Prüfung der Organvergabe Ungereimtheiten im Berliner Herzzentrum

Die Prüfkommission der Bundesärztekammer hat in sechs deutschen Herzzentren die Organvergabe kontrolliert. In Berlin wurde womöglich versucht, Patienten kränker aussehen zu lassen, als sie waren.

OP-Saal im Deutschen Herzzentrum Berlin: Überprüfung begrüßt
DPA

OP-Saal im Deutschen Herzzentrum Berlin: Überprüfung begrüßt

Von Udo Ludwig und Antje Windmann


Hamburg - Bei der Überprüfung der Organtransplantationen im Deutschen Herzzentrum in Berlin (DHZB) sind Ungereimtheiten aufgetreten. So sollen in mindestens zwei Fällen die Angaben zur Dosierung bestimmter herzunterstützender Medikamente nicht schlüssig gewesen sein. Die Höhe der Dosierung dieser Mittel kann jedoch die Entscheidung beeinflussen, ob ein Patient als hochdringlich für eine Herztransplantation eingestuft wird.

Zwar habe sich rückblickend gezeigt, dass die Betroffenen auch unabhängig von den Medikamentengaben aufgrund ihrer Krankheitssymptome "HighUrgency"-berechtigt waren. Dennoch wurden weitere Nachprüfungen beschlossen: Sie sollen klären, inwiefern es sich bei der Angabe der Dosierungen um mangelhafte Dokumentation, Regelverstöße oder gar Manipulationen gehandelt haben könnte.

Aufgrund der Organknappheit ist es für Patienten ohne Hochdringlichkeitsstatus nahezu aussichtslos, ein Spenderorgan zu bekommen. Ob jemand HU-gelistet wird, beurteilen drei Ärzte aus verschiedenen anderen Transplantationszentren anhand der medizinischen Daten, die ihnen die behandelnde Klinik übermittelt. Die Wartelisten führt die europäische Organvergabestelle Eurotransplant (ET) im niederländischen Leiden.

Hochdosierte Herzmittel rechtfertigen den HU-Status

Laut Richtlinien zur Organtransplantation erhalten den Hochdringlichkeitsstatus nur Patienten, die akut lebensbedroht sind. Die also unter anderem intensivmedizinisch behandelt werden und denen selbst hoch dosierte herzunterstützende Medikamente nicht mehr helfen. Die Richtlinien halten unter anderem explizit fest, dass niedrig dosierte sogenannte Katecholamine eine HU-Meldung nicht begründen.

Die Richtigkeit der übermittelten Daten liegt in der Verantwortung der behandelnden Mediziner. Die Ärztin, die angeblich laut den elektronischen Patientenakten jene Medikamente verordnet hat, sei sofort von sämtlichen klinischen Verpflichtungen entbunden worden, heißt es. "Dies ist unzutreffend", teilte das DHZB dagegen auf SPIEGEL-Anfrage mit. "Die Ärztin ist derzeit damit betraut, ein Transplantationsmanual zu erstellen."

Zu den Vorwürfen selbst wollte sich das Herzzentrum aus Gründen der Schweigepflicht nicht äußern. Nur so weit: "Bei derartigen Überprüfungen ist es üblich, dass Nachfragen gestellt werden, da bei der Erstprüfung nicht gleich alle Unterlagen vorliegen können." Der verantwortliche Leiter, Professor Rudolf Hetzer, habe der Kommission selbstverständlich "im Rahmen der rechtlichen Zulässigkeit Antworten auf ihre Fragen erteilt". Er begrüße "ausdrücklich die Tatsache, dass alle Transplantationszentren durch eine Kommission überprüft werden".

Die Prüfkommission wird geleitet von der ehemaligen Richterin Anne-Gret Rinder. Nach Auskunft der Bundesärztekammer wurden bislang sechs Zentren geprüft. Der aktuelle Tätigkeitsbericht der Prüf- und der Überwachungskommission soll Ende August oder Anfang September 2014 vorliegen.

