Organspendeskandal in München Vorwürfe gegen Klinikchef

Im Münchner Organspendeskandal sind weitere Vorwürfe bekannt geworden: Die Bundesärztekammer soll laut "Süddeutscher Zeitung" dem Klinikchef vorwerfen, er habe die Aufklärung verhindern wollen. Patientenschützer vermuten ein System hinter den mutmaßlichen Manipulationen.

Klinikum rechts der Isar in München: Organspendeskandal wird untersucht
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Klinikum rechts der Isar in München: Organspendeskandal wird untersucht


München - Im Zusammenhang mit dem Organspendeskandal am Münchner Klinikum rechts der Isar hat die Bundesärztekammer einem Zeitungsbericht zufolge schwere Vorwürfe gegen den Klinikchef erhoben. Dieser habe die Manipulationen nicht wirklich aufklären wollen, zitierte die "Süddeutsche Zeitung" am Montag aus einem Bericht der Prüfungs- und Überwachungskommission der Bundesärztekammer. Vielmehr sollten "weitere Untersuchungen gerade nicht stattfinden", und so habe "eine eigentlich gebotene Aufklärung nicht stattgefunden". In einem Schreiben vom Februar 2010 habe der Professor noch betont, es gebe kein Fehlverhalten.

Der Klinikdirektor wies die Vorwürfe laut Bericht zurück. Er habe "stets die erforderlichen Schritte nach dem jeweiligen Erkenntnisstand ergriffen". Die Bundesärztekammer wollte sich nicht äußern, weil der Abschlussbericht noch nicht vorliege. Im Juni soll es dazu eine Pressekonferenz geben. Auch die Klinik und das bayerische Wissenschaftsministerium lehnten eine Stellungnahme ab, weil der Prüfbericht noch nicht vorliege.

Die Staatsanwaltschaft München ermittelt seit dem vergangenen Jahr wegen Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe von Spenderlebern in dem Münchner Krankenhaus. Laut "Süddeutscher Zeitung" haben die Prüfer der Bundesärztekammer alle Lebertransplantationen des Klinikums aus den Jahren 2008 bis Mitte 2012 untersucht. Dabei stießen sie auf 36 Verstöße gegen die Richtlinien.

"Es ist ein System des Wissens und des Verschweigens"

Die Kommission geht demnach "von bewussten Falschmeldungen" an die Organ-Vermittlungsstelle Eurotransplant aus. Allein in zehn Fällen soll eine neue Leber an Alkoholiker vergeben worden sein, die noch nicht die erforderlichen sechs Monate abstinent waren. Zudem sollen 13 Patienten mit Leberkrebs ein Spenderorgan erhalten haben, obwohl sie keinen Anspruch darauf hatten. Andere Patienten an anderen Kliniken seien deshalb leer ausgegangen.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz in Dortmund sieht hinter den mutmaßlichen Manipulationen ein System. "Die Vorwürfe gegen den Chef des Klinikums rechts der Isar zeigen: Es handelt sich nicht um Einzeltäter. Es ist ein System des Wissens und des Verschweigens", sagte Vorstand Eugen Brysch.

Die Unregelmäßigkeiten am Münchner Klinikum waren im Zuge von Überprüfungen nach dem Organspendeskandal am Uniklinikum Göttingen aufgedeckt worden. Auch an den Unikliniken in Regensburg und Leipzig gibt es Manipulationsvorwürfe im Zusammenhang mit Lebertransplantationen. Dies hatte zu einem dramatischen Einbruch der Spendenbereitschaft in Deutschland geführt. Seit September kontrolliert die unabhängige Prüfungs- und Überwachungskommission alle 25 Lebertransplantationsprogramme in Deutschland. Später sollen auch die Herz- und Nierenprogramme folgen.

wit/dpa/AFP



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