H. reichlich. Er arbeitete erst in Wilhelmshaven, dann in Oldenburg und danach in Delmenhorst. H. will nur an seiner dritten Station Patienten umgebracht haben. Das Gericht hat laut Bührmann keinen Anhaltspunkt, H. nicht zu glauben. Doch die Klinik in Oldenburg geht davon aus, dass H. in mindestens zwölf Fällen für den Tod von Patienten verantwortlich sein könnte.

"Wie viele Jahre ist nichts passiert?"

Unter Verdacht war H. bereits 2005 geraten. Am 22. Juni bemerkte eine Krankenschwester Herzrhythmusstörungen bei dem Patienten Dieter M., dessen Zustand stabil gewesen war. H. war schon bei M. im Zimmer, als der Mann wiederbelebt werden musste. In einem Abfallbehälter fand die Schwester vier leere Ampullen Gilurytmal. M. überlebte, starb aber wenig später.

2006 wurde Niels H. im Fall M. wegen versuchten Totschlags zu fünf Jahren Haft und ebenso langem Berufsverbot verurteilt. Während der Prozess durch die Instanzen ging, blieb H. frei und arbeitete weiter. Erst 2009 ging H. ins Gefängnis. In seiner Haftzeit wurde er wegen der Taten angeklagt, für die er nun verurteilt wurde.

Dass H. so lange unbehelligt blieb und arbeiten konnte, bringt die beteiligten Kliniken und vor allem die Staatsanwaltschaft in Erklärungsnot. "Wie viele Jahre hatten Leute Ihnen gegenüber ein schlechtes Gefühl, und wie viele Jahre ist nichts passiert?", fragte Richter Bührmann. In Oldenburg lobte man H. einfach weg, obwohl man äußerst misstrauisch geworden war. In Delmenhorst fiel niemandem der um ein Vielfaches gestiegene Gilurytmal-Verbrauch und die drastisch erhöhten Todeszahlen auf, H. konnte das Medikament ohne ärztliche Kontrolle bestellen.

Und die Ankläger müssen sich fragen lassen, warum sie Hinweisen aus dem ersten Verfahren gegen H. nicht nachgegangen sind. Ein Delmenhorster Arzt hatte gemeldet, bis zu hundert Leichen könnten auf H.s Konto gehen. Die Forderung Kathrin Lohmanns, Verstorbene zu exhumieren, um eine mögliche Täterschaft H.s festzustellen, wurden abgebügelt. Die Staatsanwälte sagten, das sei so teuer und außerdem sei H. doch schon wegen des Todes von Dieter M. verurteilt.

"Gescheitert an der Unfähigkeit, das Unglaubliche zu glauben"

Bührmann wandte sich explizit an die Nebenkläger: "Als Vertreter der Justiz bitte ich Sie um Entschuldigung." Eine schnellere Aufklärung sei "gescheitert an der Unfähigkeit, das Unglaubliche zu glauben".

Erst jetzt, unter der Federführung neuer Ermittler, sollen Leichen exhumiert werden. Die Sonderkommission "Kardio" untersucht seit November 2014 mit mehr als einem Dutzend Beamten alle Todesfälle aus H.s Dienstzeit in Delmenhorst und Oldenburg, allein in Delmenhorst geht es um 174 Patienten. Inzwischen wird gegen zwei damalige Dezernenten der Staatsanwaltschaft Oldenburg ermittelt, wegen Strafvereitelung im Amt. Ermittlungen laufen auch gegen acht Klinikmitarbeiter.

Auch wenn H. schon die Höchststrafe erhalten hat, ist die Staatsanwaltschaft verpflichtet, weiteren Verdachtsfällen nachzugehen. Die Hinterbliebenen haben ein Recht darauf zu erfahren, ob ihre Angehörigen aus natürlichen Gründen oder wegen der Profilierungs- und Geltungssucht eines Krankenpflegers starben.

Es ist davon auszugehen, dass der Fall Niels H. mit dem Urteil längst nicht abgeschlossen ist. Anwältin Baumann sagte, sie werde ziemlich sicher wieder vor Gericht an H.s Seite sitzen. Und Richter Bührmann meinte: "Herr H., wir werden uns wiedersehen."

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