Angeklagter im "Oldschool Society"-Prozess Mercedes, knapp 600 PS, Krokoleder

Andreas H. steht als mutmaßlicher Kopf der rechtsterroristischen Vereinigung "Oldschool Society" vor Gericht. Nun erzählte er aus seinem Leben. Ist er Täter oder Schwätzer?

Angeklagter Markus W. (Ende April vor Gericht)
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Angeklagter Markus W. (Ende April vor Gericht)

Von Wiebke Ramm, München


Andreas H. hat einen Hang zur Großspurigkeit. Fast zwei Stunden lang schildert der 57-jährige ungelernte Maler vor dem Oberlandesgericht München sein Leben in den schillerndsten Farben.

Er prahlt mit Erfolgen bei Frauen ("Ich bin schon ein hübscher Kerl gewesen, die Weiber sind auf mich geflogen."), einem angeblich herausragenden Malertalent ("Ich war sowieso der Hammermaler.") und einer "Maisonettewohnung" in bester Augsburger Lage mit "300 Quadratmeter Garten" und "Doppelgarage".

Es ist ein Leben im Superlativ, das Andreas H. dem Vorsitzenden Richter Reinhold Baier schildert. Durchschnittlich ist in seiner Darstellung nichts. Einmal kam er wegen einer Lungenkrankheit ins Krankenhaus. Wie ernst es damals wirklich war, bleibt unklar. In seiner Erzählung hat er "im Sterben gelegen".

Andreas H. redet munter drauf los, scheint nur allzu gern bereit, über sich und sein Leben zu sprechen. Und seine Neigung zum Protzen könnte seiner Verteidigung durchaus dienlich sein.

Schwätzer oder Täter?

Andreas H. und drei Mitangeklagten wird vorgeworfen, die rechtsterroristische Vereinigung "Oldschool Society" gebildet und im Mai 2015 einen Sprengstoffanschlag auf ein Flüchtlingsheim im sächsischen Borna geplant zu haben. Laut Bundesanwaltschaft soll Andreas H. als "Präsident" der mutmaßlichen Neonazi-Terrorzelle maßgeblich dafür verantwortlich sein, dass sich die Gruppe in rasanter Geschwindigkeit radikalisiert habe. Ungewöhnlich ist, dass die mutmaßlichen Terroristen vorwiegend virtuell, über Chats, miteinander kommunizierten und sich nur einmal trafen. Vor ihrem zweiten Treffen wurden sie festgenommen.

Die Frage, die sich nach dem zweiten Verhandlungstag stellt, lautet: Ist Andreas H. nur ein Schwätzer oder auch ein Täter?

Über den Anklagevorwurf spricht Andreas H. an diesem Tag nicht. Es geht um seinen persönlichen Werdegang. Ob er sich am Dienstag zur Sache einlässt, bleibt am Montag offen. Stattdessen berichtet er ausführlich von seinem ganzen Stolz: einem getunten Mercedes, "knapp 600 PS", mit Krokoleder innen und außen, einem Reichsadler und den Initialen AH verziert. Dass AH nicht nur Andreas H., sondern auch Adolf Hitler bedeuten könnte, auf die Idee sei er gar nicht gekommen. "Darüber habe ich noch nie nachgedacht", sagt H.

Ladendiebstähle und ein Sozialleben im Internet

Auch die "SS-Mütze", die er in seinem Büro aufbewahrt habe, habe keine politische Bedeutung. "Ich bin kein Nazi und werde nie einer sein", sagt er. Die Mütze habe ihm einfach gefallen. Genauso wie die Waffen, die er auch sammele und mit denen er seine Wohnung dekoriert habe. Warum er Hitlers "Mein Kampf" besitzt, erklärt er nicht. Er sagt nur, dass es sich um "die Hochzeitsausgabe" handele, die "sehr, sehr, sehr teuer" sei. "Ich habe mal versucht, sie zu lesen. Ist aber sehr, sehr schwer. Versteht man nicht."

