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11. Januar 2013, 16:24 Uhr

Organspendeskandal

Göttinger Transplantationsarzt muss in U-Haft

Der Skandal um falsche Krankendaten im Göttinger Uni-Klinikum hat Folgen für den früheren Leiter der Transplantationschirurgie. Der Mediziner soll seine Patienten auf der Vergabeliste für Spenderorgane nach oben manipuliert haben. Nun sitzt er wegen Verdachts auf versuchten Totschlag in U-Haft.

Braunschweig - Das Amtsgericht Braunschweig hat Haftbefehl gegen den früheren leitenden Transplantationsmediziner der Göttinger Universitätsmedizin erlassen. Der Arzt sei am Freitag festgenommen und dem Haftrichter vorgeführt worden, teilte die Staatsanwaltschaft Braunschweig mit. Nun sitzt er in Untersuchungshaft. Der 45-Jährige soll auch am Uni-Klinikum Regensburg Manipulationen begangen haben. Er ist der erste Arzt in einer Reihe von aktuellen Organspendeskandalen, der strafrechtlich belangt wird.

Dem Mediziner werden laut Staatsanwaltschaft in einem Fall Körperverletzung mit Todesfolge sowie versuchter Totschlag in neun Fällen vorgeworfen. Er soll falsche Gesundheitsdaten seiner Patienten an die Vergabe-Organisation Eurotransplant gemeldet haben, so dass sie bevorzugt Spenderorgane erhielten. Andere schwerstkranke Patienten hätten deswegen keine Spenderorgane bekommen und seien deshalb möglicherweise verstorben. Dies habe der Arzt zumindest billigend in Kauf genommen, so der Vorwurf.

Ferner bestehe der dringende Verdacht, dass der Beschuldigte an einer hinsichtlich der Leberwerte stabilen Patientin eine nicht erforderliche Lebertransplantation vorgenommen hat, heißt es in einer Mitteilung der Staatsanwaltschaft. Aufgrund einer bekannten Vorerkrankung sei es zu einer drastischen Verschlechterung des Gesundheitszustandes der Patientin gekommen, die schließlich an den Folgen der Transplantation verstarb.

Der Organspendeskandal in Göttingen war im Sommer vergangenen Jahres aufgedeckt worden. 2012 wurden zudem mehrere weitere Transplantationsskandale bekannt. Es gab auch Unregelmäßigkeiten in Leipzig, in Regensburg und in München am Klinikum Rechts der Isar. Gleichzeitig trat das neue Transplantationsgesetz in Kraft, das bei den Bürgern eigentlich mehr Vertrauen in die Organspende schaffen und so die Zahl der Spender erhöhen sollte.

Das Amtsgericht in Braunschweig sendet mit dem Haftbefehl ein überraschend deutliches Signal aus. Am Freitag hatten sich die ermittelnden Staatsanwaltschaften in München und Regensburg noch zögerlich gegenüber der Berliner "Tageszeitung" ("taz") geäußert: "Wir gehen davon aus, dass die Datenveränderungen per se nicht strafbar sind", sagte der Münchner Oberstaatsanwaltschaft Thomas Steinkraus-Koch. Er und sein Kollege aus Regensburg, der diese Einschätzung teilte, dämpften damit Erwartungen, das ärztliche Fehlverhalten könne strafrechtlich geahndet werden.

Wolfhard Meindl, Sprecher der Regensburger Strafverfolgungsbehörde, hielt es der "taz" gegenüber für wahrscheinlicher, dass die falschen Angaben über vermeintlich erfolgte Dialysen schlussendlich als Ordnungswidrigkeiten verbucht würden. Steinkraus-Koch sprach gar von einer "Strafbarkeitslücke".

wit/cib/dpa

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