Zwangsprostitution Bezahlte Liebe

Immer die gleiche Masche: Er verspricht ihr die große Liebe, sie geht für ihn auf den Strich. Der Fall Jenny M. vor dem Landgericht Oldenburg zeigt, wie skrupellos Männer vorgehen, die Frauen dazu zwingen, sich zu prostituieren.

Ziad D. im Landgericht Oldenburg: Verurteilt zu vier Jahren und sechs Monaten Haft
Jörg Sarbach

Ziad D. im Landgericht Oldenburg: Verurteilt zu vier Jahren und sechs Monaten Haft


Der Mann, für den Jenny M. ihren Körper verkaufte, lacht. Er lacht über sie, die Frau, die fünf, sechs Freier an einem Tag bediente, damit er sich von dem Hurenlohn ein schönes Leben machen konnte. Ziad D. sitzt in Saal 1 des Landgerichts Oldenburg und lacht, wie Jenny M. mit ihren Worten versucht, ihre Version der Geschichte zu erzählen.

Ziad D., 28, aus Wilhelmshaven ist angeklagt wegen Menschenhandels zum Zweck der sexuellen Ausbeutung und Zuhälterei. Im Klartext: wegen Zwangsprostitution. Ein Fall, wie es ihn zuhauf gibt vor deutschen Gerichten, mit der immer gleichen Masche. Ein Fall, der aufzeigt, wie skrupellos die Männer agieren und wie gleichgültig ihnen das Leben anderer ist.

Ziad D. ist kein Zuhälter-Typ mit Stiernacken, Muskelpaketen, Tattoos. Er hat dichte, dunkle Haare, einen Vollbart, ein Mann von schmächtiger Statur. Er kam im Alter von drei Jahren aus dem Libanon nach Deutschland, er spricht einwandfrei Deutsch. Zuletzt arbeitete er in einer Fischfabrik, verdiente 1000 Euro im Monat. Er wollte mehr Geld, mehr vom Leben, mit möglichst geringem Aufwand und ohne Rücksicht auf andere.

"Sie hat alles getan, was ich von ihr wollte"

Als die Staatsanwältin aufsteht, die Anklage verliest, lacht Ziad D. noch nicht. Er soll Jenny M. die große Liebe vorgegaukelt und ihr die Ehe versprochen haben, mit nur einem Ziel: "Er wollte sich auf Kosten der Geschädigten sein Leben finanzieren", sagt die Staatsanwältin. Er soll Jenny M. mit Gewalt zur Prostitution gezwungen haben, mit fast täglichen Faustschlägen, ihren Kopf gegen eine Heizung gewuchtet, sie heftig gewürgt haben.

Ziad D. blickt auf den Tisch vor sich, spielt mit dem auffallend großen Goldring an seinem linken Mittelfinger. Er will gestehen, sagt er. Die Vorsitzende Richterin Judith Blohm ist erstaunt.

Ziad D. erzählt, wie er Jenny M. im Sommer 2012 kennenlernte, sie habe Schulden gehabt und darüber nachgedacht, der Prostitution nachzugehen. Sein Kumpel Ali habe vorgeschlagen, Jenny könne in Bremen anschaffen gehen. "Ich dachte, sie gehe freiwillig mit", sagt Ziad D. vor Gericht. Zwischen ihm und Jenny sei "alles in Ordnung" gewesen. Doch dann habe er immer öfter nach Bremen fahren und sie motivieren müssen. Ali habe dann gesagt, "wenn das mit Jenny nicht besser" werde, müsse er, Ziad, "dafür geradestehen".

Richterin Blohm unterbricht sein Geständnis. Sie erinnert den Angeklagten daran, worum es in diesem Hauptverfahren geht: "Salopp gesagt steht der Vorwurf der Zwangsprostitution im Raum. Das setzt einen Zwang voraus." Ziad D.s Schilderungen seien davon "weit entfernt". Ziad D. berät sich mit seinem Verteidiger.

Nach der Pause räumt Ziad D. die Vorwürfe ein, erst schleppend, auf Nachfragen der Richterin umfassend. Er gibt zu, Jenny eine Beziehung vorgetäuscht zu haben, damit sie sich an fremde Männer verkauft. "Sie hat alles getan, was ich von ihr wollte", sagt er. Wenn nicht, habe er sie bedroht, geschlagen, ihr Angst eingejagt. Er habe sie gewürgt, mit einem Messer verletzt. Oft sei es zwischen ihnen eskaliert, weil Jenny sich geweigert habe, auf den Strich zu gehen. Er habe sie erpresst: Entweder sie geht anschaffen oder er verlässt sie. Von Heirat war die Rede. Abkassiert habe immer er, manchmal Ali.