Womit Andreas H. sein Leben finanzieren konnte, bleibt sein Geheimnis. In der Darstellung des Angeklagten liefen die Geschäfte seiner Malerfirma geradezu bombastisch. In der Realität seiner Kontoauszüge stellt sich das anders dar. Auf die Differenz hingewiesen, holt Andreas H. zu weit schweifenden Erklärungen aus. Sein Verteidiger unterbricht ihn und unterbindet weitere Nachfragen.

Ungern berichtet H. über "den ersten Teil seines Lebens", wie er sagt. Er meint damit seine Kindheit und Jugend und mehrere Gefängnisaufenthalte. Nach der Scheidung der Eltern sei er mit etwa sechs Jahren zu Verwandten nach Hannover gekommen. Als sein Vater erneut heiratete, holte er den Sohn gegen dessen Willen zurück. In Mühlheim habe er eine Metzgerlehre machen müssen, obwohl er Dekorateur werden wollte.

Vor Ende der Lehre sei er wieder nach Hannover geschickt worden. "Dann ging es schon los", sagt H. Mit 16 Jahren habe er mit anderen Autos geklaut, Ladendiebstähle seien hinzugekommen. Mitte der Neunzigerjahre sei er für fünf Jahre ins Gefängnis gekommen. Es war nicht das erste Mal. Nach der bisher letzten Freiheitsstrafe habe er seine Firma aufgebaut.

"Ihre sozialen Kontakte im Internet, war das Ihr Sozialleben?", fragt eine Beisitzende Richterin. "Ja", sagt Andreas H., "das war mein Sozialleben." Zu diesem Sozialleben gehört Denise G., die mit ihm auf der Anklagebank sitzt. Ein Leben in Superlativen hat sie nicht zu bieten. Alkohol, Gewalt, Drogen, Suizidversuche - davon berichtet die 23-Jährige am Montag vor Gericht.

Crystal Meth, Heroin und Alkohol in Massen

Denise G. ist im sächsischen Freital aufgewachsen. In der achten Klasse bricht sie die Schule ab. Im Alter von 14 Jahren sei sie von zu Hause ausgezogen, hat "mal hier, mal da" geschlafen. Dann kamen die Drogen. Mit 15 Jahren habe sie erstmals Crystal Meth konsumiert, später auch Heroin gespritzt. Zwischendurch Alkohol, "nicht in Maßen, in Massen", sagt sie.

Mit 18 Jahren bekommt Denise G. ihr erstes Kind, einen Sohn. Sie verliert das Sorgerecht, nachdem ihr Freund, der Vater des Kindes, den Jungen misshandelt haben soll. Mit 21 Jahren bekommt sie eine Tochter von einem anderen Mann. Die Beziehung mit dem Vater geht in die Brüche. Der Mann sei drogenabhängig gewesen, habe sie geschlagen und sitze derzeit im Maßregelvollzug. "Das war auch alles nicht so toll", sagt sie.

2011 kam Denise G. zweimal in die Psychiatrie. "Ich hatte ein paar Suizidversuche", sagt sie vor Gericht als Erklärung. Ein Psychiater habe bei ihr eine kombinierte Persönlichkeitsstörung diagnostiziert. Denise G. selbst gibt an, sich die Arme aufzuritzen. "Zum Stressabbau", wie sie sagt.

Die Richterin fragt Denise G., ob sie jemals Pläne für ihr Leben gehabt habe. "Na klar", sagt sie, sie habe den Realschulabschluss nachholen und Abitur machen wollen. "Ich weiß, dass ich nicht blöd bin."

"Und jetzt?", fragt die Richterin: Gibt es irgendwelche Vorstellungen für die Zukunft? "Na ja", sagt Denise G.: "Ich sitze im Knast, ich habe einen Terroristenstempel auf der Stirn, was soll ich da groß planen?"

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