Panorama

Anzeige

Missbrauchsprozess in den USA

Richter kippt Schuldspruch - wegen eines Hundes

Eine Jugendliche beschuldigt einen Mann des sexuellen Missbrauchs, er wird verurteilt. Nun kam er frei, weil das Mädchen vor Gericht gelogen hatte. Den Beweis dafür lieferte ein Hund.

AP/Lisa Christon

Hund Lucy

Dienstag, 11.09.2018   11:39 Uhr

Anzeige

Ein Mann aus den USA muss seine 50-jährige Gefängnisstrafe nicht absitzen, weil ein Hund noch am Leben ist. Joshua H. wurde im April 2017 im US-Bundesstaat Oregon wegen sexuellen Missbrauchs einer Minderjährigen verurteilt.

Während des Verfahrens sagte die Jugendliche unter Eid aus, H. habe gedroht, ihre Tiere zu töten, wenn sie zur Polizei gehe. Um zu zeigen, dass er es ernst meine, habe er ihren Hund Lucy vor ihren Augen erschossen. H. wurde zu 50 Jahren Haft verurteilt, die Entscheidung der Jury war nicht einstimmig.

Anzeige

Ein halbes Jahr später bat H. das Oregon Innocence Project um Hilfe. Die Organisation hat es sich zum Ziel gesetzt, Fehlurteile zu kippen und Opfern von Justizirrtümern zu helfen. H. sagte, er habe den Hund nicht erschossen. Das Tier lebend zu finden, würde beweisen, dass die Jugendliche unter Eid gelogen habe.

Staatsanwalt John Hummel erklärt sich bereit, mit dem Innocence Projekt zusammenzuarbeiten. Eine Freiwillige und ein Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft machten sich auf die Suche nach dem schwarzen Labradormischling. Und tatsächlich fanden sie Lucy in der Stadt Gearhart nordwestlich von Portland.

"Lucy der Hund wurde nicht erschossen. Lucy der Hund ist wohlauf"

Anzeige

"Sie trank aus einer Schüssel und saß im Schatten unter einer Veranda. Wir haben mit ihr gespielt, sie gestreichelt. Es war wunderbar", sagte Lisa Christon, die freiwillige Mitarbeiterin des Innocence Project.

Dass es sich bei dem Hund um Lucy handelt, steht außer Zweifel. Ermittler sprachen mit allen zwischenzeitlichen Besitzern; zudem wurde der Hund anhand von Fotos identifiziert. "Sie sieht besonders aus, weil sie nicht reinrassig ist. Sie hat diese süße Kopfform und sehr lange Ohren", sagte Christon.

"Lucy der Hund wurde nicht erschossen. Lucy der Hund ist wohlauf", schrieb Staatsanwalt Hummel in einer Mitteilung. Damit ist klar, dass die Jugendliche in ihrer Aussage gelogen hat. Für die Staatsanwaltschaft ergeben sich daraus erhebliche Zweifel an der Zuverlässigkeit ihrer sonstigen Angaben.

Er wisse nicht, ob H. ein Sexualstraftäter sei, sagte Hummel. Aber er sei von der Täterschaft des Mannes auch nicht mehr überzeugt. Die neuen Informationen über den Hund machten deutlich, dass es nicht genug belastendes Material gebe, um H. zu verurteilen. Im Zweifel für den Angeklagten - dieser Argumentation folgte ein Richter am Montag und kippte den Schuldspruch.

Freigelassener spricht von einem Wunder

H. dankte in einer Mitteilung seiner Familie, Freunden, Staatsanwalt Hummel und dem Oregon Innocence Project. Die Organisation habe für ihn ein Wunder geschehen lassen. Zusammen mit seiner Frau werde er versuchen, wieder ins normale Leben zurückzufinden, sagte H.

Er war bereits am 3. August freigekommen. Ein Berufungsgericht hatte ein neues Verfahren angeordnet, weil die Verteidigung im ersten Prozess gewisse Beweise nicht hatte einbringen dürfen. Dabei ging es allerdings nicht um den Hund. Dass Lucy nun gefunden wurde, bedeutet aber, dass H. sich einem erneuten Verfahren nicht stellen muss.

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft äußerte sich die Jugendliche nicht zu ihrer offenkundigen Lüge. Hummel teilte mit, man habe der Aussage, der Hund sei erschossen worden, zunächst Glauben geschenkt, weil es keinen Grund gegeben habe, die Angaben anzuzweifeln.

ulz/AP

Weitere Artikel
Anzeige
© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH