Organspende-Skandal in Göttingen Verteidigung fordert Freispruch für Aiman O.

Hat der ehemalige Göttinger Chefarzt Aiman O. den Tod schwerkranker Menschen in Kauf genommen? Nein, sagt die Verteidigung - und fordert im Prozess um den Organspende-Skandal einen Freispruch.

Der angeklagte Arzt Aiman O. (2.v.r.): Verteidigung will Freispruch erreichen
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Der angeklagte Arzt Aiman O. (2.v.r.): Verteidigung will Freispruch erreichen


Im Prozess um den Organspende-Skandal in der Göttinger Universitätsmedizin hat der Verteidiger des angeklagten Chirurgen Aiman O. schwere Vorwürfe gegen die Staatsanwaltschaft erhoben. Die Ankläger hätten die Beweisaufnahme verzerrt dargestellt, sagte Anwalt Steffen Stern im Landgericht Göttingen - und forderte einen Freispruch für seinen Mandanten. Der frühere Leiter der Transplantationsmedizin habe sich in keiner Form schuldig gemacht.

Die Staatsanwaltschaft hatte für O. acht Jahre Haft und ein Berufsverbot gefordert. Sie hält den 47-Jährigen des versuchten Totschlags und der Körperverletzung mit Todesfolge für schuldig.

Der Arzt soll laut Anklage seinen Patienten mit manipulierten medizinischen Daten vorzeitig zu Spenderorganen verholfen haben. Damit habe er den Tod anderer schwer kranker Menschen in Kauf genommen. Aiman O. soll laut Anklage in drei Fällen auch Spenderlebern jeweils ohne ausreichenden medizinischen Grund übertragen haben. Die betroffenen Patienten starben später.

Verteidigung weist Vorwürfe zurück

Mit ihrer Forderung habe die Staatsanwaltschaft die Bodenhaftung verloren, sagte Verteidiger Stern. Es gebe nach wie vor keine rechtliche Grundlage für die Anklage: Alle Behandlungen seien medizinisch erforderlich gewesen, persönliche Manipulationen durch den Arzt seien nicht belegt. Hier werde einem Mediziner der Prozess gemacht, der seinem Gewissen folgend lebensbedrohlich erkrankten Menschen geholfen habe.

Deutliche Kritik äußerte die Verteidigung zudem an den Richtlinien der Bundesärztekammer für eine Lebertransplantation. Diese seien mit dem Grundgesetz nicht vereinbar. Insbesondere zögen sie Nicht-Alkoholiker alkoholkranken Patienten vor. Letztere sterben zu lassen, widerspreche aber dem ärztlichen Eid. Nach den Richtlinien könne im Extremfall ein Organ sogar ungenutzt verfallen, wenn es nur für einen alkoholkranken Patienten verwendbar, dieser aber noch keine sechs Monate trocken sei.

Das Urteil im Prozess gegen O. soll am 6. Mai verkündet werden. Das aufwendige Strafverfahren mit mehr als 60 Verhandlungstagen hatte bereits im August 2013 begonnen. Die Manipulationen bei Organspenden waren 2012 ans Licht gekommen. An verschiedenen Standorten hatten Ärzte Patientenunterlagen gefälscht, zunächst waren Fälle im Göttinger Uniklinikum bekannt geworden, dann auch in Regensburg, München und Leipzig.

Anm. d. Red:
Das Urteil des Landgericht Göttingen, das O. im Jahr 2015 vom Vorwurf des versuchten Totschlags in elf Fällen sowie vom Vorwurf der Körperverletztung mit Todesfolge in drei Fällen freigesprochen hatte, ist vom Bundesgerichtshof mit Urteil vom 28. Juni 2017 bestätigt worden. Der Freispruch ist damit rechtskräftig.

wit/dpa/AFP

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