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Organspendeskandal in Göttingen: Angeklagter Arzt kommt frei

Angeklagter Arzt Aiman O. (l.): Gegen Kaution auf freien Fuß Zur Großansicht
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Angeklagter Arzt Aiman O. (l.): Gegen Kaution auf freien Fuß

Fast ein Jahr lang hat Aiman O. in Untersuchungshaft gesessen. Wegen des Organspendeskandals in Göttingen muss sich der Mediziner vor Gericht verantworten. Nun wurde entschieden: Der 46-Jährige kommt vorerst auf freien Fuß.

Göttingen - Im Prozess um den Organspendeskandal in Göttingen wird der angeklagte Arzt aus der Untersuchungshaft entlassen. Das Landgericht Göttingen hielt den Haftbefehl zwar aufrecht, setzte ihn aber gegen Auflagen außer Vollzug. Unter anderem muss Aiman O., früherer Leiter der Göttinger Transplantationsmedizin, eine halbe Million Euro Kaution stellen, und seine Reisedokumente abgeben, weil das Gericht nach wie vor Fluchtgefahr bei ihm sieht. Der Mediziner sitzt seit Januar in Untersuchungshaft.

Der 46-Jährige muss sich seit August vor Gericht verantworten, weil er seinen Patienten durch falsche Angaben vorzeitig zu Spenderlebern verholfen haben soll. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm versuchten Totschlag in elf und Körperverletzung mit Todesfolge in drei Fällen vor.

Zudem soll Aiman O. drei Patienten Lebern ohne medizinische Notwendigkeit übertragen haben. Die Staatsanwaltschaft wertet dies als Körperverletzung mit Todesfolge. In zwei dieser drei Fälle kann dem Arzt nach Ansicht des Gerichts kein strafrechtlich relevanter Vorwurf gemacht werden. Im dritten Fall komme kein Vorsatz, sondern Fahrlässigkeit in Betracht.

Das Gericht hält eine Verurteilung nach dem derzeitigen Stand der Beweisaufnahme für möglich. Nach dem Stand der Beweisaufnahme müsse der Medizin-Professor mit einer Haftstrafe von mehr als zwei Jahren rechnen, sagte der Vorsitzende Richter Ralf Günther.

Die Staatsanwaltschaft hatte während der Verlesung der Anklage zudem gefordert, dem Arzt müsse die Ausübung seines Berufs verboten werden. Aiman O. bestreitet die Manipulationen. Er habe stets nach medizinischen Kriterien gehandelt, versichert er.

Der Organspendeskandal im niedersächsischen Göttingen war 2012 bekanntgeworden. Bei dem Prozess handelt es sich um das bundesweit erste Verfahren, in dem einem Arzt nach Manipulation von Patientendaten ein Tötungsdelikt vorgeworfen wird. Rechtsexperten sprechen von juristischem Neuland.

Die Staatsanwaltschaft kündigte Beschwerde gegen die Freilassung des Chirurgen an. Der Prozess wird im Januar fortgesetzt.

wit/dpa

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Fragen und Antworten zur Organvergabe in Deutschland
Welche Organisationen sind an der Organvermittlung beteiligt?
1997 wurde ein Gesetz verabschiedet, das die Transplantationsmedizin in drei finanziell und organisatorisch unabhängige Bereiche aufteilt: Für die Organisation der Organspende ist die Deutsche Stiftung für Organtransplantation (DSO) zuständig. Die Vermittlung der Organe übernimmt die Stiftung Eurotransplant. Die eigentliche Übertragung des Organs auf den Empfänger findet in den bundesweit rund 50 Transplantationszentren statt.
Wie läuft die Zusammenarbeit?
Besteht bei einem Patienten der Verdacht auf Hirntod, vermittelt ein regionales DSO-Zentrum bei Bedarf unabhängige Neurologen für die Abklärung. Die Stiftung unterstützt die Ärzte außerdem bei der Klärung der Frage, ob der Patient einer Organspende zugestimmt hat oder ob seine Angehörigen dies tun. Dann werden die Daten des gespendeten Organs von der DSO an die Stiftung Eurotransplant übermittelt.
Was ist die Aufgabe von Eurotransplant?
Die Stiftung vermittelt gespendete Organe in sieben europäische Länder mit insgesamt 124 Millionen Einwohnern: Belgien, Deutschland, Kroatien, Luxemburg, Niederlande, Österreich und Slowenien. Eurotransplant sitzt in Leiden in Südholland und führt in ihren Wartelisten rund 15.000 Menschen. Zum Vergleich: 2010 wurden in Zuständigkeitsbereich von Eurotransplant knapp 7000 Lebern, Herzen, Lungen, Nieren und Bauchspeicheldrüsen gespendet und eingepflanzt.
Woher bekommt Eurotransplant seine Informationen?
Bei Eurotransplant läuft alles zusammen: die Daten der Menschen, die auf eine Transplantation warten, und die Daten der gespendeten Organe. Die Informationen über die Wartenden kommen von den Transplantationszentren, die Daten über die Organe von der DSO.
Hängt es vom behandelten Arzt ab, welche Informationen zu Eurotransplant gelangen?
Die Ärzte sind an die "Richtlinien für die Wartelistenführung" der Bundesärztekammer gebunden. Danach ist eine Organtransplantation medizinisch geboten, wenn Erkrankungen "nicht rückbildungsfähig fortschreiten oder durch einen genetischen Defekt bedingt sind und das Leben gefährden oder die Lebensqualität hochgradig einschränken". Weiter heißt es in den Richtlinien: "Die Gründe für oder gegen die Aufnahme in die Warteliste sind von dem darüber zu entscheidenden Arzt zu dokumentieren."
Was hat das mit Eurotransplant zu tun?
Entscheidend bei der Auswahl des geeigneten Empfängers sind die Dringlichkeit der Transplantation und die Erfolgsaussichten. Dafür wird etwa bei Lebertransplantationen aus Laborwerten der sogenannte MELD-Score berechnet. Er ist ein Maß für die Wahrscheinlichkeit des erkrankten Menschen, ohne Transplantation innerhalb der nächsten drei Monate zu sterben.
Wie ist es möglich, dass dabei geschummelt wird?
Dazu sagte der Präsident von Eurotransplant, Bruno Meiser, die Zuordnung der Organe sei jederzeit komplett nachvollziehbar. "Werden die Daten aber gefälscht übermittelt, ist auch Eurotransplant hilflos." Aus seiner Sicht kann aber ein Mensch allein nicht betrügen. "Irgendeinem Kollegen muss zumindest aufgefallen seien, dass Laborwerte unrealistische Schwankungen aufwiesen oder Werte nicht zueinanderpassten."

dapd

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