Messerangriff auf Wildpinkler Das Opfer weint, der Angeklagte schweigt

Nach der Attacke auf einen Wildpinkler in Oldenburg steht ein 30-Jähriger wegen versuchten Totschlags vor Gericht. Mit einem Messer griff er einen Schüler an. Der leidet bis heute unter den Folgen der Tat.

Der Angeklagte mit seinem Anwalt
DPA

Der Angeklagte mit seinem Anwalt


Anfang März pinkelte ein Jugendlicher in der Oldenburger Innenstadt gegen eine Hecke. Darüber soll sich ein Mann nach Ansicht der Staatsanwaltschaft so sehr geärgert haben, dass er ihm ein Messer in den Rücken rammte. Der 17-Jährige kam lebensgefährlich verletzt ins Krankenhaus. Jetzt muss sich der 30-Jährige wegen versuchten Totschlags vor dem Landgericht im niedersächsischen Oldenburg verantworten.

Seit seiner Festnahme im Frühjahr sitzt er in Untersuchungshaft. Am ersten Prozesstag schwieg der Angeklagte zu den Vorwürfen.

Am Abend des Angriffs wollte der Jugendliche mit zwei Freunden in der Innenstadt feiern gehen. Fünf bis sechs Bier hatte jeder von ihnen getrunken, wie der heute 18-Jährige vor Gericht aussagt. Weinend schildert er, was damals geschah. Immer wieder versagt ihm dabei die Stimme: Vor dem Lokal stand eine lange Schlange, und die Blasen der drei drückten. Also gingen sie zu einem Parkplatz in der Nähe, um dort an eine Hecke zu urinieren.

Auf den Streit folgte der Angriff

"Der Angeklagte nahm daran Anstoß", sagt Staatsanwältin Weiß. Das habe er lautstark kundgetan, es sei zum Streit gekommen. Dann habe er den Jugendlichen angegriffen - ihm zielgerichtet und kraftvoll in den Rücken gestochen, sagt Weiß.

Dass Wildpinkler den Zorn von Passanten oder Anwohnern auf sich ziehen, kommt immer wieder vor. Im Sommer bedrohte ein 39-Jähriger in Hamburg einen Mann, der sich an einem Baum erleichtert hatte, mit einer Schreckschusswaffe und feuerte zweimal auf den Boden.

Oft sei Alkohol im Spiel. Und gewalttätigen Auseinandersetzungen gingen Wortgefechte voraus, sagt Thomas Bliesener, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen in Hannover. "Da gibt es eine besondere Dynamik, so dass sich das hochschaukelt. Der eine fühlt sich ertappt, der andere in besonderer Weise angegriffen." Wildpinkler seien zudem leichte Opfer, sagt der Bremer Profiler Axel Petermann. "Sie stehen da mit geöffneter Hose, urinieren und zeigen dabei wohl regelmäßig den Tätern ihren Rücken."

Schüler lag mehrere Wochen im Wachkoma

So war es auch in Oldenburg. Der Jugendliche versuchte noch, wegzurennen. "Die Hose war noch offen", sagt er vor Gericht. Doch der Angreifer war schneller. "Auf einmal wurde es warm an der Seite", so der 18-Jährige. "Ich habe hingefasst, die Hand war voller Blut." Drei Monate lag der Schüler im Krankenhaus, mehrere Wochen im Wachkoma.

Noch heute sind die Druckstellen der Atemmaske im Gesicht zu sehen. Der Messerstich und die Operationen haben große Narben am Oberkörper hinterlassen. Noch mehr leide er aber unter den psychischen Folgen, sagt er. Abends traue er sich nicht mehr allein nach draußen.

Der Angeklagte folgt interessiert, aber scheinbar ungerührt. Auf einem Blatt vor sich macht er Notizen, blättert in einem Aktenordner. Ob er was zur Sache sagen wolle, fragt ihn der Vorsitzende Richter. "Heute nicht", sagt der 30-Jährige. Der Prozess wird fortgesetzt.

sen/dpa



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