"Wenn sie gearbeitet hat, war ich nicht dabei"

Ob Jenny überhaupt etwas von dem Geld gesehen habe, will Richterin Blohm wissen. "Wenn wir zusammen waren, dann ja, dann ließen wir es uns gut gehen, gingen shoppen und so", sagt Ziad D. Sie habe sich die Haare und die Nägel machen dürfen, für sich, aber mehr noch für die Freier. Je nach Laune gab es auch Kokain. Ob er mal daran gedacht habe, dass Jenny Drogen genommen habe, um die Situation, ihre unerträgliche Arbeit, zu ertragen, fragt Blohm. Keine Antwort. Ob Jenny Drogen genommen habe, wenn sie gearbeitet habe, will die Staatsanwältin wissen. "Wenn sie gearbeitet hat, war ich nicht dabei", sagt Ziad D.

Ziad D.s Geständnis ist ganz offensichtlich darauf ausgerichtet, sich strafmildernd auf das Urteil auszuwirken. Was er Jenny M. angetan, ihr abverlangt und zugemutet hat, interessiert Ziad D. nicht. "Warum ist sie wieder und wieder anschaffen gegangen, obwohl sie nicht wollte?", fragt die Vorsitzende. "Weil sie wusste, dass ich das Geld brauche, und auch wegen der Hochzeit", sagt er. Richterin Blohm: "Weil sie also noch immer glaubte, Sie würden sie heiraten?" Ziad D. bejaht.

Tatsächlich war Ziad D. längst mit einer anderen Frau liiert. Sie steht vor dem Saal, wartet darauf, wenigstens einen kurzen Blick auf ihren Freund zu erhaschen, wenn er nach der Verhandlung wieder in Handschellen abgeführt wird. Eine aufgedonnerte Person in einem figurbetonten Aufzug. Das komplette Gegenteil von Jenny M.

Ziad D. muss schon grinsen, als Jenny M. den Saal betritt. Sie wirkt unsicher. Eine Frau von 27 Jahren, die von Hartz IV und der Unterstützung ihrer Eltern lebt. Eine Frau, die in der Insolvenz ist, wegen Mietschulden und weil ein Ex-Freund auf ihren Namen eine Playstation bestellt und nicht bezahlt hat.

"Das war ein Scheißgefühl"

Ihre Version der Geschichte belegt, dass es für solche Fälle wie diesen keine zerrütteten Familienverhältnisse braucht, keine Drogenvergangenheit. Es reichen grenzenlose Naivität, eine gewisse Perspektivlosigkeit und eine selbst konstruierte Haltlosigkeit, damit sich Frauen wie Jenny Männern wie Ziad D. unterwerfen. Männern, die sie selbst dann auslachen, wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht. Männern, denen sie dann bald nicht mehr entkommen, die sie nicht mehr entkommen lassen, und sei es mit Gewalt.

"Niemals" habe sie daran gedacht, mit Prostitution ihr Geld zu verdienen, sagt Jenny M. Sie habe damals ein paar Sachen zusammengepackt, sich schön gemacht, so wie Ziad es ihr aufgetragen habe, und sei mit Ali und dessen Freundin Tanja nach Bremen gefahren. Aber was sie dort erwartet, habe sie nicht gewusst. Sie habe auch nicht gefragt.

Als sie realisiert habe, wo sie gelandet sei, sei sie "baff" gewesen. Ziad D. lacht lautlos. "Das war ein Scheißgefühl", sagt Jenny M. Sie habe nicht mit Fremden schlafen wollen, sie habe nichts von dem Geld gesehen, das ihr die Freier gaben. Ihre Angst vor Ziad, der sie fast täglich geboxt und geschlagen habe, sei immer größer geworden. Kokain habe sie genommen, wenn "es mir zu viel wurde, ich habe dann nichts mehr gemerkt".

Die 4. große Strafkammer des Landgerichts Oldenburg verurteilte Ziad D. am Dienstag zu vier Jahren und sechs Monaten Haft. Jenny M. lebt wieder bei ihren Eltern, sie ist im vergangenen Jahr Mutter geworden. Der Vater des Kindes ist Ziad D.s Bruder. Ein Paar sind auch sie nicht mehr.

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