Prozess zum Organspendeskandal "Er hat getötet, ohne Mörder zu sein"

Der Chirurg Aiman O. steht vor Gericht. Er soll Angaben zu Patienten manipuliert haben, um ihnen Organe transplantieren zu können. Die Anklage wertet das als versuchten Totschlag, er habe den Tod Anderer in Kauf genommen. Der Prozess in Göttingen wird das System der Organvergabe auf den Prüfstand stellen.

Von Antje Windmann, Göttingen


Mit verschränkten Armen steht er da, im blauen Jackett und roter Krawatte. Die Kameras blitzen. Er lacht, winkt Menschen im Publikum zu, hält einen Daumen hoch. Die Geste wirkt arrogant, vielleicht will er sich mit dieser Siegessicherheit aber auch nur schützen.

Der Transplantationschirurg Aiman O., 46 Jahre alt, muss sich seit Montag vor dem Landgericht Göttingen verantworten. Die Staatsanwaltschaft hat ihn wegen versuchten Totschlags in elf Fällen und Körperverletzung mit Todesfolge in drei Fällen angeklagt.

Aiman O. wird vorgeworfen, von Herbst 2008 bis Herbst 2011 in der Uni-Klinik Göttingen seine Patienten auf dem Papier kränker gemacht zu haben, als sie es tatsächlich waren, um für sie schneller ein neues Organ zu bekommen. Damit habe er andere Menschen auf der Warteliste verdrängt, deren Tod "billigend in Kauf genommen", verliest die Oberstaatsanwältin Hildegard Wolff. "Er hat getötet, ohne Mörder zu sein."

Aiman O. soll Dialysen erfunden und alkoholkranken Patienten, die nicht die vorgeschriebene Abstinenzzeit von sechs Monaten eingehalten hatten, Organe zugeschustert haben. Zuvor waren zwei Kranke in anderen Universitätskliniken abgelehnt worden. Ein Patient, so die Ankläger, "habe bis wenige Tage zuvor getrunken." Zudem soll Aiman O. drei Patienten transplantiert haben, bei denen der Eingriff nicht angezeigt gewesen sei. Sie waren in Folge der Transplantation gestorben.

Darunter war ein Mann, Mitte 50, den der Anruf, man habe ein Organ für ihn, auf dem Sportplatz erreicht haben soll. Ein anderer hätte noch eine "nahezu normale Leberfunktion" gehabt.

O. bestreitet alle Vorwürfe

Nach der Verlesung der Anklageschrift äußert sich Aiman O. umfassend. Seine Haare sind weißer als zuvor. Acht Monate Untersuchungshaft liegen hinter ihm. Er berichtet, wie er nach Göttingen kam, mit dem Auftrag, das Transplantationszentrum "auf Vordermann zu bringen". Die Uni-Klinik hätte einen Einzugsradius von etwa 30 Kilometern gehabt, ein paar Monate später schon Patienten aus Dortmund zugewiesen bekommen. Aiman O.s Begründung: "Ich genieße einen guten Ruf."

In Deutschland werden Lebern nach dem sogenannten Meld-Score vergeben. Je höher der Punktwert, desto schneller bekommt der Patient ein Organ. Auf der Warteliste von Eurotransplant, der europäischen Vergabestelle für Organe, geschieht dies aufgrund des Organmangels meist erst ab einem Wert von 35. Um eben diese Werte zu erreichen, soll O. manipuliert haben.

"Jeder Kranke muss individuell betrachtet werden. Aber nicht jeder wird vom Meld-Score abgebildet", sagt Aiman O. "Nehmen wir einen Patienten mit einem Meld von sechs, der aus allen Löchern blutet. Der Mensch ist in Lebensgefahr." Auf dem Papier erscheine er nur nicht so krank, weil man ihn umfassend stabilisiert hätte.

Seine Patienten hätten alle eine Transplantation gebraucht. Darüber hinaus seien die Überlebensraten etwa mit einem Wert von 40 extrem schlecht. "Da sehe ich den Patienten, wie er das Organ nimmt und ins Grab geht. Das ist für den Chirurgen die Katastrophe." Er habe stets nach medizinischen Kriterien gehandelt. "Das war kein Blindflug", verteidigte sich Aiman O.

Auch habe er nicht auf Teufel komm raus transplantiert, sei es fürs Renommee oder die 1500 Euro brutto, die ihm ab einer gewissen OP-Zahl für jeden weiteren Eingriff zustanden. "Ich habe in den Jahren mehr als 800 Organe abgelehnt, weil sie mangelhaft waren", behauptet er. Und dass er selbst Boni in der Transplantationschirurgie für unethisch halte. "Aber das war ein Muss vom Klinikvorstand. Damit der Chirurg ja nicht die Hände in den Schoß legt."

"Dies wird kein einfaches Verfahren werden"

Er habe stets das Beste für seine Patienten gewollt, sagt Aiman O., und verweist auf einen Fall, der in diesem Prozess wahrscheinlich noch häufiger zitiert werden wird: Aiman O. verhalf einer akut alkoholkranken Mutter von zwei Kindern zu einer neuen Leber. "Sie lebt." Und später: "Ich habe nicht gewusst, dass sie nicht abstinent war." Und überhaupt: "Wenn jemand um sein Leben lügt, ist das sein Problem."

Für nichts sei er sich zu fein gewesen. Wenn es Personalengpässe gab, habe er den Kittel ausgezogen und sei mit Patienten über den Flur gelaufen, um sie zu mobilisieren. Manchmal habe ihn seine Familie wochenlang nicht gesehen. "Aus Liebe zu meinem Beruf, den Menschen, dem Leben." In diesem Moment versagt Aiman O. die Stimme, er weint. Der Vorsitzende Richter Ralf Günther unterbricht das Verfahren.

Günther hatte schon zu Beginn deutlich gemacht: "Dies wird kein einfaches Verfahren werden - in tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht." Er stellte sich aber auch vor die Staatsanwaltschaft Braunschweig: "Es ist die Aufgabe der Staatsanwaltschaft, juristisches Neuland zu betreten, wenn etwas zu klären ist."

Aiman O.s Verteidiger hatte die Ankläger aus Braunschweig in einem emotionalen Eröffnungsstatement hart angegriffen. Sie hätten mit ihrer Informationspolitik aus seinem Mandanten einen "verantwortungslosen Halunken" gemacht, der nun stellvertretend haftbar gemacht würde für strukturelle Fehlentwicklungen eines Systems, das seriöse Juristen längst als verfassungswidrig anerkannt hätten.

Der Verstoß gegen ärztliche Richtlinien sei bis vor kurzem nicht mal strafbar gewesen, sondern hätte höchstens als Ordnungswidrigkeit gewertet werden können. Die Anklage sei deshalb eine "absurde Konstruktion von Verbrechenstatbeständen".

Ob dem so ist, wird der Prozess zeigen. 42 Sitzungstage sind angekündigt, die letzten im Mai 2014.

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.