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Lisa_can_do 28.06.2014
1. Folge dieser Berichterstattung
sind wieder verunsicherte Patienten, Angehörige, Freunde, weil einfach die Fakten sehr beliebig interpretiert werden. Patienten, die auf einer Transplant-Liste sind, sind defacto schwerstkrank. Auch HU - gerankte Patienten bekommen nicht gleich ein Organ. Und kein Arzt / keine Ärztin darf und wird einem Patienten Medikamente verordnen, die den Zustand in welcher Hinsicht verschlechtern könnten, wären kriminell. In Deutschland aber reißen sich Transplantations-Mediziner, Transplant - Koordinatoren und alle mitarbeitenden Teams den Arsch auf für die Patienten mit Dauer-Diensten und ein Leben in der Klinik. Kritisch sein ja, aber was in Deutschland geleistet wird in der Medizin ist großartig und im internationalen Vergleich führend. Diese völlig umprofessionelle Diskussion wird wieder zu mehr Toten führen, weil die Deutschen noch zurückhaltender werden bei der Organspende, und der Kampf der medizinischen Teams und der Patienten wird konterkariert durch diese Stimmungsmache. PS Professor Hetzer ist schon seit Monaten emeritiert (also in Rente).
Softship 28.06.2014
2.
Zitat von Lisa_can_dosind wieder verunsicherte Patienten, Angehörige, Freunde, weil einfach die Fakten sehr beliebig interpretiert werden. Patienten, die auf einer Transplant-Liste sind, sind defacto schwerstkrank. Auch HU - gerankte Patienten bekommen nicht gleich ein Organ. Und kein Arzt / keine Ärztin darf und wird einem Patienten Medikamente verordnen, die den Zustand in welcher Hinsicht verschlechtern könnten, wären kriminell. In Deutschland aber reißen sich Transplantations-Mediziner, Transplant - Koordinatoren und alle mitarbeitenden Teams den Arsch auf für die Patienten mit Dauer-Diensten und ein Leben in der Klinik. Kritisch sein ja, aber was in Deutschland geleistet wird in der Medizin ist großartig und im internationalen Vergleich führend. Diese völlig umprofessionelle Diskussion wird wieder zu mehr Toten führen, weil die Deutschen noch zurückhaltender werden bei der Organspende, und der Kampf der medizinischen Teams und der Patienten wird konterkariert durch diese Stimmungsmache. PS Professor Hetzer ist schon seit Monaten emeritiert (also in Rente).
Stimmt. Der Satz "Zwar habe sich rückblickend gezeigt, dass die Betroffenen auch unabhängig von den Medikamentengaben aufgrund ihrer Krankheitssymptome "HighUrgency"-berechtigt waren." geht im Artikel etwas unter. M.W. wird Professor Hetzer erst Anfang Oktober von Volkmar Falk ersetzt.
cherrypicker 28.06.2014
3.
Zitat von Lisa_can_dosind wieder verunsicherte Patienten, Angehörige, Freunde, weil einfach die Fakten sehr beliebig interpretiert werden. Patienten, die auf einer Transplant-Liste sind, sind defacto schwerstkrank. Auch HU - gerankte Patienten bekommen nicht gleich ein Organ. Und kein Arzt / keine Ärztin darf und wird einem Patienten Medikamente verordnen, die den Zustand in welcher Hinsicht verschlechtern könnten, wären kriminell. In Deutschland aber reißen sich Transplantations-Mediziner, Transplant - Koordinatoren und alle mitarbeitenden Teams den Arsch auf für die Patienten mit Dauer-Diensten und ein Leben in der Klinik. Kritisch sein ja, aber was in Deutschland geleistet wird in der Medizin ist großartig und im internationalen Vergleich führend. Diese völlig umprofessionelle Diskussion wird wieder zu mehr Toten führen, weil die Deutschen noch zurückhaltender werden bei der Organspende, und der Kampf der medizinischen Teams und der Patienten wird konterkariert durch diese Stimmungsmache. PS Professor Hetzer ist schon seit Monaten emeritiert (also in Rente).
