Organspendeskandal: Göttinger Transplantationsarzt muss in U-Haft

Der Skandal um falsche Krankendaten im Göttinger Uni-Klinikum hat Folgen für den früheren Leiter der Transplantationschirurgie. Der Mediziner soll seine Patienten auf der Vergabeliste für Spenderorgane nach oben manipuliert haben. Nun sitzt er wegen Verdachts auf versuchten Totschlag in U-Haft.

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Universitätsmedizin Göttingen: Festnahme in Organspendeskandal

Braunschweig - Das Amtsgericht Braunschweig hat Haftbefehl gegen den früheren leitenden Transplantationsmediziner der Göttinger Universitätsmedizin erlassen. Der Arzt sei am Freitag festgenommen und dem Haftrichter vorgeführt worden, teilte die Staatsanwaltschaft Braunschweig mit. Nun sitzt er in Untersuchungshaft. Der 45-Jährige soll auch am Uni-Klinikum Regensburg Manipulationen begangen haben. Er ist der erste Arzt in einer Reihe von aktuellen Organspendeskandalen, der strafrechtlich belangt wird.

Dem Mediziner werden laut Staatsanwaltschaft in einem Fall Körperverletzung mit Todesfolge sowie versuchter Totschlag in neun Fällen vorgeworfen. Er soll falsche Gesundheitsdaten seiner Patienten an die Vergabe-Organisation Eurotransplant gemeldet haben, so dass sie bevorzugt Spenderorgane erhielten. Andere schwerstkranke Patienten hätten deswegen keine Spenderorgane bekommen und seien deshalb möglicherweise verstorben. Dies habe der Arzt zumindest billigend in Kauf genommen, so der Vorwurf.

Ferner bestehe der dringende Verdacht, dass der Beschuldigte an einer hinsichtlich der Leberwerte stabilen Patientin eine nicht erforderliche Lebertransplantation vorgenommen hat, heißt es in einer Mitteilung der Staatsanwaltschaft. Aufgrund einer bekannten Vorerkrankung sei es zu einer drastischen Verschlechterung des Gesundheitszustandes der Patientin gekommen, die schließlich an den Folgen der Transplantation verstarb.

Der Organspendeskandal in Göttingen war im Sommer vergangenen Jahres aufgedeckt worden. 2012 wurden zudem mehrere weitere Transplantationsskandale bekannt. Es gab auch Unregelmäßigkeiten in Leipzig, in Regensburg und in München am Klinikum Rechts der Isar. Gleichzeitig trat das neue Transplantationsgesetz in Kraft, das bei den Bürgern eigentlich mehr Vertrauen in die Organspende schaffen und so die Zahl der Spender erhöhen sollte.

Das Amtsgericht in Braunschweig sendet mit dem Haftbefehl ein überraschend deutliches Signal aus. Am Freitag hatten sich die ermittelnden Staatsanwaltschaften in München und Regensburg noch zögerlich gegenüber der Berliner "Tageszeitung" ("taz") geäußert: "Wir gehen davon aus, dass die Datenveränderungen per se nicht strafbar sind", sagte der Münchner Oberstaatsanwaltschaft Thomas Steinkraus-Koch. Er und sein Kollege aus Regensburg, der diese Einschätzung teilte, dämpften damit Erwartungen, das ärztliche Fehlverhalten könne strafrechtlich geahndet werden.

Wolfhard Meindl, Sprecher der Regensburger Strafverfolgungsbehörde, hielt es der "taz" gegenüber für wahrscheinlicher, dass die falschen Angaben über vermeintlich erfolgte Dialysen schlussendlich als Ordnungswidrigkeiten verbucht würden. Steinkraus-Koch sprach gar von einer "Strafbarkeitslücke".

wit/cib/dpa

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Sterblichkeit auf den Wartelisten

Fragen und Antworten zur Organvergabe in Deutschland
Welche Organisationen sind an der Organvermittlung beteiligt?
1997 wurde ein Gesetz verabschiedet, das die Transplantationsmedizin in drei finanziell und organisatorisch unabhängige Bereiche aufteilt: Für die Organisation der Organspende ist die Deutsche Stiftung für Organtransplantation (DSO) zuständig. Die Vermittlung der Organe übernimmt die Stiftung Eurotransplant. Die eigentliche Übertragung des Organs auf den Empfänger findet in den bundesweit rund 50 Transplantationszentren statt.
Wie läuft die Zusammenarbeit?
Besteht bei einem Patienten der Verdacht auf Hirntod, vermittelt ein regionales DSO-Zentrum bei Bedarf unabhängige Neurologen für die Abklärung. Die Stiftung unterstützt die Ärzte außerdem bei der Klärung der Frage, ob der Patient einer Organspende zugestimmt hat oder ob seine Angehörigen dies tun. Dann werden die Daten des gespendeten Organs von der DSO an die Stiftung Eurotransplant übermittelt.
Was ist die Aufgabe von Eurotransplant?
Die Stiftung vermittelt gespendete Organe in sieben europäische Länder mit insgesamt 124 Millionen Einwohnern: Belgien, Deutschland, Kroatien, Luxemburg, Niederlande, Österreich und Slowenien. Eurotransplant sitzt in Leiden in Südholland und führt in ihren Wartelisten rund 15.000 Menschen. Zum Vergleich: 2010 wurden in Zuständigkeitsbereich von Eurotransplant knapp 7000 Lebern, Herzen, Lungen, Nieren und Bauchspeicheldrüsen gespendet und eingepflanzt.
Woher bekommt Eurotransplant seine Informationen?
Bei Eurotransplant läuft alles zusammen: die Daten der Menschen, die auf eine Transplantation warten, und die Daten der gespendeten Organe. Die Informationen über die Wartenden kommen von den Transplantationszentren, die Daten über die Organe von der DSO.
Hängt es vom behandelten Arzt ab, welche Informationen zu Eurotransplant gelangen?
Die Ärzte sind an die "Richtlinien für die Wartelistenführung" der Bundesärztekammer gebunden. Danach ist eine Organtransplantation medizinisch geboten, wenn Erkrankungen "nicht rückbildungsfähig fortschreiten oder durch einen genetischen Defekt bedingt sind und das Leben gefährden oder die Lebensqualität hochgradig einschränken". Weiter heißt es in den Richtlinien: "Die Gründe für oder gegen die Aufnahme in die Warteliste sind von dem darüber zu entscheidenden Arzt zu dokumentieren."
Was hat das mit Eurotransplant zu tun?
Entscheidend bei der Auswahl des geeigneten Empfängers sind die Dringlichkeit der Transplantation und die Erfolgsaussichten. Dafür wird etwa bei Lebertransplantationen aus Laborwerten der sogenannte MELD-Score berechnet. Er ist ein Maß für die Wahrscheinlichkeit des erkrankten Menschen, ohne Transplantation innerhalb der nächsten drei Monate zu sterben.
Wie ist es möglich, dass dabei geschummelt wird?
Dazu sagte der Präsident von Eurotransplant, Bruno Meiser, die Zuordnung der Organe sei jederzeit komplett nachvollziehbar. "Werden die Daten aber gefälscht übermittelt, ist auch Eurotransplant hilflos." Aus seiner Sicht kann aber ein Mensch allein nicht betrügen. "Irgendeinem Kollegen muss zumindest aufgefallen seien, dass Laborwerte unrealistische Schwankungen aufwiesen oder Werte nicht zueinanderpassten."

dapd