Mag ja alles sein. Ich sehe das Problem der mangelnden Organe ganz woanders, denn Tatsache ist doch: Nur weil ich meinen Organspendeausweis mit mir führe, bin ich ja noch lange nicht tot und damit spendefähig. Zudem: Wer als alter klappriger Patient verstirbt, der kommt in den wenigsten Fällen als Organspender in Frage, weil seine Organe durch ein langes Leben schon genug geschädigt sind, als dass eine Transplantation noch Sinn machen würde. Zu etwa 25% ist der Organspender ein Unfallopfer in jungen oder mittleren Jahren. Die Anzahl der Verkehrstoten erreichte ihren Spitzenwert in Deutschland aber schon 1970 mit 19.000. Seitdem ist dieser Wert stetig gesunken und erreichte ein Allzeittief von 3.300. Weniger Unfalltote = weniger gespendete Organe. Die übrigen Organspender sind üblicherweise Menschen, die an einem Schlaganfall oder inneren Blutungen sterben. Es gibt zwar rund 260.000 Schlaganfälle pro Jahr in Deutschland, aber 80% davon betreffen über 60jährige, nur 5 bis 10% unter 50jährige. Durch stetige Vorsorge und gesündere Lebensweise (weniger Fett, weniger Rauchen) sowie durch den demographischen Wandel (weniger junge Leute) dürfte auch hier das theoretische Spenderaufkommen weiter zurückgehen. Ein Grund mehr, den Kliniken bei der Vergabepraxis genau auf die Finger zu sehen!
tolate 28.06.2014
4. Noch keine Klarheit haben , aber gleich mal veröffentlichen, das ist nicht gut.
Trotz einer Menge an Meldungen, Kommentaren etc. sind die Schwierigkeiten, die eine ausreichende Spendebereitschaft derzeit verhindern, bisher nicht in angemessener Weise dargestellt worden. Sowohl Skandalisierungen der Praxis einzelner Zentren, ohne die notwendige Abgrenzung zu echt kriminellem Verhalten, als auch der Gebrauch von zu technokratischen Lösungen hinsichtlich der Erlangung der Einwilligung zu Organspenden sind ein gewichtiger Faktor. Der andere Faktor ist die Verunsicherung durch den Kommerz, der mit der Organtransplantation verbunden ist. Dieser weist ebenfalls zwei klare Enden eines Spektrums auf, zum einen die finanzielle Begünstigung an sich ordentlich arbeitender Zentren und ihrer Mannschaften durch vermehrte Transplantationen, zum anderen die echt kriminelle geschäftliche Verwertung der Technik der Organspende mittels dubios eingeworbener Spendern und teilweise ebenso dubioser Auswahl der Empfänger auf der Grundlage mafioser Techniken. Hinzu kommen die immer wiederkehrenden Verunsicherungen hinsichtlich des konkreten Ablaufs, bei dem eben für eine Spende nicht erst in gehöriger Zeit nach dem Tod des Betreffenden mit den konkreten Schritten begonnen werden kann, mit der Erlangung der Einwilligung, der Durchführung der Organentnahme usw. Die notwendige , wenngleich geringe zeitliche Überlappung schafft immer wieder neue publizistische Gelegenheiten zur Verunsicherung . Im vorliegenden Fall wird einerseits betont, es seien Auffäklligkeiten festgestellt worden, vielleicht sogar absichtliche Manipulationen, auf der anderen Seite wird betont, die einstufung sei dennoch in Ordnung gewesen. Länger warten und klarer informieren wäre auch mal nicht schlecht. In München wurde erst ein Mediziner geschasst, und dann später wieder eingestellt. Bringt das nun rechtliche Sicherheit, oder neue Spekulationen?
stanford.66 28.06.2014
5. Organspender=Organempfänger
Das Problem der zu geringen Zahl an potentiell erwachsenen Organspendern ließe sich eventuell dadurch vermindern, dass Erwachsene, der sich mit 18 Jahren für Organspende entscheidet, das sofortige Recht auf eine etwaig notwendige Organtransplantation erhält. Entscheidet er sich erst mit 28, 38, 48 etc. Jahren zur Organspende, erhält er frühestens mit 38, 58, 78 etc. Jahren eine etwaig notwendige Organtransplantation.
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